MEDIZIN: «Ich verstehe Angelina Jolie»

Ist es möglich, sich präventiv vor Brustkrebs zu schützen? Und was, wenn die entsprechende Diagnose gestellt wird? Christoph Honegger weiss Rat.

Charly Keiser
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Christoph Honegger mit der Mammografie einer gesunden Brust. (Bild Werner Schelbert)

Christoph Honegger mit der Mammografie einer gesunden Brust. (Bild Werner Schelbert)

Brustkrebs ist die häufigste Krebskrankheit und die häufigste Krebstodesursache bei Frauen in der Schweiz. Jährlich erkranken 5500 Frauen an Brustkrebs. Mehr als 1300 Frauen sterben jedes Jahr daran. Acht von zehn Frauen, die an Brustkrebs erkranken, sind über 50 Jahre alt. Brustkrebs vorzubeugen ist schwierig, da die wichtigsten Risikofaktoren nicht beeinflussbar sind. Wird ein Tumor aber früh entdeckt, ist die Behandlung oft einfacher und die Überlebenschancen für die betroffenen Frauen sind im Allgemeinen höher. Fünf Jahre nach der Diagnose leben noch nahezu 80 Prozent der erkrankten Frauen.

Seit 23 Jahren ist der Oktober weltweit der Monat der «Breast Awareness», also der Brustkrebsmonat. An dessen erstem Tag, am Mittwoch, referiert Christoph Honegger, Chefarzt Frauenklinik, im Zuger Kantonsspital zu den präventiven Massnahmen bei familiärem Brustkrebsrisiko.

Christoph Honegger, was sagen Sie zum Fall Angelina Jolie? Die Schauspielerin hat sich vorsorglich die Brüste entfernen lassen.

Christoph Honegger: Angelina Jolie ist eine der Frauen, die ein familiär beziehungsweise genetisch bedingtes, massiv erhöhtes Brustkrebsrisiko haben. Und genau das ist ja auch Thema meines morgigen Referats. Wir wollen damit das Bewusstsein der Frauen wecken, dass es tatsächlich genetisch bedingte Tumorerkrankungen gibt; und dass man dagegen etwas in der Hand hat. Ob man dann gleich den Weg von Angelina Jolie beschreiten oder einfach nur engmaschigere Kontrollen durchführen will, muss mit den Betroffenen besprochen werden.

Verstehen Sie das Vorgehen von Jolie?

Honegger: Für mich ist das gut nachvollziehbar. Denn wenn man solche genetische Vorbedingungen hat, hat man ein Risiko von 60 bis 70 Prozent und mehr, während seines Lebens an Brustkrebs zu erkranken. Und das ist wirklich ein erhebliches Risiko. Erschwerend kommt hinzu, dass die genetisch bedingten Erkrankungen früher auftreten, meist im besten Lebensalter von 40 bis 50 und nicht wie sonst oft im höheren Alter von 60 bis 80.

Ab 50 sind bekanntlich besonders viele Frauen vom Brustkrebs betroffen. Was raten Sie den 50-Jährigen?

Honegger: Frauen ab 50 sollten eine regelmässige Vorsorgeuntersuchung durchführen lassen. Bei allen Frauen ist eine einschlägige Familienanamnese nötig. Sind Krankheitshäufungen in der Familie vorhanden, muss man hellhörig werden, ich rate dann zu einer genetischen Beratung.

Wie muss man sich so eine Beratung vorstellen?

Honegger: Eine in Genetik ausgebildete Ärztin oder ein Arzt legt den Betroffenen Frauen die Tragweite der genetischen Untersuchung dar und berät sie. Erst danach wird entschieden, ob man in die eigentliche genetische Testung geht.

Was sollen die Frauen machen, die von keinem genetisch bedingten oder sonst erhöhten Risiko betroffen sind?

Honegger: Frauen, die keine genetische oder familiäre Belastung haben, rate ich, ab dem 50. Altersjahr alle zwei Jahre eine so genannte Vorsorgemammografie machen zu lassen. Dies, je nach Dichte des Drüsengewebes even­tuell in Kombination mit einer Ultraschalluntersuchung. Die Idee dahinter ist die Früherkennung. Es ist wichtig, den Frauen klar zu machen, dass Mammografie und Ultraschall keinen Brustkrebs verhindern.

Und genetisch belastete Frauen?

Honegger: Diese sollten sich jährlich untersuchen lassen oder zu noch drastischeren Massnahmen greifen, wie es Angelina Jolie gemacht hat. Klar ist, dass nicht jede Frau eine Operation über sich ergehen lassen will. Und Frauen, die nicht operieren wollen, sollten eine Vorsorgeuntersuchung mit Magnetresonanztomografie machen, da diese Methode empfindlicher und genauer ist als die Mammografie. Letztere kostet übrigens rund 170 Franken, die Magnetresonanztomografie hingegen etwa 800 Franken.

Wo liegt Ihr Interesse an einer guten Vorsorgeuntersuchung?

Honegger: Den Frauen ist am besten geholfen, wenn wir möglichst früh ins Spiel kommen – sprich, die Frauen frühzeitig behandeln können, die an Brustkrebs erkrankt sind. Denn das erhöht die Chance auf Heilung, bringt Lebensqualität und kostet erst noch weniger.

Welche Frauen haben denn das geringste Risiko, an Brustkrebs zu erkranken?

Honegger: Die Statistik zeigt klar, dass die Frauen das geringste Brustkrebsrisiko aufweisen, die früh Mutter werden, stillen sowie kein Übergewicht haben. Eine Studie aus dem Kanton Zürich zeigt, dass sich das Alter, in dem die Frauen ihr erstes Kind bekommen, innert 20 Jahren von 26 auf 31 verschoben hat. Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, hat sich ob dieser Verschiebung um eindrückliche zehn Prozent erhöht.

Interview Charly Keiser charly.keiser@zugerzeitung.ch

Hinweis

Öffentlicher Vortrag von Christoph Honegger, Chefarzt Frauenklinik, zu den präventiven Massnahmen bei familiärem Brustkrebsrisiko. Mittwoch, 1. Oktober, 19.30 bis 20.30 Uhr im Konferenzraum 1 im 1. Obergeschoss des Zuger Kantonsspitals. Die Krebsliga präsentiert ein begehbares Brustmodell, um über gut- und bösartige Brustveränderungen sowie über die Prävention und die Früherkennung von Brustkrebs zu informieren.