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Leserbrief

Märchen sind wissenschaftlich nicht verifizierbar, also sinnlos

«Dies greift die Qualität der Schulen an», Ausgabe vom 5. September

Wer sich über den Titel wundert, dem sei in Erinnerung gerufen, dass Richard Dawkins, der weltberühmte Atheist und Autor von «Der Gotteswahn», vor ein paar Jahren verkündete: «Die meisten Märchen halten einer genauen Untersuchung nicht stand.» Leider hat er mit dieser Einstellung den Nerv der Zeit getroffen. Kreativität, Kultur und die Künste werden systematisch aus unserem Bildungssystem entfernt oder kleingeredet. Wer sich kreativen Fächern zuwendet, der wird gewarnt, er werde eine brotlose Zukunft vor sich haben.

Selbst Dagmar Rösler, seit 1. August die erste Frau an der Spitze des Schweizer Lehrerverbandes, fordert als Allererstes genügend Mittel, um die Digitalisierung zu meistern. Alle reden nur vom Geld und niemand von Kreativität und Kultur. Der Schüler muss sich nicht fragen, wie nütze ich der Gesellschaft, sondern, wo verdiene ich am meisten Geld und diene am besten der Wirtschaft.

Aber bleiben wir bei den Wissenschaftern: Wer viel gelesen hat, wer sich mit Märchen, mit Fantasy, mit Monstern herumgeschlagen hat, wer mit Hexen auf Du und Du ist, der kann Handlungsbögen verbinden und unkonventionelle Lösungen finden. Er begreift die grossen erfundenen Geschichten der Literatur. Wer sich in dieser Welt zurechtfindet, ist ein besserer Banker, ein besserer Physiker, Lehrer oder Elternteil als derjenige, der nur die Realität kennt.

Wissenschafter erzählen uns laut der Kinderbuchautorin Meg Rosoff Folgendes: «Sieben Milliarden erstaunlich geschaffene Wesen leben auf einer Kugel aus Eisen, Geröll und Silikaten, die in der Mitte eines unvorstellbaren Nichts treibt.» Ein Universum, welches aus einem Nichts entstanden ist. Diese Geschichte ist bizarrer als jedes Märchen. Jeder Schriftsteller hätte einen Bestseller, der so eine Geschichte erfände. Aber wir glauben sie. Und die Schöpfungsgeschichte belächeln wir.

Was ich damit sagen will, ist, dass es für uns alle von eminenter Bedeutung ist, dass wir lesen, dass es Bücher gibt, dass es Kultur gibt. Für mich ist Kultur zehnmal wichtiger als jedes Mint-Fach und die Basis unserer Gesellschaft. Wer nie ein Buch gelesen hat, ist auf das Leben ausserhalb des normalen Rhythmus nicht vorbereitet und unsere Gesellschaft ist längst ausserhalb des gewohnten Rhythmus gefallen. Vor allem, er wird die Märchen der Wissenschafter, selbst die Wahren nie begreifen, denn sie übersteigen seinen Horizont. Wer sich nur auf Mint-Fächer und Fächer, bei denen man viel Geld verdienen kann, konzentriert, der hat von der Gesellschaft nichts verstanden.

Ich habe den schweren Verdacht, dass unser Bildungssystem genau in diese kulturelle Sackgasse schlittert.

Michel Ebinger, Rotkreuz

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