MASSENENTLASSUNGEN: «Jeder Arbeitslose ist einer zu viel»

Zug ist am stärksten betroffen vom Arbeitsplatzabbau in der Zentralschweiz. Doch es wurde weniger Arbeitnehmern gekündigt als angenommen. Es sind aber deutlich mehr als zuvor.

Wolfgang Holz
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Ein Stellenanzeiger. (Symbolbild Neue LZ)

Ein Stellenanzeiger. (Symbolbild Neue LZ)

Wolfgang Holz

Die Zahl liest sich dramatisch: 1486 Stellen sollen durch Massenentlassungen 2015 im Kanton Zug abgebaut worden sein. Das kündigten Firmen gemäss einer Umfrage des Schweizer Fernsehens an, die jüngst in «10 vor 10» ausgestrahlt wurde. Damit liegt Zug gleich hinter Zürich und Genf.

«Nur» 400 Stellen abgebaut worden

«Faktisch sind aber im letzten Jahr nur 400 Stellen im Rahmen von Massenentlassungen abgebaut worden – angesichts von insgesamt 83 000 Beschäftigten im Kanton Zug», versichert Gianni Bomio, Präsident des Vereins für Arbeitsmarktnahmen, der im Kanton Zug das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum führt (RAV). Längst nicht alle von diesen 400 Personen meldeten sich beim RAV – weil sie selbst eine Stelle gefunden hätten. Das sei weniger dramatisch als angenommen, so Bomio. Wobei er einräumt, dass «jeder Arbeitslose ein Arbeitsloser zu viel ist». Fakt ist aber auch, dass 2014 nur 149 Personen durch Massenentlassungen ihre Stelle verloren haben – das heisst: Im letzten Jahr waren es also mehr als doppelt so viele. Die Arbeitslosenquote hat sich in Zug dadurch von 2,4 Prozent auf 2,6 Prozent verschlechtert. «Der Arbeitsplatzabbau spielt sich branchenübergreifend ab», sagt Bomio. Grundsätzlich sei es aber möglich, dass Arbeitnehmer, deren Stelle im Kanton Zug verloren ging, schnell wieder einen neuen Arbeitsplatz finden könnten. Denn im letzten Jahr seien 1429 Stellen gemeldet worden, davon habe man 1378 neu besetzen können.

Aber warum ist gerade der «Boomkanton» am stärksten in der Zentralschweiz vom Arbeitsplatzabbau und von Firmenauslagerungen ins Ausland betroffen? «In Zug gibt es, gemessen an der Bevölkerung, sehr viele Arbeitsplätze, mehr als in anderen Kantonen», erklärt Bomio. Zudem würden die vielen internationalen Firmen hier schneller auf globale Entwicklungen reagieren als einheimische Firmen. «Und wenn ein Zuger Pendler in Zürich seinen Job verliert, ist er eben als Arbeitsloser in Zug gemeldet.» Doch auch wenn faktisch weniger Stellen abgebaut worden sind als angekündigt: Andere Experten zeigen sich «geschockt» – wie Kurt Erni, Präsident des kantonalen Gewerbeverbands. «Auch wenn es nur 400 Stellen sind, die abgebaut wurden, sind es zu viele – denn es sind ja dadurch Arbeitnehmer mit ihren Familien betroffen.» Der Steinhauser Patron aus der Baubranche erklärt sich diese negative wirtschaftliche Entwicklung mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses für exportorientierte Firmen in Zug sowie mit eventuell zu vielen Anbietern auf dem Markt. Die Auslastung in der Baubranche sei noch hoch, aber in Sachen Preise herrsche derzeit ein harter Markt.

Für Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel war die Negativentwicklung bereits im letzten Frühjahr absehbar. «Aus damaliger Sicht hatten jedoch viele Prognostiker einen rascheren, negativen Effekt auf den Arbeitsmarkt erwartet.» Dieser sei nun anfangs gedämpfter eingetreten als erwartet, dazu leicht verzögert. «Wir sind zuversichtlich und hoffen, dass ab Frühjahr die Arbeitslosenrate nicht weiter ansteigen wird», prognostiziert der Zuger FDP-Regierungsrat. Selbstverständlich habe der Wechselkurs einen verschärfenden und beschleunigenden Effekt für die jetzige Situation, da solche Wechselkursschwankungen nur mit der Steigerung der Produktivität und durch erhöhte Innovationskraft kompensiert werden könnten. Michel: «Letztere lässt sich aber nicht so einfach in wenigen Monaten steigern.»

Dennoch will der Kanton Zug Firmen weiterhin Hand bieten. «Die Erfolgsgeschichte des Wirtschaftsstandorts Zug zeigt auf, dass es die beste Strategie der öffentlichen Hand ist, die guten allgemeinen Rahmenbedingungen für alle zu pflegen und stets weiterzuentwickeln», ist sich Michel sicher. Und meint damit die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und deren Ausbildung, eine moderne Infrastruktur, ein wettbewerbsfähiges Steuersystem sowie politische Stabilität. «Das jüngste Beispiel dazu ist der Aufbau des Departements Informatik der Hochschule Luzern sowie die Stärkung des Bereichs Finance in Rotkreuz.»

Kämpfen und Widerstand leisten

Gewerkschaft wh. Für die Gewerkschaft Unia ist klar, dass die Nationalbank dringend den Franken schwächen muss, um die negative wirtschaftliche Entwicklung in Zug und in der restlichen Schweiz zu stoppen. Denn dies sei eben der Hauptgrund, warum Schweizer Produkte gegenüber denjenigen im Euroraum überteuert seien.

Gemäss Giuseppe Reo von der Unia der Region Luzern ist der Kanton Zug so stark von Massenentlassungen betroffen, weil hier Industrie und Dienstleistungen konzentriert seien. «Gerade hoch und mittelhoch ausgebildete Arbeitskräfte wie in Zug trifft diese Entwicklung besonders», so Reo. Allerdings geht der Gewerkschafter auch davon aus, dass so manche Zuger Firma wie Landis & Gyr oder Siemens, wo ja Arbeitsplätze abgebaut worden seien, längst die entsprechenden Pläne für Verlagerungen von Arbeitsplätzen ins Ausland in der Schublade gehabt hätten. Arbeitnehmern, deren Stellen gefährdet seien, empfiehlt Reo, «eben auch mal zu streiken» und «den Mut zu fassen, Widerstand zu leisten».