MENZINGEN: «Der Kopf ist wichtiger als die Muskeln»

Marcel Sethe bewacht mit Einfühlungs­vermögen – und neu auch mit Diplom. Brenzlig kann es trotzdem werden.

Sarah Schlüter
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Fürs Foto zückt Marcel Sethe nur die Taschenlampe. Im Ernstfall greift er aber auch zur Pistole. (Bild Werner Schelbert)

Fürs Foto zückt Marcel Sethe nur die Taschenlampe. Im Ernstfall greift er aber auch zur Pistole. (Bild Werner Schelbert)

Ein Fetzen ist er nicht gerade. Weder dicke Muskeln noch eine besonders grosse Statur hat Marcel Sethe, dem man seinen Beruf nicht gleich ansieht. Er ist Fachmann für Sicherheit und Bewachung, seit kurzem mit eidgenössischem Diplom. Die Prüfung wird vom Verband Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen (VSSU) durchgeführt und umfasst theoretische und praktische Aufgaben. Mit einer Gesamtnote von 5,7 ist Marcel Sethe Jahrgangsbester. Der zurückhaltend freundliche 32-Jährige hat für das Klischee des stämmigen Türstehers nur ein müdes Lächeln übrig. «So fängt jeder mal an», meint Sethe, «nach einiger Zeit merkt man aber, dass der Beruf noch ganz anderes zu bieten hat als die Uniform und das damit verbundene Machtgefühl.» Seit mittlerweile 13 Jahren hat er seine eigene Firma und bietet Sicherheitsdienstleistungen für Unternehmen und Gemeinden an. In dieser Zeit hat Sethe viel gelernt und seine eigene Berufsphilosophie entwickelt. Zwar sei eine gute körperliche Fitness Voraussetzung für die Arbeit, «aber der Kopf ist wichtiger als die Muskeln», sagt er überzeugt. Während der alltäglichen Patrouillen auf privaten Arealen und in den Gemeinden, aber auch im Falle von brenzligen Zwischenfällen wie Einbrüchen oder Unfällen – die zwischenmenschliche Kommunikation und ein gewisses psychologisches Einfühlungsvermögen seien essenziell. «Das Ziel unserer Arbeit sind ja schliesslich friedliche Lösungen, möglichst ohne Gewalt und Polizei», gibt Sethe zu bedenken, «und solche Ergebnisse erzielt man eben nicht mit einem aggressiven Auftritt und autoritärem Gehabe.»

Die Angst vor Fehlern

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Reden nichts bringt, in denen schnell und mit einem kühlen Kopf gehandelt werden muss. Als er vor ein paar Jahren einen Einbrecher auf frischer Tat ertappte, bekam Sethe das am eigenen Leib zu spüren: Es gab einen Schusswechsel, beide wurden verletzt. «Der andere etwas schwerer als ich selbst», bemerkt der Sicherheitsmann, «das machte mir schlussendlich mehr zu schaffen als meine eigene Wunde.» Fehler zu machen, das sei seine grösste Angst bei der Arbeit. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit oder eine unverhältnismässige Reaktion können schwerwiegende Konsequenzen haben. Sethe und seine 18 Mitarbeiter sind bewaffnet und dürfen, wenn ihr eigenes Leben oder das eines anderen bedroht ist, von ihrer Waffe Gebrauch machen. Das ist eine grosse Verantwortung und erfordert eine polizeiliche Prüfung der Firma. Die Genehmigung wird streng kontrolliert und nicht jedem ausgestellt.

Preisdruck schädigt Image

Im Allgemeinen dürften aber die Auflagen in seinem Beruf noch etwas strikter sein, findet Marcel Sethe. Manche Kantone haben die Firmenzulassungen eingeschränkt, indem sie dem Konkordat über private Sicherheitsdienstleistungen beigetreten sind. Hiernach dürfen nur noch nachweislich qualifizierte Personen entsprechende Dienstleistungen anbieten. In Zug hingegen wurde eine solche Regelung abgelehnt. «Dies führt zu grossen qualitativen Unterschieden», weiss Sethe, der sein Personal sehr gezielt auswählt und ausbildet. Bedenklich sei vor allem, dass die weniger qualifizierten Personen meistens auch die günstigsten sind. Das führe zu einem starken Preisdruck auf professionelle Unternehmer, aber auch zu ungewollten Zwischenfällen und einem schlechten Image für die gesamte Branche, glaubt Sethe.

Bürger in Uniform

Die Fluktuation ist im Sicherheitsbereich besonders gross, viele bleiben nur übergangsweise, nicht wenige wollten eigentlich zur Polizei. Nicht so Marcel Sethe: «Ich bin froh, kein Polizist zu sein.» Die steigende Überlastung der Polizei, vor allem durch die im Zuge der neuen Strafprozessordnung wachsende Bürokratie, erlebt er täglich als Aussenstehender. Genau hier liegt auch der Grund für den Boom in seinem Arbeitsbereich. Die unterstützenden Tätigkeiten in den Gemeinden weiten sich beständig aus. Ob als Ordnungsdienst im öffentlichen Raum, beim Ausstellen von Parkbussen oder Aushändigen von Betreibungsurkunden, private Sicherheitsfirmen sind heutzutage nicht mehr von der Seite der Polizei wegzudenken. Der wesentliche Unterschied liegt in den Kompetenzen. «Wir sind keine Beamten und haben bloss die gleichen Rechte wie alle Bürger», gibt Sethe zu bedenken, «nur wissen wir genau, wie man sie benutzt.»

Bloss ein moderner Wachmann?

Der muskelbepackte Türsteher ist nicht das einzige überzeichnete Klischee, mit dem sich ein Sicherheitsmann auseinandersetzen muss. «Ebenso viele Leute glauben, dass wir bloss moderne Wachmänner sind.» Bei seiner Arbeit passiere aber weitaus mehr als ereignislose Patrouillen durch Quartiere und Firmengelände. In die Firmenstatistiken der vergangenen fünf Jahre blickend, zählt er auf: 361 Alarme wegen Einbruch, davon zwölf tatsächliche, alle mit Festnahmen, drei Reanimationen, zwei Brände und unzählige kleine Zwischenfälle wie Sachbeschädigungen und ähnliches. Was für den einen bedrohlich klingt, zaubert dem Sicherheitsmann ein Funkeln in die Augen.