MARTIN ANDERMATT: «Es kann nicht wie im Streichelzoo sein»

Sein Stern auf dem Zuger «Walk of Fame» hat Kratzer erlitten: Der 53-jährige Trainer musste die Niederlage einstecken, nicht mit Zug 94 aufzusteigen. Warum es so gekommen ist, warum ihn Fussball aber nach wie vor fasziniert, erzählt der Hünenberger im Interview.

Wolfgang Holz
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«Ich bin kein Klischeetrainer!»: Martin Andermatt, ehemaliger Trainer von Zug 94. (Bild Christian H. Hildebrand)

«Ich bin kein Klischeetrainer!»: Martin Andermatt, ehemaliger Trainer von Zug 94. (Bild Christian H. Hildebrand)

Herr Andermatt, sind Sie immer noch frustriert?

Martin Andermatt: Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der nicht frustriert ist. Es gibt sicher Situationen, nach denen man enttäuscht ist. Aber ich studiere nicht lange über Dinge nach, die in der Vergangenheit passierten, ich suche nach Lösungen.

Aber war es nicht ein Schock für Sie nach all dem Hype um den geplanten Aufstieg mit Zug 94?

Andermatt: Es war sicher eine grosse Enttäuschung. Vor allem, weil ich ja weiss, was wir alles geleistet haben. Und ich muss auch mit allem Respekt sagen, dass die zwei Mannschaften in unserer Gruppe, die schlussendlich aufgestiegen sind, den Erfolg verdient haben. Wir mussten ja bei Zug 94 viele Strukturen neu schaffen, nicht nur bei der ersten Mannschaft.

Es hat geheissen, es hätte Zwist in der Mannschaft gegeben, und die Spieler seien übertrainiert gewesen. Wars am Ende einfach zu viel, und war der Druck zu hoch?

Andermatt: Ich weiss nicht, woher Sie diese Informationen haben. Wenn man etwas erreichen will, kann es eben nicht wie in einem Streichelzoo zugehen. Und es war auch irgendwo eine Generationenfrage. Ein Teil der jungen Spieler wollte sehr viel erreichen, ein Teil der erfahrenen Spieler war durchaus auch längerfristig zufrieden mit dem guten Niveau in der 1. Liga. Am Ende hat es einfach nicht gereicht, obwohl die Mannschaft das Optimum geboten hat.

Können Sie denn im Nachhinein mit gutem Gewissen sagen: Ich habe alles Mögliche für den Aufstieg getan.

Andermatt: Ja, ich kann sagen, dass ich alles gegeben habe – vor allem wenn man in Betracht zieht, dass jedes Training vorbereitet war, dass wir neue Strukturen gelegt haben, dass wir hart gearbeitet und alles rundum sorgfältig geplant haben.

Trotzdem – wenn man gesehen hat, wie jüngst Bayern-Trainer Pep Guardiola wieder einen ganzen Match lang am Spielfeldrand Rumpelstilzchen machte, um seine Mannschaft nach vorne zu treiben: Ist das nichts für Sie?

Andermatt: Ich reagiere eher situativ. Wenn ein Trainer die ganze Zeit aufs Spielfeld lärmt, wird das irgendwann nicht mehr wahrgenommen. Es gibt eben auch Momente, in denen man Ruhe in die Mannschaft bringen muss. Ich finde, das ist ein Klischee: Ein Trainer, der hineinruft, ist gut, einer, der das nicht macht, ist es nicht. Ich bin aber kein Klischeetrainer. Wenn die Situation es erfordert, kann ich durchaus sehr laut sein und eine Mannschaft führen.

Aber warum haben Sie bei Zug 94 nicht noch einen Versuch gestartet?

Andermatt: Das war sicher keine rationale Entscheidung. Das hat mir mein Bauch gesagt. Ich habe eben nicht mehr damit leben können, Kompromisse zu machen: Wenn man an die Spitze will, kann man keine Kompromisse machen. Es hätte auch sein können, wir hätten den Aufstieg geschafft, und mein Bauch hätte mir gesagt, ich soll aufhören.

Wie gehts jetzt weiter für Sie?

Andermatt: Nach der intensiven Zeit habe ich erst mal eine Woche Ferien mit meiner Frau auf Mallorca gemacht. Das war in den letzten fünf Jahren nicht möglich gewesen. Für mich war es danach schwierig, mich ins Gespräch als Trainer zu bringen, weil die Saison schon vorbei war. Deshalb bin ich etwas in Deutschland herumgereist, habe mir Trainings und Vorbereitungsspiele angeschaut. Dabei bin ich auch in München gewesen, weil ja mein Sohn Nicola jetzt bei 1860 München in der Amateurmannschaft spielt. Jetzt muss man schauen, dass es weitergeht.

Beim FC Zürich sind Sie nicht vorstellig geworden?

Andermatt: Der FC Zürich ist immer eine interessante Aufgabe, weil man junge, ambitionierte Spieler mit erfahrenen Fussballern zu einer Mannschaft formen muss. Gleichzeitig muss man immer Erfolg haben. Das ist nicht so leicht.

Das hört sich so an, als ob Sie schon einen Fuss in der Tür hätten ...

Andermatt: ... das kann man nicht sagen, weil das alles noch viel zu frisch ist. Man bringt meinen Namen einfach oft mit etwas in Verbindung, nur weil mein Name gerade auf dem Markt ist.

Sie waren ja schon bei vielen Vereinen Trainer, allerdings meist nie besonders lange. Wie kommts?

Andermatt: Wenn ich meine Trainerstationen anschaue, ist es sicher anfangs kontinuierlich bergauf gegangen. Danach hatte es mit dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage zu tun. Als ich etwa aus Deutschland zurück in die Schweiz gekommen bin, trainierte ich Wil. Dort gab es die Problematik mit russischen Investoren. Ich habe mich relativ gut durchgesetzt. Und ich habe eine starke Mannschaft zusammenstellen können. Doch als ich meine Vorstellungen kundgetan habe, wie ein Verein aus meiner Sicht zu funktionieren hat, ist es zu Konflikten gekommen mit den Russen. Ich bin eben einer, der sagt, was er denkt – das heisst aber nicht, dass ich immer Recht habe. Danach bin ich zu den Young Boys Bern, wo ich die Mannschaft als Siebte übernommen habe und dann Zweiter geworden bin ...

...und man dachte, der Andermatt ist endlich sesshaft geworden ...

Andermatt: ... genau. Dann aber ist plötzlich die Enttäuschung da, weil du das Finale verloren hast. YB wurde hinterher aber auch nur zweimal Zweiter. Dabei musste ich bei YB erst mal neue Strukturen schaffen. Das heisst, du musst mit dem vorhandenen Material viel erreichen. Oder du musst etwas weiterentwickeln. Das kostet aber alles auch. Dann heisst es, man soll aus dem vorhandenen Material noch mehr machen. Dabei ist es schon sehr viel, wenn man einen Spieler in einer Saison um 20 Prozent weiterbringt. Viel mehr ist in den meisten Fällen nicht drin, sonst würden die meisten Vereine nur noch Messis produzieren. Dann beginnt wieder die neue Saison, es fehlen plötzlich Spieler wie Hakan Yakin, man steht nicht mehr auf dem vordersten Platz, und schon ist man weg vom Fenster ...

Das Trainergeschäft ist sehr ruinös geworden. Sie sind ein Mann mit viel pädagogischem Gespür. Fehlt Ihnen manchmal die Härte fürs Business?

Andermatt: Nein. Im Gegenteil. Ich bin sehr konsequent. Ich bringe oft Harmonie in Mannschaften zurück, in denen es nicht stimmt. Das habe ich meistens gut umsetzen können. Und dann kommt die nächste Zielvorgabe, und es fehlt Geduld.

Könnten Sie auf Fussball verzichten?

Andermatt: Nein. Für mich bedeutet Fussball Leben. Und das Leben ist eigentlich das Wertvollste, was man haben kann. Der Fussball hat sich dabei weiterentwickelt – wie die Menschen auch. Und der Fussball ist erfolgsorientiert. Dabei bleibt Fussball immer spannend, weil es nicht das Erfolgsrezept gibt: Man muss immer nach Lösungen suchen: Das hat mich geprägt.

Aber erklärt das auch, warum Fussball in den letzten Jahren zur Ersatzreligion für die Massen geworden ist?

Andermatt: Also, solche Begriffe werde ich nie in den Mund nehmen. Fussball ist und bleibt immer noch ein Spiel. Zweifellos widerspiegelt Fussball aber irgendwie die Gesellschaft und ist mit vielen Emotionen verbunden. Und Emotionen braucht der Mensch. Wobei Fussball neben all den Statussymbolen wie Reichtum, Jugend, Schönheit sicher selbst inzwischen zu einer Art Statussymbol geworden ist.

Wolfgang Holz