MENZINGEN: Drei Generationen lernen gemeinsam unter einem Dach

Regelmässig sind Senioren in Schulhäusern anzutreffen. Sie sind dort, um mit den Kindern zu lernen. Eine davon ist Iva Ganz.

Carmen Desax
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Iva Ganz inmitten der Schüler der fünften Klasse im Schulhaus Ochsenmatt 1. Seit einem Jahr unterstützt sie die Lehrer. (Bild Stefan Kaiser)

Iva Ganz inmitten der Schüler der fünften Klasse im Schulhaus Ochsenmatt 1. Seit einem Jahr unterstützt sie die Lehrer. (Bild Stefan Kaiser)

Carmen Desax

Die Schüler der fünften Klasse rennen die Treppen hoch in den dritten Stock des Schulhauses Ochsenmatt 1. Dort befindet sich ihr Klassenzimmer. Oben angekommen sind sie ausser Atem, und viele brauchen erst mal einen Schluck Wasser, bevor sie sich an ihre Plätze setzen. «Frau Ganz kommt mit dem Lift nach», sagt Inglina Weiss, die Französischlehrerin. Iva Ganz besitzt einen Liftschlüssel, denn sie ist bereits 79 Jahre alt. Dass sie sich trotz ihres hohen Alters regelmässig im Schulhaus bewegt, hat einen einfachen Grund: Sie unterstützt Inglina Weiss im Unterricht. Seit einem Jahr ist Ganz beim Projekt der Pro Senectute «Generationen im Klassenzimmer» dabei.

Vier Lektionen besucht sie jede Woche mit der gleichen Klasse. «Ich habe gerne Sprachen. Französisch zu unterrichten war mein Wunsch», erklärt sie eifrig. Daneben hilft sie auch im Englischunterricht. Am Dienstagnachmittag steht aber nun eine Doppellektion Französisch im Stundenplan der fünften Klasse – nicht gerade als Lieblingsfach bekannt. Und tatsächlich, die Schüler mühen sich damit ab, auf Französisch zu fragen, wann sie Geburtstag haben. Iva Ganz sitzt mit den Schülern und der Lehrerin zusammen im Kreis und übt mit. «Frau Ganz, wie heisst der Satz schon wieder?», fragt eine Schülerin. Anschliessend spielen die Schüler in kleinen Gruppen ein Spiel, um das Gelernte zu vertiefen. Die Lehrerin und ihre Unterstützerin gehen beide von einer Gruppe zur anderen und helfen jenen, die nicht weiterkommen.

Fortschritte als Erfolgsrezept

Iva Ganz lebt seit rund 25 Jahren in Menzingen. Sie war kaufmännische Angestellte, hat sich dann aber vor allem um ihre Familie mit den zwei Söhnen gekümmert. «Es ist ein grosses Privileg, dass ich mich mit Frau Weiss so gut verstehe», sagt sie anschliessend. Es herrsche ein grosses Vertrauen zwischen ihnen. «Nächste Woche stehen mündliche Französischprüfungen an. Die darf ich dann abnehmen», freut sich die Seniorin. Noten geben sei dann wieder die Aufgabe der Lehrerin, aber sie könne Punkte verteilen. «Wir sprechen vieles ab, und ich mache nichts, ohne dass Frau Weiss davon weiss.» Vertraue ihr ein Kind aber etwas an, behalte sie das für sich.

Iva Ganz bewegt sich ganz natürlich zwischen den Schülern. Sie kennt alle Namen und weiss, um wen sie sich etwas mehr kümmern muss. «Ich mache es wirklich gerne», meint sie. Besonders stolz ist die Seniorin, wenn sie merkt, dass die Schüler von ihr etwas lernen und Fortschritte machen. «Oft ist es lustig, wenn ich den Kindern etwas von früher erzähle und sie das fast nicht glauben können.» Wie lange sie die Lehrer in der Ochsenmatt 1 noch unterstützen kann, weiss sie nicht. «Ich muss flexibel sein, immer ändert sich wieder etwas», aber eines betont sie besonders: «Ich gehöre nicht zu jenen, die einfach zu Hause sitzen können.»

Momentan sind neben Iva Ganz drei weitere Senioren in den Schulen in Menzingen im Einsatz. «Die Nachfrage ändert sich je nach Schuljahr», erklärt Rektor Richard Hänzi. Besteht Bedarf, können sich die Lehrer melden. Findet sich dann ein passender Senior, kann die Zusammenarbeit beginnen.

Projekt in mehreren Kantonen

«Die Senioren brauchen eine Affinität für Jugendliche und deren Umfeld, Freude am Kontakt und an der Arbeit mit ihnen», so der Rektor. Es brauche keine besondere Ausbildung. «Sie müssen jedoch ihre Rolle in der Klasse und in der Zusammenarbeit mit der Lehrperson verstehen und einhalten.» Die Einsatzmöglichkeiten seien vielfältig, beispielsweise auch als Begleitung bei Exkursionen.

Das Projekt der Pro Senectute gibt es seit 2006. Verschiedene Kantone haben die Möglichkeit aufgenommen und setzen Senioren mit ihren Lebens- und Berufserfahrungen in Klassen ein. In Menzingen wurde 2012 die erste Leistungsvereinbarung mit der Organisation unterschrieben. Doch das Projekt wurde auch in weiteren Zuger Gemeinden aufgenommen. Dazu gehören etwa Hünenberg, Cham, Unter- und Oberägeri, Zug, Risch und Neuheim.