«Mein Arzt»-Praxis in Hünenberg bald gerettet?

Martin Illi führte 33 Jahre lang eine Arztpraxis in Hünenberg. Dann sass er einem mutmasslichen Betrüger auf.

Kilian Küttel
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Diese von «Mein Arzt» geführte Praxis in Niederrohrdorf musste wie andere auch schliessen.

Diese von «Mein Arzt» geführte Praxis in Niederrohrdorf musste wie andere auch schliessen.

Bild: Severin Bigler (3. September 2020)

«Grüezi. Das Praxistelefon ist aus gegebenem Anlass nur montags bis donnerstags, 8 bis 12 Uhr bedient.» Die Stimme aus dem Anrufbeantworter gehört Dr. Martin Illi, Hausarzt in Hünenberg und seit 1986 Inhaber einer Berufsausübungsbewilligung des Kantons Zug. Und der «gegebene Anlass» ist eine Umschreibung für das Debakel, das der österreichische Unternehmer und mutmassliche Betrüger Christian Neuschitzer in der halben Deutschschweiz angerichtet hat: in Hünenberg und in Niederrohrdorf, gleich wie in Günsberg und Herisau, in Chur, Luzern oder in Oensingen.

Mit seiner Mein Arzt GmbH soll Neuschitzer für einen Millionenschaden verantwortlich sein. Neuschitzers Zielgruppe waren Ärzte, die in Pension gehen, ihre Praxis aber nicht schliessen wollen. Er verspricht ihnen, einen Nachfolger zu finden, Administration und Finanzwesen zu übernehmen, fortan für Einkauf, Steuerbelange und die Modernisierung der Praxis zu sorgen. Im Gegenzug überschreiben die Ärzte ihre Praxis an Neuschitzer. Wenn sie wollen, können sie als Angestellte für ihn weiterarbeiten. Neuschitzer findet eine Marktlücke, baut ein Firmenimperium auf, zu dem am Ende gut 30 Praxen und mindestens 130 Mitarbeiter gehören.

Im August abgetaucht, im September verhaftet

Nur wird bald Kritik laut: offene Rechnungen, Liefersperren, Betreibungen in Millionenhöhe. Im Juni deckt die «Rundschau» die Machenschaften auf, im August taucht Neuschitzer ab, im September wird er in Italien verhaftet. Gemäss Medienberichten ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Vermögensdelikte gegen den Österreicher. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Dabei habe er einen guten Eindruck gemacht, sagt Martin Illi vier Monate nach Bekanntwerden des Falls, als ihn unsere Zeitung telefonisch zu Hause erreicht. «Seine überschwängliche Art entsprach mir zwar nicht wirklich. Aber es war unsere letzte Möglichkeit, die Praxis weiterleben zu lassen.» Es ist der Sommer 2018. Martin Illi hat seine Nachfolge aufgegleist, der geeignete Kandidat steht bereit. Doch die Behörden erteilen dem Ausländer keine Bewilligung. Die Übereinkunft platzt, Illi gerät unter Zugzwang. In dieser Zeit kontaktiert Christian Neuschitzer den Hünenberger Arzt, erzählt im von seinem Geschäftsmodell. Weil Illi keine Alternative sieht, willigt er ein. Am 31. Oktober wird die Mein Arzt Hünenberg GmbH ins Handelsregister eingetragen. Doch kaum hat Neuschitzer das Sagen, läuft das Geschäft merklich schlechter. Laut Illi gibt es viele Personalwechsel. Die neuen Ärzte können die Patienten «nicht richtig abholen». Die Kundschaft läuft davon. Irgendwann werden keine Medikamente mehr geliefert. Etwas stimmt nicht.

Illi findet wohl doch noch Nachfolgerin

Heute sagt Martin Illi: «Meine Praxis läuft nur noch auf Sparflamme.» Aber: Die Zeichen stehen auf Besserung. Laut Illi kommt wahrscheinlich eine Einigung mit einer Ärztin aus dem «Mein Arzt»-Universum zustande, die ebenso genug von Neuschitzers Machenschaften hat wie er. Bei der Nachfolgeregelung habe ihm die Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) geholfen, die als Reaktion auf «Mein Arzt» eine Taskforce einsetzte. Illi hofft, dass das Betreibungs- und Konkursamt den Fall schnell abschliesst, damit einem Neustart nichts im Weg steht: «Dann ist meine Praxis in Hünenberg gerettet.»

Mittlerweile beschäftigt sich nicht nur die Justiz mit Christian Neuschitzer, der vor seinen Geschäften in der Schweiz unter anderem eine Imbissbude und einen Swingerclub in Kärnten führte. «Mein Arzt» ist in vielen Kantonen ein Politikum, seit dieser Woche auch in Zug. Mit einer Interpellation will die ALG von der Regierung wissen, wie sie Ärzten hilft, die eine Nachfolgelösung suchen. Ebenso fragt sie, wie viele Praxen im Kanton Zug vom Fall «Mein Arzt» betroffen sind.

Ein Blick ins Handelsregister zeigt, dass Neuschitzer den Kanton Zug bevorzugt als Operationsbasis genutzt hat. Nebst einer weiteren, seit August 2019 gelöschten Mein Arzt im Ägerital GmbH ist oder war Neuschitzer an sieben Firmen im Kanton Zug beteiligt. Unter anderem sass er im Verwaltungsrat einer Gesellschaft, die «Dienstleitungen in den Bereichen Schönheit und Wohlbefinden» erbringt. Ebenso war er in einem Bauunternehmen und in einer Consultingfirma involviert. Zwei der sieben Gesellschaften haben ihren Sitz in Risch, fünf in Zug; alle an der gleichen Adresse: Untermüli 6.