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«Hingeschaut»: Memento mori – neu interpretiert

Mit Rudolf Blättlers «Werden und Vergehen» hat das Eisenbahnerdorf vor über 20 Jahren seinen lange geplanten Kulturpfad vollendet. Die Bronzeplastik lässt viel Raum für die persönliche Deutung.
Andreas Faessler
Ein Gesicht mit den künstlerischen Zügen, wie sie für Rudolf Blättler typisch sind, schaut aus dem Erdboden hinauf in den Himmel. (Bild: Andreas Faesser (Rotkreuz, 24. April, 2018))

Ein Gesicht mit den künstlerischen Zügen, wie sie für Rudolf Blättler typisch sind, schaut aus dem Erdboden hinauf in den Himmel. (Bild: Andreas Faesser (Rotkreuz, 24. April, 2018))

Es gehört wohl zu den grössten Kunstwerken im öffentlichen Raum im Kanton Zug – aber wenn man von ihm noch nicht weiss, so ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass man es beim Vorbeikommen nicht mal wahrnimmt. Denn am besten erkennbar ist es aus der Vogelperspektive, sogar aus grosser Höhe, wie das Satellitenbild von Google Earth eindrücklich zeigt (kleines Bild).

Es ist ein Gesicht, das an der Erdoberfläche erscheint. Einen Steinwurf vom Friedhof Rotkreuz entfernt, zwischen dem Kinderspielplatz und der Strasse nach Meierskappel, taucht es in der Wiese auf, als würde es sich aus dem irdischen Material manifestieren und durch ein kleines Fenster aus dem Inneren der Erde in unsere Welt blicken.

Die Ursprünge dieses Gesichtsreliefs reichen ins Jahr 1988 zurück, als Rotkreuz einen Künstlerwettbewerb ausschrieb für die Umsetzung eines Kulturpfades, von dem schon länger die Rede gewesen war. Mehrere Kunstwerke im öffentlichen Raum sollten das junge Eisenbahnerdorf aufwerten. Eines davon war auf dem Areal Waldeten beim Friedhof vorgesehen: Der Gemeinderat war im Begriff, einen Betrag von 174 000 Franken zu beantragen für die Neugestaltung des Abdankungsplatzes. Im Zuge dessen sollte der Grund zwischen diesem und der Waldeten­strasse in eine öffentliche Grünfläche umgewandelt und mit einem Kunstwerk bespielt werden – vom Nidwaldner Bildhauer Rudolf Blättler, einem der Gewinner des Künstlerwettbewerbes.

Rahmung aus Jurakalk

Die Neugestaltung des Platzes hatte sich verzögert, weil die zuvor umzusetzende Verkehrsberuhigung der Waldetenstrasse verschoben werden musste. Im Frühling 1995 legte das Bauamt die parkähnliche, begrünte Fläche mit umlaufendem Kiesweg an. Im September 1995 konnten schliesslich die Arbeiten für Blättlers Gesicht in Angriff genommen werden. Erst wurde der Boden im Zentrum der neuen Rasenfläche mit einer Kunststoffgrundlage versehen. Rudolf Blättler ordnete darauf ein Quadrat aus hellen Jurakalk-Steinblöcken an und liess in der Mitte eine rund 2,5 mal 2,5 Meter grosse Fläche frei. Hier wurde schliesslich das fertig gegossene Bronzegesicht eingelassen. Am 4. Mai 1996 wurde Rudolf Blättlers Kunstwerk im Rahmen einer Begehung des nun vollendeten Rotkreuzer Kunstpfades in Anwesenheit zahlreicher Interessierter von den Pfarrern Gebhard Hürlimann und Urs Gisler feierlich eingeweiht.

Der Titel von Rudolf Blättlers Bronzerelief ist aussagekräftig: Mit «Werden und Vergehen» nimmt er Bezug auf die Verbindung des sterblichen Menschen zu Mutter Erde, Mensch und Erde werden eins. Als Interpretationshilfe darf freilich das bei Begräbnissen gängige Zitat «Von der Erde bist du genommen – zur Erde kehrst du zurück» herangezogen werden, was auch durch die Nähe zum Gottesacker sinnig wird. Warum soll man es nicht als moderne Interpretation des Memento mori auffassen? Als Erinnerung an unsere eigene Sterblichkeit ... Durch die Ausrichtung des Gesichtes in die kosmische Ordnung – entsprechend der Ost-West-Achse – lassen sich das Werden und das Vergehen gleichsam auf den Verlauf des Tages ausweiten.

Der Standort des Kunstwerkes könnte kein besserer sein – Leben und Tod gehen hier fast Hand in Hand: im Norden der Friedhof mit Abdankungshalle, im Westen der Kinderspielplatz, im Süden und Osten Strassen und Wohngebiete.

Charakteristische Stilmerkmale

Rudolf Blättler wurde 1941 im nidwaldnischen Kehrsiten geboren, lebt und arbeitet heute in Luzern. Seine künstlerische Ausbildung absolvierte er in Luzern, Wien und Rom, in den 1970er-Jahren folgten ausgedehnte Reisen. In dieser Zeit entwickelte Blättler die so charakteristischen Formen, welche seine Bronzeskulpturen auszeichnen und von denen zahlreiche üppige weibliche Figuren darstellen. Blättlers Gesichter weisen meist überdimensionierte Formen auf; wulstige Lippen und voluminöse Nasen. Bei seinen vollplastischen Figuren setzt sich dies in der massigen Ausprägung von Armen, Händen, Beinen, Füssen und Brüsten fort.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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