MENZINGEN: «Das Asylwesen muss effektiver funktionieren»

Für seine Maturaarbeit geht Dario Siegen auf Tuchfühlung mit Asylbewerbern. Und macht gleich selbst wertvolle Erfahrungen.

Natalia Widla
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Dario Siegen mit seinem Fotoband. Darin hält er seine aufschlussreichen Begegnungen fotografisch fest. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Dario Siegen mit seinem Fotoband. Darin hält er seine aufschlussreichen Begegnungen fotografisch fest. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Das Asylwesen ist nicht nur in der Schweiz ein heikles Thema. Dario Siegen packte es dennoch an. Das Produkt von Darios Maturaarbeit ist ein Fotobuch mit dem Titel: «Es kamen Menschen». Man muss das vollständige Max-Frisch-Zitat nicht kennen, um zu merken, in welche Richtung Darios Arbeit geht. Wie viele von uns hatte auch Dario in seinem jungen Leben bisher wenig Kontakt mit Asylbewerbern. All sein Wissen über diese Menschen entnahm er den Medien, und die wussten oftmals nur Negatives zu berichten. «Man liest so viel Schlechtes, aber die Welt ist nicht schwarz-weiss. Ich will nicht über Menschen urteilen, ohne dass ich selber je mit ihnen gesprochen habe oder ihre Schicksale kenne», erklärt Dario und fügt an: «Ich wollte mit meiner Arbeit keine politischen, rechtlichen oder ethnischen Fragen aufgreifen. Ich wollte einfach Menschen kennen lernen, die das oft negativ geprägte Stigma Asylant tragen. Ich wollte wissen, wie sie leben, ihre Geschichten kennen lernen.»

Die Idee: Ein Buch

Der 19-Jährige besucht die vierte und letzte Klasse des kantonalen Gymnasiums Menzingen mit Schwerpunktfach Spanisch. Obwohl Dario seine Leidenschaft für die Fotografie erst vor kurzer Zeit entdeckt hatte, wollte er dieses Medium unbedingt für seine Arbeit nutzen. So kam er auf die Idee, die Menschen, die er trifft, in einem Fotobuch zu porträtieren – sie selbst, ihr Leben und ihr Umfeld.

«Ich habe mir viele Fotobücher angesehen. Einige legten den Schwerpunkt auf den Text, wieder andere auf die Fotografien. Ich entschied mich für Letzteres.» Das theoretische Konzept für Darios Arbeit stand, nun fehlten noch echte Menschen. Die Organisation Asylbrücke Zug vermittelte ihm den Kontakt zu zwei Asylbewerbern. Später ergab sich aus diesen Kontakten noch eine weitere Person, die einwilligte. An dieser Stelle stockte Darios Arbeit: «Ich wusste nicht so recht, wo ich anfragen sollte, und die Institutionen der Stadt Zug waren auch nicht sehr ergiebig. Schliesslich konnte ich durch Bekannte doch noch Kontakt zu zwei weiteren Personen aufbauen.» Eine Frau und vier Männer aus europäischen und afrikanischen Ländern konnte Dario insgesamt dafür begeistern, an seiner Arbeit mitzuwirken. Mit diesen Leuten verschiedenen Alters traf er sich im Asylantenheim, in Cafés und mit einem ehemaligen Zuwanderer in dessen Arztpraxis in Sursee. Was folgte, waren lange, interessante Gespräche: «Sprachhürden hatte es eigentlich keine. Mit einem, der noch nicht lange in der Schweiz ist, konnte ich mich anfangs nicht verständigen, da sprang aber eine der anderen als Übersetzerin ein.» Nach ausführlichen Unterhaltungen begleitete Dario alle fünf dorthin, wo sie leben, und fotografierte sie in diesem Umfeld. «Anfangs war ich noch etwas scheu, aber schon bald wurde ich in meiner Rolle als Fotograf selbstbewusster und kritischer», so Dario.

Im Fotobuch widmet er jeder Person zwei Doppelseiten – ein Porträt und vier kleine Bilder. Diese zeigen zum Beispiel Bücher, Speisen oder die kleine Tochter einer Asylbewerberin in ihrem Zimmer. Dazwischen schrieb der Maturand markante Zitate aus einem persönlichen Gespräch mit der jeweiligen Person. «Ich habe ihnen viele Fragen zu ihrem Leben in der Schweiz gestellt. Sie redeten alle sehr positiv und hoffnungsvoll.» In seinem Umfeld stiess Darios Arbeit auf Zustimmung und Anerkennung. Er schliesst aber nicht aus, dass nicht alle so ehrlich waren: «Ein, zwei Personen hatten vielleicht Vorurteile, aber niemand hat es mir direkt ins Gesicht gesagt.»

Individuelle Schicksale

Mitte Oktober letzten Jahres kam Darios Buch schliesslich fertig aus dem Druck. Das greifbare Produkt ist die eine Sache, das Gelernte die andere, und die ist aber noch viel wichtiger. Dario hat geschafft, was vielen noch bevorsteht: Er hat seine durch die Medien geprägten Kopfbilder abgelegt. «Natürlich sind fünf Menschen nicht repräsentativ, aber ich weiss jetzt, dass es individuelle Schicksale sind, die zählen, und nicht Worte wie Asylant oder Ausländer.» Auch wenn Dario nie eine politische Arbeit angesteuert hat, weiss er jetzt, was er sich für die Entwicklung des Asylwesens in der Schweiz wünscht: «Das alles muss schneller und effektiver funktionieren.

Die Asylbewerber, die dort zum Teil jahrelang auf Bescheide warten, sind auch Menschen mit Träumen und Hoffnungen.» Und auch für die Menschen in der Schweiz findet Dario klare Worte: «Jeder sollte zuerst den Kontakt zu den Einwanderern suchen, anstatt sie nur nach verbreiteten Vorurteilen zu beurteilen. Dass kommt beiden zugute, denn im neuen Land unbefangene Kontakte zu knüpfen, ist nicht einfach.» Nach der Matura geht Dario zuerst einmal seinen Zivildienst absolvieren und dann nach Kanada. Über das Studium macht er sich noch wenig Gedanken: «Ich habe noch ein Jahr Zeit, da liegt noch vieles drin.» Einen Studiengang im sozialen oder politischen Bereich schliesst er aber genauso wenig aus wie eine kreative Richtung, zum Beispiel die Fotografie. Mit allen fünf Fotomodellen, Interviewpartnern und mittlerweile Freunden hält der 19-Jährige immer noch Kontakt: «Zwei von ihnen haben mich schon längst zum Essen eingeladen. Wenn wir einen passenden Termin finden, werde ich gerne kommen.»