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Der abtretende Walchwiler Gemeindepräsident Tobias Hürlimann politisierte leidenschaftlich sachlich

Tobias Hürlimann (55) hat in den zehn Jahren als Gemeindepräsident einen Stil der Korrektheit bis an die Schmerzgrenze geprägt, der seiner Vorsicht und seinen hohen Ansprüchen geschuldet war. So schützte sich der schlaue und erfolgreiche Politiker.
Raphael Biermayr
Tobias Hürlimann wird sich über Ämter hinaus seinem Dorf gegenüber verpflichtet fühlen. (Bild: Christian H. Hildebrand (Walchwil, 20. Dezember 2018))

Tobias Hürlimann wird sich über Ämter hinaus seinem Dorf gegenüber verpflichtet fühlen. (Bild: Christian H. Hildebrand (Walchwil, 20. Dezember 2018))

Die Liegeplattform in der Walchwiler Badi erzählt eine Menge über den Politiker Tobias Hürlimann. Als er im Dezember 2007 an der Gemeindeversammlung (GV) als zuständiger Gemeinderat den Kredit dafür holte, versprach er, dass die Plattform pünktlich zu Saisonbeginn, also ein halbes Jahr später, bereitstehen würde. Nicht nur der damalige Bauverwalter belächelte ihn für seinen Optimismus. Im Mai 2008 war die Plattform Tatsache.

Dahinter steckte weniger Glück als vielmehr minutiöse Vorbereitung. Hürlimann hatte noch vor der GV den damaligen Baudirektor Heinz Tännler in einem persönlichen Gespräch um 6.45 Uhr in dessen Büro davon überzeugt, dass der Kanton auf seinen ersten Entscheid, die Ablehnung des Gesuchs, zurückkommen würde. Darüber hinaus hatte er bei Baufirmen vorgefühlt, um beim anschliessenden Submissionsverfahren keine Zeit zu verlieren. Daraufhin nahm er den Architekten mit zur Sitzung mit den diversen involvierten kantonalen Ämtern, damit dieser drei Tage später die Pläne einreichen konnte. Und er besuchte umgehend den Einsprecher aus der Bevölkerung, der daraufhin seinen Einwand zurückzog.

Tobias Hürlimann erzählt diese Geschichte bei einem ausgiebigen Gespräch über seine lange Zeit im Gemeinderat, die am 1. Januar nach 18 Jahren zu Ende sein wird. Die Episode steht für seine Antizipation und Schläue sowie für seine Worttreue. Diese Eigenschaften attestieren dem 55-Jährigen ausnahmslos alle für die Entstehung dieses Artikels angefragten Gesprächspartner unterschiedlicher Parteicouleur aus der Zuger Gemeinde- und Kantonalpolitik. Auch an seinem bedingungslosen Einsatz für Walchwil hegt keiner Zweifel. Jener fusst auf einer Art Pflichtbewusstsein, das wiederum mit seiner Familiengeschichte verwoben scheint. Mit 25 Jahren übernahm er die Firma in den Bereichen Sanitär, Heizung und Schlosserei und hat sie weiterentwickelt. Heute ist er einer der grössten Arbeitgeber im Dorf.

Tobias Hürlimann, mit verwegenem Schnauz, nach wenigen Monaten im Gemeinderat (Bild: Alexandra Wey (Walchwil, 5. April 2001))Tobias Hürlimann, mit verwegenem Schnauz, nach wenigen Monaten im Gemeinderat (Bild: Alexandra Wey (Walchwil, 5. April 2001))
Schon als Sicherheitsvorsteher glänzt er durch grossen persönlichen Einsatz – und beweist Mut bei der Krawattenwahl. (Bild: Fabienne Arnet (Walchwil, 20. Januar 2003))Schon als Sicherheitsvorsteher glänzt er durch grossen persönlichen Einsatz – und beweist Mut bei der Krawattenwahl. (Bild: Fabienne Arnet (Walchwil, 20. Januar 2003))
Im September 2007 empfängt Hürlimann die CVP-Bundesrätin Doris Leuthard in seiner Firma in Walchwil. (Bild: Christof Borner-Keller)Im September 2007 empfängt Hürlimann die CVP-Bundesrätin Doris Leuthard in seiner Firma in Walchwil. (Bild: Christof Borner-Keller)
Ohne Schnauz, aber mit dem gleichen Gestus wie vor sieben Jahren, kandidiert Hürlimann erfolgreich als Gemeindepräsident. (Bild: Stefan Kaiser (Walchwil, 17. November 2008))Ohne Schnauz, aber mit dem gleichen Gestus wie vor sieben Jahren, kandidiert Hürlimann erfolgreich als Gemeindepräsident. (Bild: Stefan Kaiser (Walchwil, 17. November 2008))
An der Seite seines Nachfolgers als Gemeindepräsident, Stefan Hermann, nimmt Hürlimann am Zuger Chriesisturm teil. (Bild: Werner Schelbert (27. Juni 2016))An der Seite seines Nachfolgers als Gemeindepräsident, Stefan Hermann, nimmt Hürlimann am Zuger Chriesisturm teil. (Bild: Werner Schelbert (27. Juni 2016))
Abschiedsgeschenk: Am 13. Oktober 2018 eröffnen Tobias Hürlimann und der Bauchef René Loosli (links) das umfangreichste Bauwerk der Walchwiler Gemeindegeschichte, die Oberdorfstrasse. (Bild: Roger Zbinden)Abschiedsgeschenk: Am 13. Oktober 2018 eröffnen Tobias Hürlimann und der Bauchef René Loosli (links) das umfangreichste Bauwerk der Walchwiler Gemeindegeschichte, die Oberdorfstrasse. (Bild: Roger Zbinden)
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18 Jahre im Walchwiler Gemeinderat: Tobias Hürlimann im Wandel der Zeit

Nur keine Schwäche zeigen

Hürlimann ist sich beruflich gewohnt, das letzte Wort zu haben. Als der einer CVP-Familie entstammende Politiker im Dezember 2008 mit mehr als doppelt so vielen Stimmen Vorsprung auf seinen Herausforderer von der SVP zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde, hatte er dieses auch in der Dorfpolitik. In dieser Rolle prägte er fortan nach aussen hin einen Stil der Korrektheit, die mitunter bis an die Schmerzgrenze ging. Nirgends waren die Gemeindeversammlungen derart trocken wie in Walchwil. Hürlimann war an diesen Abenden ein Technokrat: «Punkt 1», «Punkt 2», «Punkt 3» und so ging es da in ein- und derselben Tonlage fort. Vor jeder GV habe er «zur Sicherheit» das Gemeindegesetz gelesen – vor jeder. Darauf beruft er sich im Gespräch auch reflexartig bei der Frage, warum es unter seiner Ägide kein Traktandum Varia gab: «Ein solches ist im Gemeindegesetz nicht vorgesehen.» Dahinter steckt natürlich mehr, wie er schliesslich selbst darlegt: Die Gemeindeversammlung begäbe sich mit der Möglichkeit nach freier Äusserung seiner Ansicht nach «auf Vereinsniveau – und das darf nicht sein».

Kontrolle und Struktur sind Bestandteile des Schutzmantels, den er sich als öffentliche Person übergestreift hat. Sich nicht angreifbar machen; durch penible Vorbereitung keine Schwäche oder Selbstzweifel aufkommen lassen, erst recht nicht in der Öffentlichkeit – diese Vorsätze trieben Hürlimann stets an und um. Deshalb habe er zum Beispiel über die GV-Geschäfte mindestens so gut wie der jeweilige zuständige Gemeinderat Bescheid gewusst. Wenn er das Gefühl hatte, dass jemand innerhalb des Rats ein Geschäft nicht kompetent vertreten konnte, habe er es als Gemeindepräsident zurückgestellt. Ungefragt führt er aus: «Dahinter steckte kein Machtanspruch, wie er mir schon unterstellt wurde. Vielmehr war es Fairness gegenüber meinen Kollegen, damit sie nicht blossgestellt wurden.»

Seine professionelle und konsequente Einstellung brachte ihm Respekt ein, liess ihn aber auch unnahbar erscheinen. Ein früherer Gemeinderatskollege sagt, wer ihn nur an Gemeindeversammlungen oder sonstigen offiziellen Veranstaltungen erlebte, habe ein falsches Bild von der Person Tobias Hürlimann erhalten. Darauf angesprochen, sagt der scheidende Gemeindepräsident, dass er diese Aufgabe letztlich als Job betrachtet hätte, den es bestmöglich zu erfüllen galt. Dennoch machte es mitunter den Eindruck, er würde jedwede Kritik an der Gemeinde Walchwil persönlich nehmen. «Ich vertrat die Geschäfte, als wären es meine eigenen», erklärt er. Die in seiner Amtszeit gestraffte Verwaltung, zu der der Bürokratie-Skeptiker nach Beobachtungen von Weggefährten ein distanziertes Verhältnis pflegte, bekam das vor allem während der Budgetprozesse zu spüren. Hürlimann kennt nach eigener Aussage alle der über 1000 Positionen und hakte mitunter wegen 100 Franken Abweichung oder aus seiner Sicht übertriebener Investitionen unerbittlich in den Abteilungen nach. «Da war ich wirklich manchmal ein Ekliger», sagt er selbst – durchaus stolz.

Grosser persönlicher Einsatz

Seine Hartnäckigkeit in Geldangelegenheiten machte sich auch anderweitig bezahlt. Bei den Verhandlungen über die Neuberechnung des Zuger Finanzausgleichs, der die Gebergemeinden weniger stark belastete, wird ihm dank seiner sachlichen und besonnenen Art eine bedeutende Vermittlerrolle zugeschrieben. Auf Gemeindeebene sind die grossen sichtbaren Hinterlassenschaften seiner Amtszeit die Oberdorfstrasse und das Dorfzentrum. Das Lob von einst kritischen ehemaligen Walchwiler Gemeindepräsidenten für das Zentrum bedeute ihm besonders viel. Hinter der Umsetzung dieser Bauten steckt eine Menge persönliches Engagement in ungezählten Diskussionsstunden mit Einsprechern und Andersdenkenden. Hürlimann stiess dabei nicht nur auf Verständnis. Es kam vor, dass er beleidigt wurde, was ihn menschlich traf. «Wenn die sachliche Ebene verlassen wurde, wurde es schwierig», sagt er heute, «man muss in diesem Job viel aushalten.» Auch deshalb habe er darauf geachtet, dass es eine Trennung zwischen Amt und Privatperson gab. Bei einem Elternabend sei er der Runde als Gemeindepräsident vorgestellt worden – «das erste und das letzte Mal. Ich sagte der Lehrerin, dass ich als Vater da war.»

Im vergangenen Frühjahr gab Tobias Hürlimann seinen Rücktritt auf Ende der laufenden Legislatur bekannt. Darüber nachgedacht hatte er schon früher: 2014, nachdem sein Gemeinderatskollege Peter Roth bei einem Unfall ums Leben gekommen war und sich Hürlimann Sinnfragen stellte. Und einige Jahre davor, nachdem ein Sanitär eine gemeindliche Arbeitsvergabe angefochten hatte, indem er dem Gemeindepräsidenten Vorteilsnahme unterstellte. Dies, obwohl Hürlimann den betreffenden Auftrag gar nicht erhalten konnte, weil er mit seiner Offerte nur auf dem fünften Rang gelegen habe, wie er sich erinnert. Hürlimann suchte daraufhin Rat beim damaligen Präsidenten des kantonalen Verwaltungsgerichts. «Ich wollte wissen, ob man seiner Einschätzung nach den Job im Gemeinderat als Unternehmer machen kann», führt der Politiker aus. Die Antwort fiel positiv aus.

Eine Zukunft in Bundesbern?

Im Allgemeinen sei er selten auf seine Doppelrolle als Geschäftsmann und Gemeinderat respektive Gemeindepräsident angesprochen worden. Selbstredend ist ihm bewusst, dass das im Dorf hinter vorgehaltener Hand ein latentes Thema war. Nicht zuletzt wegen seiner Nähe zur einflussreichen Bauunternehmerfamilie Rust, die ebenfalls der CVP angehört. Weggefährten sagen, dass hinter den Tuscheleien Neid auf die Erfolge von Hürlimann in Gesellschaft, Beruf und Politik steckt. Der argwöhnisch Beäugte selbst konnte in dieser Situation nur das tun, was er verinnerlicht hatte: Keinerlei Angriffsflächen bieten und über den Dingen stehen. So nahm er es letztlich sogar mit Humor, als unsere Zeitung ihn 2014 zum «grössten Dorfkönig» im Kanton krönte.

Wie wird es für ihn weitergehen? Seine Korrektheit wird Tobias Hürlimann verbieten, sich nach seinem Rücktritt öffentlich in die Walchwiler Politik einzumischen. Im Hintergrund dürfte er aber nach wie vor eine Rolle einnehmen. Seine Erfahrung und sein Netzwerk bleiben natürlich gefragt. An der CVP-Nominationsversammlung im vergangenen Mai hielt er eine flammende Rede, in der er forderte, dass sich die Kandidaten im Wahlkampf «wie Hyänen» auf die Gegner stürzen sollten. Das verdeutlichte seine ungebrochene Leidenschaft für die örtliche Politik, die er nicht einfach mit seinem Amt ablegen wird. Ob er dereinst auf einem anderen Parkett wieder politisch in Erscheinung treten wird, lässt er derzeit offen. Entscheidender ist ohnehin: Hürlimann wird sich Walchwil stets über Ämter hinaus verpflichtet fühlen und sich für die Gemeinde einsetzen. Folglich dürfte die Liegeplattform in der Badi weiterhin auf ihn als Stammgast verzichten müssen.

Über die Festtage verabschiedet unsere Zeitung Persönlichkeiten, deren politische Karriere dieses Jahr zu Ende geht.

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