Leuchtturmprojekt: Mit der neuen Hausarztpraxis geht Oberägeri neue Wege

Das Konzept der neue Arztpraxis Gesundheitspunkt wird wissenschaftlich begleitet. An der Gemeindeversammlung wird über eine Defizitgarantie von 300000 Franken entschieden.

Carmen Rogenmoser
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In die Räumlichkeiten der ehemaligen Raiffeisen-Filiale in Oberägeri wird die Arztpraxis einziehen.

In die Räumlichkeiten der ehemaligen Raiffeisen-Filiale in Oberägeri wird die Arztpraxis einziehen.

Werner Schelbert (22. März 2018)

Oberägeri hat ein Hausarzt-Problem. Die beiden Hausärzte Emil Schalch und Joachim Henggeler, die jahrzehntelang praktizierten, befinden sich beide im Pensionsalter. Sie haben während vieler Jahre die ärztliche Grundversorgung der Gemeinde sichergestellt. Seit längerem steht diese aber auf wackligen Beinen. Nun kümmern sich die beiden um das Weiterbestehen der Versorgung. Dies nachdem sich auch die Gemeinde aktiv eingeschaltet hat.

Gemeinsam wurde die Idee einer umfassenden Grundversorgung entwickelt. Am 1.Oktober wird in den Räumlichkeiten der ehemaligen Filiale der Raiffeisenbank die Praxis Gesundheitspunkt Oberägeri eröffnet. Es handelt sich dabei um eine AG, welche die Gemeinde mit einem Rahmenkredit von 300000 Franken zur Gewährung einer Defizitgarantie während der nächsten drei Jahre für gemeinwirtschaftliche Leistungen, die nicht über das ärztliche Tarifsystem Tarmed abgerechnet werden können, absichern möchte. Über den Rahmenkredit wird an der Gemeindeversammlung vom 7.September abgestimmt (siehe Hinweis).

Das Thema wurde auch am kürzlich veranstalteten «Politcafé» der Gemeinde behandelt. Rund 90 Interessierte folgen der Einladung des Gemeinderates und lauschten den Ausführungen von Emil Schalch und Gemeinderat Paul Iten. Das Projekt sieht neben der hausärztlichen Grundversorgung auch ein breites und niederschwelliges sozialmedizinisches Dienstleistungsangebot im Sinne einer integrierten Versorgung vor. Aufgrund des gemeinwirtschaftlichen Nutzens des Projekts möchte der Gemeinderat im Interesse der Gemeinde den Projektaufbau mit einer Defizitgarantie für nicht verrechenbare Leistungen absichern.

Lieber zu früh, statt zu spät zum Arzt

Konkret heisst das, dass in der neuen Praxis etwa ein Psychologe und ein Sozialarbeiter einen Platz finden. Die Gesundheit der Patienten soll ganzheitlich angegangen werden, führt Schalch aus. «Wenn jemand wegen Bauchschmerzen in die Praxis kommt, merke ich schnell, wenn diese Bauchschmerzen nicht nur physisch verursacht sind», erklärt er. In der neuen Praxis habe er die Möglichkeit, auf Fachkräfte anderer Gebiete zurückzugreifen und dem Patienten so zu helfen, bevor sich eine gravierende Krankheit aus ebendiesen Bauchschmerzen entwickelt. Zur Veranschaulichung nennt Paul Iten das Beispiel des Zahnarztes: Wer jährlich zur vorsorglichen Dentalhygiene geht, hat gute Chancen, seine Zähne zu behalten. Ähnlich soll es in der neuen Praxis laufen: Statt erst zum Arzt zu gehen, wenn man krank ist, soll man sich schon präventiv um die Gesundheit kümmern, und etwa zu Vorsorgeterminen gehen.

Darum geht es an der Gemeindeversammlung

An der Gemeindeversammlung, die am Montag, 7. September, um 20 Uhr in der Mehrzweckhalle Maienmatt stattfindet, geht es um folgende Traktanden: Protokollgenehmigung der Versammlung vom 9. Dezember 2019; Jahresrechnung 2019; Schlussabrechnung über Investitionen; Hausärztliche Grundversorgung: Rahmenkredit von 300 000 Franken zur Gewährung einer Defizitgarantie an den «Gesundheitspunkt Oberägeri»; Kreditbegehren Neugestaltung Umgebung Schulhaus Morgarten von insgesamt rund 725 000 Franken; Kredit von rund 1,3 Millionen Franken für Teilsanierung Morgartenstrasse; Kredit von rund 935 000 Franken für Instandstellung und Leitungssanierung Gulmstrasse 21 bis Bättenbüel; Austritt auf einfacher Gesellschaft «Regionlschiessanlage Ägerital» und Abschreibung Motion «Oberägeri – (k)ein Ballenberg: Denkmalschutz mit Mass».

Schutzkonzept

Es gilt eine Maskenpflicht. Weitere Informationen zum coronabedingten Schutzkonzept finden Sie unter www.oberaegeri.ch.

Die Leistungen dieser Spezialisten werden von den Krankenkassen nicht generell übernommen. Hier soll die Defizitgarantie greifen. Das übergeordnete Ziel ist es, die Kosten für das Gesamtsystem zu reduzieren. Damit das an Zahlen festgemacht werden kann, wird das Projekt wissenschaftlich begleitet. «Das Ziel der Begleitstudie ist es, aus medizinischer, sozialer und ökonomischer Sicht eine mittel- und langfristige Wirkungsanalyse zu erstellen», wird es in der Vorlage zur Versammlung beschrieben.

Für Oberägeri bedeutet das die Sicherstellung der hausärztlichen Grundversorgung, die Erweiterung des Dienstleistungsangebots in den Bereichen Altersmedizin, Kinder- und Jugendmedizin und Kardiologie. Dazu gehört auch der Aufbau einer wirksamen mit anderen Anbietern vernetzte Langzeitbetreuung für Menschen mit kostenintensiven chronischen Erkrankungen, eine niederschwellige soziale und psychologische Beratung sowie die Triage einer sozialmedizinischen Fragestellung. Ebenso sollen Freiwilligenorganisationen wie die Nachbarschaftshilfe oder der Samariterverein miteinbezogen werden. Erweiterte Praxisöffnungszeiten, auch zur Entlastung der Notfallstation sind ebenfalls Teil des Projekts. 10 bis 20 zum Teil hochqualifizierte Arbeitsplätze sollen geschaffen werden.

Die Idee stösst auf Zuspruch

Adressiert wurden am Politcafe auch die im Raum stehenden Anschuldigungen gegen Emil Schalch. Gegen ihn, wie auch gegen den Kantonsarzt Rudolf Hauri und den Gesundheitsdirektor Martin Pfister reichte der kantonale Heilmittelinspektor Ludek Cap bekanntlich Strafanzeigen ein. Vize-Gemeindepräsident Marcel Güntert bezeichnete diese als haltlos und sagte, dass das keinen Einfluss auf das Praxis-Projekt habe. Auch Emil Schalch nahm das Thema auf und versicherte, dass sich die Sache bald kläre. Die anwesenden Oberägerer waren offenbar beruhigt. Dazu gab es ebenso wenig Fragen, wie zur neuen Praxis.

Unterstützt wird die Idee auch von der lokalen CVP und FDP. Die beiden Parteien haben ihre Parolen gefasst. «Die FDP Oberägeri verlangt jedoch mehr Transparenz betreffend Aktionariat, Betriebsleitung und Ärzteteam», schreibt Co-Präsident Beat Strebel.

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Rahel Hug