Leitartikel
Warum nur fürchteten sich die jungen Liberalen vor der radikalen Lösung?

Zur Abstimmung über die längeren Ladenöffnungszeiten.

Marco Morosoli
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Künftig länger einkaufen? Ja, finden die jungen Liberalen.

Künftig länger einkaufen? Ja, finden die jungen Liberalen.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 23. August 2020)


Als vor 50 Jahren im aargauischen Spreitenbach das erste grosse Einkaufszentrum eröffnete, befürchteten viele, dass der Ruin des Detailhandels unmittelbar bevorstehe. Das ist nicht passiert. Jedoch wandelten sich die Ansprüche der Kundschaft in rasantem Tempo. Onlineshopping, Einkaufstourismus, zu hohe Preise und dergleichen sorgen für Druck.

Marco Morosoli

Marco Morosoli

Kommt hingegen die Rede auf den Ladenschluss im Kanton, holen die sich stets so fortschrittlich verkaufenden Zuger den klassischen Zweireiher aus der Garderobe. Das hat die Debatte über die Initiative zur Modifizierung der Ladenschlusszeit im Zuger Kantonsrat eindrücklich gezeigt. Ja, es ist richtig. Die Zuger Stimmbürger haben 1997 und 2002 ähnlich lautende Bestrebungen in Sachen Ladenschluss verworfen. Jetzt folgt am Wochenende (7. März 2021) der nächste Urnengang in dieser Angelegenheit.

Die Argumentationsketten der Ja- und Nein-Sager haben sich seither höchstens in Nuancen verändert, die Welt drumherum muss sich hingegen ständig neu erfinden. Ja, der Coronavirus ist eine enorme Last, aber wer weiss schon, was übermorgen ist. Das gilt selbst in normalen Zeiten.

Die Ladenschlussinitiative, um die es am 7. März 2021 geht, beinhaltet eine Kann- und keine Muss-Klausel. Kürzlich sagte mein bester Freund, der derzeit unter erschwerten Umständen ein eigenes Business aufbaut: «Es geht mir nicht darum, jeden Tag das Geschäft länger offen zu halten. Aber wenn ich zum Beispiel kurzfristig eine Veranstaltung plane, kann ich das innerhalb der mir zugebilligten Zeitfenster tun – ohne vorher eine Bewilligung einzuholen.»

Es geht den Initianten nicht darum, dass die Angestellten durch diese Erweiterung ihre sozialen Kontakte verlieren, die sportliche Betätigung einstellen, geschweige denn nur noch Überzeit anhäufen müssen. Selbstverständlich ist das eidgenössische Arbeitsgesetz zwingend einzuhalten, um den sozialen Frieden zu wahren.

Die schlechten Erfahrungen in den zwei Abstimmungen zum Ladenschluss vor und nach der Jahrtausendwende haben den Mut der Allianz der Zuger Jungparteien wahrscheinlich gebremst, denn eigentlich hätte die Fragestellung noch radikaler sein müssen. Nur eine vollkommene Liberalisierung der Öffnungszeiten öffnet alle Schlösser der Zwangsjacke. Wie diese freie Handhabung funktioniert, hätten die Initianten im südlichen noch konservativeren Kanton Schwyz finden können. Ein grosses Einkaufszentrum öffnet um 9 Uhr und schliesst elf Stunden später. Ein Uhrenfachgeschäft in der gleichen Lokalität macht eine Mittagspause und schliesst gar um 18.30 Uhr.

In zweiter Instanz hätte den Initianten der bürgerlich dominierte Kantonsrat beispringen können. Es lag nämlich eine Vorlage der Regierung vor, welche die radikale Liberalisierung vorsah. So hätten die Zuger Stimmbürger den kompletten Fächer gehabt, um ihren Favoriten bestimmen zu können. Die radikale Lösung, eine Stunde mehr Verkauf oder aber das Althergebrachte. Mit 35 Ja- zu 37 Nein-Stimmen lehnte das Zuger Parlament diesen Gegenvorschlag leider und ohne Not ab.

Es ist tragisch um jedes Geschäft, das seine Türen in der Stadt Zug für immer schliessen muss. Das Zuger Stadtzentrum hat sich nun einmal in Richtung Metalli verschoben. Das ist zu bedauern. Daran ist mit Bestimmtheit nicht das Fehlen einer längeren Öffnungszeit verantwortlich. Manchmal ist es die fehlende Laufkundschaft, dann die fehlenden Parkplätze, dann das altbackene Sortiment, dann die Veränderung der Kundenwünsche, und was noch für Gründe zitiert wurden und werden. Hand aufs Herz. Wie viele erstellte Konzepte für die Belebung der Altstadt gibt es? (Zu) viele. Aber wie viele haben funktioniert: keines. Einmal sind es Einsprachen und ein anderes Mal ist das einziehende Gewerbe oder die Passanten, die es potenziell besuchen könnten, zu laut. Die hohen Mieten sind ein weiteres Hemmnis. Die Kundenwünsche ändern sich im Laufe der Jahre. Was aber über all die Jahre unverändert geblieben ist: Fühlt sich die Kundschaft gut behandelt und respektiert, dann kommt sie wieder. Die Ladenschlusszeiten sind hierbei sekundär.

Gerade die derzeit grassierende Coronapandemie zeigt uns, dass, wer innovativ ist, eher Perspektiven hat. Wir haben in den vergangenen Jahren so viele Prinzipien über Bord geworfen. Das nächste sollte der Ladenschluss sein. Wie steht doch an einer Hauswand in der thüringischen Universitätsstadt Jena in grossen Lettern: «Nur was sich ändert, bleibt erhalten.» Das gilt genauso auch für den Kanton Zug.

In einer früheren Version war die Bildlegende falsch beschriftet. Die jungen Liberalen stellten sich ihr nach gegen längere Öffnungszeiten, was nicht korrekt ist.