Mariengesänge vereinen zwei Chöre

Der Chor Audite nova und das Zuger Kammerchor lockten am Sonntag, 8. Dezember, viele in die St. Johanneskirche.

Jürg Röthlisberger
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Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn waren am Sonntagnachmittag, 8. Dezember, in der Zuger St. Johanneskirche die meisten Plätze schon besetzt; um 17 Uhr gab es auch in den ungünstigsten Ecken keinen einzigen freien Stuhl mehr, einige Leute erlebten darum das rund einstündige Programm sogar stehend.

Nach den anonymen gregorianischen Gesängen, die wohl aus dem Hoch- und Spätmittelalter stammen, folgten 16 Mariengesänge unterschiedlichster Komponisten aus dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Nicht vertreten waren die dazwischen liegenden Epochen des Barocks, der Klassik und der frühen Romantik. Das gemeinsame Thema der unbegleiteten Werke erklang meist in ruhigem Grundtempo. Fast immer lag der musikalische Schwerpunkt im Gesamtchor, seltener in zwei alternierenden Chören; solistische Einwürfe einzelner besonders stimmsicherer Chorsänger standen nicht im Zentrum des Geschehens. Voll gefordert waren beide Chöre nach sprachlicher Beweglichkeit; man wechselte zwischen Latein, Englisch, Deutsch und Kirchenslawisch.

Zahlenmässiges Ungleichgewicht

Fast hundert Mitwirkende umfasste der Chor Audite nova. Wie schon bei früheren Auftritten erschien er in allen Registern gut besetzt und überzeugte durch eine ausgezeichnete Vorbereitung. Auch wenn einige Leute in dem seit Jahrzehnten bestehenden Klangkörper zwischenzeitlich etwas in die Jahre gekommen sind, weiss dies Johannes Meister durch intensive Stimmschulung immer wieder voll zu kompensieren. Gemessen an der Grösse erwies sich der Chor als sehr beweglich, und es gelang eine gute Sprachverständlichkeit. Auch bei exponierten Einsätzen waren die einzelnen Register vom ersten Ton an voll präsent. Ein Spezialkompliment gebührt den durchwegs sicher intonierten Spitzentönen im Sopran. Dem Bass hätte man manchmal gern etwas mehr Volumen gegönnt, vor allem bei den vom Komponisten so gewollten, aber in der Praxis fast nie erreichten tiefen Fortissimo-Einsätzen der Bruckner-Motette.

Viel kleiner war der Zuger Kammerchor. Er bestand aus genau 20 Mitwirkenden, drei Männer dabei mitgezählt, welche ständig zwischen den beiden Chören wechselten. Mit kürzerer gemeinsamer Wegstrecke gab es hier viel mehr klangliche Variabilität zwischen den einzelnen, meist privat ausgebildeten Mitwirkenden, was ein Stück weit auch erwünscht war. Einmal – erste Strophe der Grieg-Motette – fiel allerdings die Intonation auseinander, was aber schon mit dem nächstfolgenden Abschnitt wieder einigermassen korrigiert wurde. Überraschend homogen wirkten die doppelchörigen Gesänge, wo das zahlenmässige Ungleichgewicht klanglich sehr geschickt ausgeglichen wurde.

Auf Zugabe verzichtet

Inhaltlich wiederholten sich die Texte zum Teil fast wörtlich; die Lebensdaten der Komponisten wurden aber recht bunt gemischt. Dass dies nicht wahllos geschah, merkte man schon von Anfang an. Das «Ave Maria» des Renaissance-Komponisten Jacob Arcadelt (1505–1568) fand eine harmonisch fast nahtlose Fortsetzung im Werk des Spätromantikers Sergej Rachmaninow (1873–1943), dessen «Bogoroditse Devo» erst später zu einem wuchtigen emotionalen Höhepunkt führte.

Der Dirigent gab dem Gemeindeleiter Bernhard Lenfers Grünenfelder für die Einleitungs- und Zwischenworte «Carte blanche»; das heisst Chor und Dirigent wussten zum Voraus nicht, was er beitragen würde. Er betonte mit dem Stichwort «Weile» vor allem, dass die Adventszeit auch dazu dienen sollte, sich geistig gegenseitig zu finden, so wie es Maria mit der schon vorher schwangeren Heiligen Elisabeth getan hatte. Im Zentrum stand das besinnliche Erleben. Aus dieser Sicht war es logisch, trotz starkem und lang anhaltendem Schlussapplaus, dass auf eine Zugabe verzichtet wurde.