LOKALGESCHICHTE: Als in Rotkreuz noch Seepferdchen gezüchtet wurden

Der Ortshistoriker Richard Hediger hat ein neues Manuskript verfasst. Auf 375 Seiten beschreibt er die Geschichte von zahlreichen Höfen und öffentlichen Bauten – und fördert auch Witziges zu Tage.

Rahel Hug
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Die Pfyfferkarte aus der Zeit um 1780 verzeichnet die Kirche Risch und das Schloss Buonas, die Kapellen Buonas, Holzhäusern, Berchtwil und Honau. Ebenso ist der Binzmühle-Weiher schwach zu erkennen. Von Rotkreuz selber ist aber noch gar nichts zu sehen. (Bild: PD/Richard Hediger)

Die Pfyfferkarte aus der Zeit um 1780 verzeichnet die Kirche Risch und das Schloss Buonas, die Kapellen Buonas, Holzhäusern, Berchtwil und Honau. Ebenso ist der Binzmühle-Weiher schwach zu erkennen. Von Rotkreuz selber ist aber noch gar nichts zu sehen. (Bild: PD/Richard Hediger)

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

Schmökern in der Lokalgeschichte: Wer sich für altes «Insiderwissen» aus Rotkreuz interessiert, kommt im Manuskript «Rotkreuz, wie es fast niemand mehr kennt» von Richard Hediger ganz bestimmt auf seine Kosten. Der ehemalige Rektor und Lokalhistoriker forscht seit langem über die Geschichte des Ortes. Nun hat die Gemeinde sein 375 Seiten umfassendes neustes Werk im Internet publiziert.

«Die stürmische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten verbaut geradezu den Zugang zur Geschichte der Gemeinde», beantwortet Richard Hediger die Frage nach dem Ziel seiner neusten Arbeit. «Den wenigsten Bewohnerinnen und Bewohnern ist zum Beispiel bewusst, dass jede der vier Ortsfraktionen Risch, Holzhäusern, Buonas und Rotkreuz eine Zeit lang Zentrum der Gemeinde war.» Kloster-, Vogtei- und Pfarreigrenzen bis ins 20. Jahrhundert hätten die Entwicklung geprägt. «Verständnis für den heutigen Zustand leistet einzig eine Dokumentation dieses Werdegangs.»

Die Zeiten ändern sich rasant

Auf das rasante Wachstum geht Hediger bereits in der Einleitung ein. Er erinnert sich an den 20. Januar 1971 – «die letzte Männer-Gemeindeversammlung in der durch Zigaretten- und Zigarrenrauch geschwängerten Luft der Turnhalle des Schulhauses 1». Damals lebten knapp 3000 Menschen in der Gemeinde Risch, behandelt wurde der Baukredit für das Schulhaus 4. Anschliessend habe ihn Jakob Fuchs zu sich nach Hause eingeladen, «um das Ereignis mit einer Flasche Wein zu begiessen. Damals schwärmte er von der Lage seines Hauses an der Waldetenstrasse und insbesondere davon, mindestens für die nächsten 20 Jahre noch im Grünen wohnen zu können». Drei Jahre später sei sein Haus von einer mächtigen Wohnsiedlung umgeben gewesen. «Die Zeiten ändern sich!», schreibt Hediger.

In seiner Arbeit geht er näher auf die Handänderungen verschiedener Höfe und Grundstücke wie beispielsweise die Sagi Küntwil, den «Sagenmichels Hof», die Schürmatt, die Binzmühle oder die Allrüti ein. Auch auf das Gewerbe legt der Autor ein Augenmerk: So beschreibt er etwa die Geschichte der ehemaligen Drogerie Dahinden, der Metzgerei Anhorn und zahlreicher Gasthöfe. Der Entstehung der Schulhäuser und der beiden Kirchen widmet er ebenfalls mehrere Seiten. Spannend sind die Kapitel über den Eisenbahnbau, die Umfahrungsstrasse, die Suurstoffi, das Hagelunwetter vom 2. August 1927 oder die missglückte Flugzeug-Notlandung in den Foren im Jahr 1933.

Die Schulraumfrage gab in Rotkreuz in den 1880er-Jahren zu reden. Wie und wo gebaut werden sollte, darüber war man sich nicht einig. Nach einem langen politischen Hin und Her – zur Debatte stand auch eine Zentralisierung der Schule in Buonas – wurde ein Landkauf für das erste Schulhaus von Rotkreuz genehmigt. Es handelt sich um das ehemalige Rektorat, das bald abgerissen wird.

Telefonzentrale im Keller des Schulhauses

Doch die Verhältnisse im 1883 eingeweihten Schulhaus entsprachen von Anfang an nicht den damaligen Anforderungen. Beispielsweise wurden die Beleuchtung, die WC-Anlagen und Gänge sowie die Schulbänke als «völlig ungenügend» taxiert. Hediger liefert in diesem Kapitel auch einige witzige Fakten: So machte bei der Planung des Schulhauses der Regierungsrat die Anregung, im Keller Arrestlokale für die Polizei vorzusehen, was der Gemeinderat jedoch ablehnte. Auch wurde für kurze Zeit ein Pachtvertrag für die Einlagerung von Fässern mit gebranntem Wasser abgeschlossen und während rund 30 Jahren befand sich die Telefonzentrale im Keller.

Auch Subversives trug sich vor rund 170 Jahren im Ennetsee zu: Das Wirtshaus «zum rothen Kreuz» stand bei der konservativen Regierung im Nachbarkanton Luzern im Ruf, Hort für Luzerner Freischaren und Regimegegner zu sein. Für den Besitzer Heinrich Hildebrand, der auch das Zollamt übernommen hatte, war der 23. November 1847 ein denkwürdiger Tag, «als sich Sonderbunds- und Tagsatzungstruppen in den Gefechten von Gisikon und Meierskappel gegenüberstanden und das Gebiet rund um das Gasthaus Rothkreuz zum Aufmarschgebiet der Tagsatzungsgruppen und Schlachtenbummler gehörte».

Eine Legende muss die zweitletzte Wirtin in der «Linde» gewesen sein, die «Lindenmartha». «Sie wohnte fast ein ganzes Leben lang in der ‹Linde› und schaltete und waltete nach altem Schrot und Korn», schreibt Hediger. So sagte sie Gästen, die nicht nach ihren Richtlinien tanzen wollten, ganz ungeniert «Fahr ab und chom nümme».

Garage zum Aquarium ausgebaut

Ein überraschendes Detail findet sich in der Geschichte zur Druckerei an der Chamerstrasse. 1935 kaufte Johann Greter-Wolf die Liegenschaft und baute die «grosse Garage» zu einem Zierfischaquarium aus. «Als Erstem in der Schweiz gelang ihm die Aufzucht von Seepferdchen.» Zu seiner Menagerie gehörten auch «sprechende Papageien und kecke Äffchen».

Am 9. Juli 1896 war die Errichtung einer Telefonstation erstmals im Gespräch im Einwohnerrat Risch. Zwei Monate später jedoch war das Thema hinfällig, da in der Zwischenzeit das Gasthaus zum «Rothkreuz» an die Telefonzentrale Root angeschlossen wurde. Die Gespräche innerhalb des Netzes Root kosteten damals 10 Rappen pro drei Minuten. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Brot kostete um 1900 rund 45 Rappen. Der technische Fortschritt nahm 1918 seinen Lauf. So war Georg Stuber vom Hotel Bauernhof der erste Autobesitzer von Rotkreuz. 1922 beschloss der Einwohnerrat, die Durchfahrt von Rotkreuz durch Tafeln zu beschränken. Es galt damals die Maximalgeschwindigkeit von 10 Kilometern pro Stunde für Lastautos und 18 für «Luxusautos».

Diese Auszüge zeigen nur einen ganz kleinen Teil des umfassenden Werks des Ortshistorikers Hediger. Es lohnt sich also, im Manuskript zu blättern. Der profunde Rotkreuz-Kenner ist auch nach dem Abschluss dieser Arbeit bemüht, die Lokalgeschichte für die nächsten Generationen aufzubereiten. Momentan ist er federführend beim Kulturprojekt «Historische Stelen» der Gemeinde Risch in Rotkreuz, Holzhäusern, Buonas und Risch mit alten Fotos und entsprechenden Texten. Hediger: «Ziel ist es, diese noch vor den Sommerferien aufzustellen.»