Leserbrief
Hier fehlt es an Mass

«Die Junge SVP knöpft sich Parmelin vor: ‹Nur ein halber SVP-Bundesrat›», Ausgabe vom 25. Februar

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Am blocherschen Wesen soll wohl wieder einmal die Schweiz genesen – was denken sich der Herrliberger und sein Töchterchen und in deren Schlepptau der Präsident der SVP eigentlich dabei, wenn sie Bundesrat Alain Berset in beschämender Weise als Diktator diffamieren? Fehlt nur noch, dass Berset in der nächsten Eskalationsstufe namentlich auf die gleiche Stufe wie die einschlägig bekannten tatsächlichen Unterdrücker der Geschichte gestellt wird – wundern würde es einen bei den Absendern und der Tonalität kaum noch. Man wähnt sich mitten unter den US-«Proud Boys», die auch grölen, dem Wohl des Landes verpflichtet zu sein, wo sie tatsächlich doch dessen Spaltung vorantreiben. Wo bleiben da Mass und Mitte und vor allem die SVP-Exponenten, die ihr Rückgrat spüren und solche verbalen Entgleisungen der eigenen Führung in der nötigen Schärfe zurückweisen?

Wir stecken in der grössten Krise, die praktisch alle noch Lebenden je erfahren haben, und jeder halbwegs normale Mensch geht intuitiv dazu über, solidarisch die Reihen zu schliessen. Nicht so die genannten SVPler: Hysterisch und bar jeder Vernunft hintertreiben sie die umsichtigen Bemühungen der Landesregierung und tragen damit zur weiteren Verunsicherung auch in ihrer Wählerschaft bei, anstatt mit konstruktiven Ansätzen Teil der Lösung statt des Problems zu sein. Es sind einmal mehr eben nicht die stets gescholtenen Medien, die Hysterie verbreiten, es sind Exponenten des genannten Kalibers, während die Medien in aller Regel ihrem Auftrag (sic!) nachkommen, darüber zu berichten, was ist.

Niemand bestreitet die grossen Nöte, in denen Wirte, Hoteliers, in der musischen Branche Tätige und viele andere mehr stecken und kaum mehr wissen, wo hinten und vorne ist. Was ist denn die Alternative zum vorsichtigen Gebaren des Bundesrates angesichts des mutierenden Virus und der Gefahr einer dritten Welle? Die zweite Welle hat uns alle zünftig auf dem falschen Fuss erwischt, mein entsprechender Bedarf ist für alle Zeiten gedeckt. Die SVP soll dazu beitragen, dass die obigen Gebeutelten zumindest finanziell über die Runden kommen, damit wäre schon viel und vielen geholfen. Und es ist ihre Pflicht als staatstragende Partei, im Verbund mit anderen das Land sachlich durch die Fährnisse der Krise zu navigieren, anstatt immer wieder völlig unnötig, gereizt und populistisch zu provozieren und damit viele Menschen vollends kirre zu machen.

Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung schickt sich in die zahlreichen Einschränkungen und erträgt sie stoisch – warum wohl? Weil sie es erstens auch nicht besser weiss als der Bundesrat und die Spezialisten und zweitens den Silberstreifen am Horizont in Form der Impfung erkannt hat. Wir alle haben die Prüfungen der letzten zwölf Monate zwar unterschiedlich, aber doch insgesamt einigermassen bestanden, und das unverdiente Glück des Impfstoffs nach so kurzer Zeit wäre doch Anlass genug, demütig und dankbar die letzten Reserven an Stehvermögen zu mobilisieren, bis hoffentlich in ein paar Monaten das Gröbste überstanden ist. Erst dann gehört auch die Manöverkritik auf die Agenda, während der Krise ist sie kontraproduktiv und trägt nur zur weiteren Verunsicherung bei – so viel sollte auch an einem Regimentsoberst a.D., der gerne seine Führungserfahrung herausstreicht, haften geblieben sein. So wenig wie die Amerikaner auf ihre sogenannten Proud Boys stolz sein können, so wenig kann es die Schweiz auf die eingangs erwähnten Führungsfiguren der SVP sein.

Werner Gerber, Allenwinden