MENZINGEN: Schüchterner Flüchtling wird fleissiger Schreiner

Er ist ein Paradebeispiel für Integration: Diallo Mamadou aus Guinea hat hier Deutsch gelernt und eine Lehre abgeschlossen.

Luc Müller
Drucken
Teilen
Spricht nach fünf Jahren hervorragend Deutsch: Diallo Mamadou. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Spricht nach fünf Jahren hervorragend Deutsch: Diallo Mamadou. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Vor rund zwei Wochen hat Diallo Mamadou sein Diplom als Schreinerpraktiker erhalten: mit einem Notendurchschnitt von 5,6. Der 20-Jährige ist ein Musterbeispiel für Integration: Bis vor fünf Jahren sprach er noch kein einziges Wort Deutsch, und auch Schreiben hatte er in seiner Heimat nie gelernt.

Sein bisheriges Leben liest sich wie ein Krimi. Mit 15 Jahren musste Diallo Mamadou seine westafrikanische Heimat Guinea verlassen. «Wie ich in die Schweiz gekommen bin, weiss ich nicht mehr genau», erzählt er. «Ich fuhr sehr lange auf einem Schiff, auf dem ich mich verstecken musste.» Danach seien sie noch «mega lange» per Auto bis in die Schweiz gefahren. Vor dem Empfangszentrum für Asylsuchende in Vallorbe VD wurde der damals 15-Jährige abgesetzt. «Mein Onkel hat die Reise organisiert und mir einen Mann zur Seite gestellt, dem ich bedingungslos gefolgt bin. Dieser sagte mir, ich solle hier in diesem Gebäude nun Asyl beantragen», erklärt Mamadou in bestem Hochdeutsch. «Du kannst mit mir aber auch Schwiizerdütsch sprechen, das verstehe ich gut», schiebt er noch kurz dazwischen. Wir sitzen im Schatten auf einer Steinbank – im Hintergrund steht das ehemalige Internatsgebäude des Seminars Bernarda, das direkt neben der Kantonsschule Menzingen steht. «Hier habe ich ein Zimmer.»

Von Vallorbe nach Steinhausen

Aufgewachsen ist er als Einzelkind in der Hauptstadt von Guinea, in Conarky, die rund 2 Millionen Einwohner zählt. «Wir waren damals ein Kreis von Jugendlichen, die zusammen die Freizeit verbracht haben. Doch plötzlich sollte unsere Gruppe zu einer Gang umfunktioniert werden.» Dagegen habe er sich als einer der Anführer der friedlichen Jugendgruppe gewehrt. «Da habe ich grosse Probleme bekommen. Das ging soweit, dass ich das Land verlassen musste. Mein Onkel, bei dem ich nach dem Tod meiner Eltern aufgewachsen bin, hat mir dazu geraten. Sonst wäre etwas Schlimmes mit mir passiert.» Nach seiner Ankunft in Vallorbe wurde Diallo Mamadou nach Steinhausen in die Durchgangsstation für Asylsuchende gebracht. «Wir waren sechs Personen in einem Zimmer. Ich konnte nicht in Ruhe lernen. Zudem ging ich früh ins Bett, während die anderen erst sehr spät geschlafen haben.» Trotzdem hat er sich durchgebissen: Er besuchte das Zuger Integrations-Brücken-Angebot (IBA). In dieser Schule für fremdsprachige Jugendliche lernte er Deutsch. «Zuerst habe ich nicht viel in der Schule gemacht. Doch dann habe ich gemerkt: Ich lerne, damit ich eine gute Ausbildung machen kann.» Zudem habe er früher in seiner Heimat davon geträumt, wie seine Freunde die Schule besuchen zu können. «Ich habe als Näher gearbeitet. Wir haben unter anderem Sporttaschen hergestellt», so Mamadou, der sehr gut Französisch spricht. In Guinea hat er vor allem den afrikanischen Dialekt Fula gesprochen. Nach der IBA-Schule hat er schliesslich eine Lehrstelle bei der Renggli AG in Rotkreuz erhalten. Die Firma stellt massgeschneiderte Laboreinrichtungen her. «Zuerst habe ich dort geschnuppert. Ich habe mit dem Ausbilder gesprochen und ihm gesagt, dass ich die Stelle unbedingt will und mir voll Mühe geben werde», berichtet Diallo Mamadou. «Ich habe gespürt, dass er es schaffen kann», betont sein damaliger Ausbilder Benno Iten auf Anfrage. «Zunächst war er schüchtern, dann ist er aber richtig aufgeblüht und hat sehr gut gearbeitet», schwärmt Iten. Nun will Mamadou noch mehr. Seiner nun abgeschlossenen zweijährigen Lehre mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) hängt er noch eine Berufslehre zum Schreiner an. Diese absolviert er ab Anfang August für drei Jahre bei der Schreinerei M+K Iten in Morgarten. «Ich bin sehr beeindruckt von Diallo Mamadou. Ich habe gemerkt, dass er gerne arbeitet und sich bemüht», sagt der zukünftige Chef Markus Iten.

Eine Freundin aus Deutschland

Der 20-Jährige besitzt eine F-Bewilligung für vorläufig aufgenommene Ausländer. «Ich bin seit fünf Jahren hier und habe inzwischen schon Heimatgefühle entwickelt. In Guinea habe ich nur noch mit einem Freund über Facebook Kontakt.» Seine Zukunft sieht er in der Schweiz. Hier hat er viele Freunde und schon seit bald fünf Jahren eine Freundin aus Deutschland. Er findet die Schweiz toll, obwohl er hier öfters auch Rassismus erlebt. «Schon häufig bin ich alleine nicht in einen Club reingekommen. In Begleitung von weissen Freunden jedoch schon. Zudem hat mir die Polizei bei einer normalen Ausweiskontrolle schon Handschellen angelegt.» In seinem Heimatland sei das anders: «Wir freuen uns, wenn wir einen Weissen treffen und laden ihn nach Hause ein.»