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MEDIZIN: «Haus- und Kinderärzte sind überlastet»

Laut neuesten Zahlen fehlen schweizweit 2000 Grundversorger. Auch in Zug spitzt sich die Lage zu. Doch die grossen Probleme kämen erst noch, sagt der Präsident der Zuger Hausärzte.
Interview Wolfgang Holz
Er hat die Zeichen der Zeit bereits erkannt: Pius Bürki, Kinderarzt in Baar und Präsident der Zuger Gesellschaft für Hausarztmedizin, arbeitet in einer Gruppenpraxis. Gruppenpraxen sind vor allem bei jüngeren Hausärzten beliebt. (Archivbild Maria Schmid / Neue LZ)

Er hat die Zeichen der Zeit bereits erkannt: Pius Bürki, Kinderarzt in Baar und Präsident der Zuger Gesellschaft für Hausarztmedizin, arbeitet in einer Gruppenpraxis. Gruppenpraxen sind vor allem bei jüngeren Hausärzten beliebt. (Archivbild Maria Schmid / Neue LZ)

INTERVIEW WOLFGANG HOLZ

Pius Bürki, es hat zu wenig Hausärzte in der Schweiz. Auch in Zug fehlt Personal – wenn man von der Vorgabe des Ärzteverbands FMH ausgeht, dass für die Abdeckung der medizinischen Grundversorgung pro 1000 Einwohner ein Hausarzt zur Verfügung stehen sollte. Was ist zu tun?

Pius Bürki*: Es ist zurzeit zum Glück so, dass es noch genügend Hausärzte in Zug gibt. Die vielen orangen und roten Ampeln auf unserer neuen Hausarztmedizin-Website (www.zugham.ch, A. d. Red.) zeigen aber, dass die meisten Haus- und Kinderärzte überlastet sind. Die grossen Probleme werden erst kommen, wenn die Ärzte, die bereits über 60 Jahre alt sind, in den nächsten Jahren in Pension gehen.

Was hat das für Folgen für Zug?

Bürki: Wenn sie keine Nachfolger finden, wird die Zahl der Hausärzte rasch sinken. Und einen Nachfolger zu finden, der bereit ist, eine Einzelpraxis zu übernehmen, ist eine sehr schwierige Aufgabe. Auf unserer Hausarztmedizin-Website haben wir 95 Mitglieder. Daneben gibt es einige wenige Hausärzte, die nicht bei uns Mitglied sind. Mit den etwas mehr als 100 Haus- und Kinderärzten fehlen also aktuell nicht viele, um auf die Zahl von einem Arzt pro 1000 Einwohner zu kommen.

Laut der Zuger Gesundheitsdirektion geht in den nächsten zehn Jahren aber rund die Hälfte der Ärzte im Kanton Zug in Pension. Wie will man diesen Aderlass auffangen?

Bürki: Zurzeit haben wir noch kein klares Konzept, um dies zu verhindern. Dieses Problem war bisher noch nicht Thema eines Gesprächs zwischen der Gesundheitsdirektion und der Ärztegesellschaft.

In Zug gibt es eine Notfallpraxis im Baarer Kantonsspital. Inwiefern deckt die Einrichtung das Hausärztedefizit?

Bürki: Die Notfallpraxis kann das Hausärztedefizit nicht decken. Die Praxis ist nur für Notfälle eingerichtet und kann keine hausärztliche Betreuung anbieten. Es kommt hinzu, dass alle Ärzte, die in der Notfallpraxis arbeiten, selber eine Praxis haben. Sie kann aber dazu dienen, dass die Haus- und die Kinderärzte, die gerade keinen Dienst haben, sich an den Wochenenden wirklich erholen können.

Und was bringt Ihrer Meinung nach der neue erwähnte Service im Internet für Zuger Patienten, bei dem man per Ampel auf einen Blick sehen kann, welche Hausärzte im Kanton aktuell noch verfügbar sind?

Bürki: Es ist sowohl bei den Hausärzten als auch bei den Kinderärzten schwierig, als neuer Patient unterzukommen. Der Service der Zugham-Website wird von den Patienten geschätzt. Als Präsident hatte ich auch schon Reklamationen bei einer Praxis, die auf Grün gestellt war und die eine Patientin abgewiesen hatte. Es hatte sich dann als Kommunikationsproblem innerhalb der Praxis herausgestellt, und die Patientin kam schliesslich doch noch unter. Bisher haben wir keine negativen Rückmeldungen erhalten.

Welche Lösungen sehen Sie generell, um das Hausärzteproblem in der Schweiz und insbesondere in Zug künftig in den Griff zu bekommen?

Bürki: Ein wichtiges Element ist der Aufbau von Gruppenpraxen. Die jungen Hausärzte möchten in Gruppenpraxen einsteigen, und viele wollen sogar angestellt sein. Das verträgt sich schlecht mit dem aktuellen Bestand der Hausärzte, die vor allen in Einzel- oder Doppelpraxen arbeiten. Es sind also neue Modelle gefragt. Hier sollten die Ärztegesellschaft und auch der Kanton helfen. Aber vielleicht finden sich auch Ärzte mit eigenem Unternehmertum, die es wagen, Gruppenpraxen zu eröffnen. Die Ärztegesellschaft des Kantons Zug hatte schon mit mehreren Banken Kontakt, um die Bereitschaft zu erfragen, bei neu eröffneten Gruppenpraxen Kreditgeber zu werden. Alle angefragten Banken haben ihre Hilfe versprochen.

Das macht den Hausarztberuf als solchen aber noch nicht grundsätzlich attraktiver. Welche Hausaufgaben müssen da noch gemacht werden?

Bürki: Ein wichtiger Punkt ist sicher auch, die Attraktivität des Grundversorgerberufes im Kanton Zug zu steigern. Der Kanton Zug hat den tiefsten Taxpunktwert der Schweiz. Wenn sich ein Arzt in einer Nachbargemeinde im Kanton Zürich oder Aargau niederlässt, verdient er schon deshalb mehr, weil dort der Taxpunktwert für die gleiche medizinische Leistung höher liegt als im Kanton Zug. Zudem ist es von grösster Wichtigkeit, dass in der Schweiz überhaupt mehr Ärzte ausgebildet werden und dass diese Ärzte für den Hausarztberuf gewonnen werden können. Dazu braucht es genügend Praxisassistenzstellen im Kanton Zug. Junge Ärzte, die ihre Praxisassistenz im Kanton Zug absolviert haben, können so dafür gewonnen werden, auch hier ansässig zu werden.

Hinweis

* Pius Bürki ist Facharzt FMH für Kinder- und Jugendmedizin in Baar. Gleichzeitig ist er Präsident der Zuger Gesellschaft für Hausarztmedizin (Zugham) und verantwortlich für deren Website. Auf dieser kann man als Patient per Ampel erkennen, welcher Hausarzt in einer bestimmten Zuger Gemeinde noch konsultiert werden kann (www. zugham.ch).

In den nächsten Jahren geht die Hälfte in Pension

Hausärzte wh. Noch hört der neue Zuger Gesundheitsdirektor Martin Pfister (Bild) die Alarmglocken nicht allzu laut läuten in Sachen Hausarztversorgung im Kanton Zug. «Momentan gibt es noch genügend Hausärzte», analysiert der CVP-Regierungsrat. Doch er räumt ein: «Künftig wird es schwierig, weil in den nächsten zehn Jahren die Hälfte aller derzeit praktizierenden Hausärzte in Pension geht.» Um die Hausarztversorgung im Kanton Zug stabil zu halten, müssten fünf neue Hausärzte pro Jahr rekrutiert werden. Diese finden ihren Weg in den kleinsten Vollkanton der Schweiz nicht selten aus dem Ausland. «2015 zogen vier Arztpersonen – drei aus Deutschland und eine aus Österreich – in den Kanton Zug», sagt Pfister. 2016 seien es bis jetzt zwei Ärzte aus Deutschland. Teilweise seien die Ärzte aus dem Ausland «hochdekoriert» in puncto medizinischer Fachqualifikation. Der Kanton Zug überprüfe auch regelmässig die Qualitätsstandards der hier niedergelassenen Ärzte.

Erfolgsmodell Notfallpraxis

«Die Grundversorgung bei uns ist gut, die Qualität sehr hoch – nicht zuletzt auch infolge der hohen Dichte an Spezialisten, ausgezeichneter Kliniken sowie durch die Zusammenarbeit mit Zürich, Luzern und Aarau im Bereich der Spezialversorgung», sagt Pfister. Darüber hinaus seien mittlerweile 32 Defibrillatoren in kantonalen Dienststellen in Betrieb. Gleichzeitig garantieren sowohl die Anbindung an die Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung der Stadt Zürich als auch die Bereitschaft des Rettungsdienstes Zug mit zwei Einsatzfahrzeugen pro Tag rund um die Uhr für eine sehr gute medizinische Versorgung. Pfister: «Innerhalb von 15 Minuten kann nun ein Notfall im ganzen Kanton Zug versorgt werden.» Zudem habe sich die neue Notfallpraxis der Hausärzte sehr bewährt, die 2012 im Baarer Kantonsspital eröffnet wurde. Gemäss Ärztegesellschaft des Kantons Zug seien dort im vergangenen Jahr 7639 Patienten behandelt worden, Tendenz steigend. Total seien es seit der Eröffnung der Notfallpraxis 26 847 Patientinnen und Patienten gewesen.

Er selbst erfreue sich einer guten Gesundheit, sagt Pfister. «Ich konsultiere einen Arzt, wenn es nötig ist, und das ist selten.» Sein persönliches Gesundheitsrezept: «Gesund leben und viel Bewegung. Für ebenso wichtig halte ich die psychische Gesundheit. Sprich: die persönliche Zufriedenheit.»

Luzern: Situation ist schlimmer

HAUSARZTDICHTE wh. In der jüngsten Statistik des Ärzteverbands FMH ist die Dichte der Hausärzte pro 1000 Einwohner und pro Kanton im letzten Jahr ausgewiesen. Dabei ergibt sich für die Schweiz ein Durchschnittswert von 0,95 Hausärzte pro 1000 Einwohner. Gemäss Ärzteverband braucht es einen Hausarzt, um die medizinische Grundversorgung pro 1000 Einwohner zu decken. Dieses Erfordernis wird schweizweit knapp verfehlt.

19 Kantone sind unter Durchschnitt

Den Grund für den Hausärztemangel sieht der Ärzteverband vor allem im fehlenden Nachwuchs. Zwar würde fast die Hälfte aller Medizinstudienabgänger eine Grundversorgungsdisziplin wie Allgemeine Innere Medizin oder Pädiatrie wählen, doch nur rund 20 Prozent würden später tatsächlich als Hausärzte arbeiten. Viele seien auch nicht mehr bereit, Vollzeit sowie an Festtagen und in der Nacht zu arbeiten. Deshalb fehlen in der Schweiz derzeit 2000 Hausärzte. Wobei insgesamt in 19 Kantonen ein Mangel herrscht. Besonders gravierend ist die Lage gemäss Statistik in Uri, Fribourg, Nidwalden und Appenzell Innerrhoden. Dort müssen sich fast 2000 Einwohner einen Hausarzt teilen.

Da steht der Kanton Zug zwar besser da mit insgesamt 113 Hausärzten und einem Wert von 0,93 Ärzten pro 1000 Einwohner. Der Wert verfehlt aber den schweizerischen Durchschnitt. Der Kanton Luzern verfügt über dreimal so viele Hausärzte (343) wie Zug, erreicht aber nur einen Wert von 0,86 Hausärzte pro 1000 Einwohner. Die beste Hausarztversorgung in der Schweiz besteht in Basel Stadt (1,46 pro 1000 Einwohner), Genf (1,27) und Basel Land (1,08). Die meisten Hausärzte praktizieren in Zürich: Dort gibt es 1455 Hausärzte und einen Versorgungsgrad von 0,99 pro 1000 Einwohner.

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