LINDENCHAM: Fasten geht bei ihnen übers Essen hinaus

Die Fastenzeit hat begonnen. Für Gläubige bedeutet dies Enthaltsamkeit. Die 71 Ordensfrauen in Heiligkreuz praktizieren dies aus Prinzip. Eigentlich.

Wolfgang Holz
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Schwester Simone im Refektorium des Klosters Heiligkreuz: «Bei uns ist immer das Mass angesagt.» (Bilder Maria Schmid)

Schwester Simone im Refektorium des Klosters Heiligkreuz: «Bei uns ist immer das Mass angesagt.» (Bilder Maria Schmid)

Gemüsepürreesuppe. Gebackener Camembert mit Preiselbeeren. Kartoffeln. Nüsslisalat. Dazu wahlweise Most oder einen Montepulciano. Das ist an diesem Tag das Mittagsmenü im Kloster Heiligkreuz. «In der Fastenzeit ändert sich für uns Benediktinerinnen nicht viel, was das Essen angeht», sagt Priorin Simone Buchs. Die Klosterfrauen würden sich schon im Alltag an die Regeln des heiligen Benedikt halten. «Bei uns ist deshalb immer das Mass angesagt», versichert die Schwester. «Ohnehin gibt es bei uns zweimal pro Woche fleischlose Kost.»

Fasten habe eben nicht nur etwas mit dem Essen zu tun, wie die 71-Jährige erklärt. Fasten bedeute eine intensivere Hinwendung zu Gott in der Vorbereitung auf Ostern. So müsse man auch das Bild in der Bibel von Jesus verstehen, der 40 Tage in der Wüste fastete. «Wir im Kloster beten während der Fastenzeit intensiver, und manche Schwester überlegt sich, von welchem materiellen Besitz – Bücher, Zierrat – sie sich trennen möchte, um das Loslassen zu üben», sagt Schwester Simone. So manches private Buch finde so Eingang in die Klosterbibliothek oder in die Gratis-Buchbestände der «Halle 44»- Arbeitsloseninitiative. Andere Dinge landen im Brockenhaus.

Keine Konfi, kein Wein

«Wer Fasten nur als Abnehmen versteht, ignoriert den wesentlichen Inhalt der Achtsamkeit und Genügsamkeit», so die Ordensfrau. Es gehe um die ganzheitliche Umkehr und eben um eine grössere Nähe zu Gott. Sie vergleicht das Fasten und den Verzicht mit einem Baum, dessen Äste gekappt werden. «Dadurch werden wilde Triebe beschnitten, und frische Triebe, die neue Früchte tragen, können entstehen.»

Und doch fasten die Benediktinerinnen trotz ihrer bereits enthaltsamen Lebensweise während der Fastenzeit nochmals speziell. «Ein Mal pro Woche gibt es ein Suppenzmittag. Jeweils am Freitag gibt es keine Konfi – ausser für diejenigen, die darauf angewiesen sind», heisst es wörtlich im Exerzitien-Informationsblatt an alle Klosterbewohnerinnen. Zusätzlich sind pro Fastenwoche weitere Verzichte aufgelistet. Von Ende Februar bis Anfang März etwa «verzichten wir auf Most und Wein. Auf dem mittleren Tisch stehen jedoch Wein und Most zur Verfügung.» Man will sich ganz bewusst im Schweigen in den Gängen, vor dem Refektorium und im Treppenhaus üben, heisst es weiter in den Exerzitien. Und: «Wir spenden mindestens einen Fünfliber von unserem Feriengeld für die Flüchtlingshilfe und murren nicht über das Essen. Und: «Wir reduzieren unseren Fleischkonsum, ausgenommen ist der Gründonnerstag.»

«Wie eine grosse Familie»

Inzwischen ist es kurz vor Mittag. Die Uhr im Refektorium des Klosters tickt beruhigend. An der Wand des holzgetäfelten Speisesaals hängen sämtliche Porträts der Priorinnen als Ölgemälde und als Fotografien nebeneinander – nur unterbrochen von einem grossen Kreuz mit dem Gekreuzigten. Die drei Tischreihen sind sorgfältig eingedeckt. An der Wand steht ein Musikturm. «Wenn Schwestern Namenstag haben, dürfen sie sich eine Melodie wünschen», erklärt Priorin Schwester Simone. In der Mitte des Refektoriums ist ein Ambo platziert, von dem während des Essens aus der Bibel vorgelesen wird.

Derweil nimmt Valentin Arnold, seit neun Jahren Küchenchef im Kloster Heiligkreuz, im Keller die letzten Handreichungen vor. «Ich koche gern im Kloster, es ist hier wie in einer grossen Familie.» Er versuche saisonal zu kochen und die Vorgaben des kleinen Budgets zu beachten. Eine Küchenhelferin neben ihm macht gerade die letzten Salate fertig, geerntet aus dem Klostergarten. Sorgfältig giesst sie jeweils eine andere Diät-Sauce über die Salatteller, an denen blaue Wäscheklammern mit den Namen einzelner Schwestern hängen.

«Kirchenrechtlich ist man ab 60 gar nicht mehr verpflichtet zu fasten – ausser an Aschermittwoch und Karfreitag», sagt die Klostervorsteherin. «Dabei ist Essensfasten für mich gar kein Verzicht», gibt Schwester Simone zu. Sie sei Vegetarierin, trinke weder Kaffee noch Wein. «Für mich persönlich bedeutet Fasten eher, mehr Geduld zu haben. Weniger Krimis zu lesen – und das tägliche Kreuzworträtsel im ‹Tagi› mal nicht zu machen.»

Wolfgang Holz