Mein Lieblingsgegenstand: Claudia, eine Freundin fürs Leben

Kaum 20 Zentimeter gross, teilte die originelle kleine Italienerin jahrelang Freud und Leid der Autorin.

Cornelia Bisch
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Puppe Claudia im modischen, orange-weissen Outfit, massgestrickt von Tante Doris. (Bild: Christian H. Hildebrand, Zug, 2. August 2019)

Puppe Claudia im modischen, orange-weissen Outfit, massgestrickt von Tante Doris. (Bild: Christian H. Hildebrand, Zug, 2. August 2019)

Sie ist weit über 50 Jahre alt und doch erstaunlich jung geblieben. Es ist ein kleines Wunder, dass Puppe Claudia so lange unversehrt blieb. Aus einfachem Gummi hergestellt, trotzte das lustige Bäbi nicht nur der Zeit, sondern auch der oft reichlich unsanften Behandlung durch Klein-Cornelia, die ihre Lieblingspuppe überall hin mitschleppte: auf Bergtouren, Ferienreisen, bei jedem Wetter nach draussen, zum Spiel mit Freundinnen oder in die Badewanne.

Die stubsnasige, schmollmundige Claudia mit dem rätselhaften Monalisa-Blick und der hohen Denkerstirn, den dicken Stummelfingerchen und kugelrunden Zehen liess unzählige Schönheitskuren, inklusive Dreck- und Schlammpackungen im Sandkasten, Stunden in Koffern, Taschen, Rucksäcken oder vereinsamt und vergessen in Kälte, Regen und Hitze über sich ergehen. Sie wurde gehätschelt, gebadet, gewickelt, gefüttert, bestimmt tausendfach umgezogen und bei manch einem Wutanfall quer durchs Zimmer geschmettert.

Blick fürs 
Originelle

Erworben hatte sie meine Mutter Maja, die einen untrüglichen Blick für originelles Design und hohe Qualität hatte. Besonders hochwertig ist Claudia zwar nicht, aber zweifellos ausdauernd und an Originalität kaum zu überbieten. Nie wieder habe ich eine Puppe gesehen, die ihr auch nur annähernd glich. Auf einer Ferienreise nach Italien entdeckte Maja das Kleinod im Schaufenster eines Spielzeugladens. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, erzählte sie mir Jahre später. Reise- und abenteuerlustig wie sie war, dachte die fröhliche junge Frau damals noch nicht im Traum daran, zu heiraten, geschweige denn, Kinder zu bekommen. Claudia aber brachte sie dennoch als kleines Maskottchen mit in die Schweiz zurück.

Massgeschneiderte 
Garderobe

Meine Schwester Monika, die Erstgeborene, konnte sich nie besonders für Puppen begeistern. Ganz Naturkind, spielte sie sommers wie winters draussen und fand «Müeterlis» einfach nur öde. Also gelangte Claudia in meinen Besitz. Und genau wie bei dessen erster Begegnung mit meiner Mutter, sprang mir das heitere Bäbi sofort ins Herz. Da es in keinster Weise der schweizerischen Puppennorm entsprach, wurde seine gesamte Garderobe handgefertigt.

Maja und ihre Schwester Doris strickten und nähten ihm winzige Kleidchen und modische Accessoires wie Taschen, Schals und Mützen nach Mass. Sogar einen Bébé-Schlafsack mit Kapuze besass Claudia. Unter jedem Christbaum lag ein neu entworfenes Unikat. Erst jetzt, Jahrzehnte später, wenn ich Claudia als einzige Überlebende aus meiner Spielzeugkiste auf dem Regal betrachte, geht mir auf, wie besonders vor allem Letzteres war. Maja und Doris mussten unzählige Abende und eine Menge Nerven in die Schöpfung der süssen Kleidungsstücke investiert haben. Und vor allem unendlich viel Liebe.

In der Sommerserie der «Zuger Zeitung» stellen die Redaktorinnen und Redaktoren ihre Lieblingsgegenstände vor.