Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

MENZINGEN: «Wir resozialisieren die Täter»

Andreas Gigon ist seit Januar Direktor der Strafanstalt Bostadel – bei der Disziplin greift er härter durch.
Der neue starke Mann vom Gefängnis Bostadel: Direktor Andreas Gigon. (Bild Stefan Kaiser)

Der neue starke Mann vom Gefängnis Bostadel: Direktor Andreas Gigon. (Bild Stefan Kaiser)

Luc Müller

Seit dem 1. Januar 2015 ist Andreas Gigon (47) neuer Direktor der interkantonalen Strafanstalt Bostadel. Er ist Nachfolger des langjährigen Direktors Linard Arquint, der Ende 2014 in den Ruhestand ging. Andreas Gigon arbeitet seit 2008 im Bostadel. Zunächst war er Leiter des psychologischen Dienstes der Anstalt, ab 2010 wurde er zum Leiter Vollzug und Mitglied der Geschäftsleitung befördert. Seit dem 1. Juni 2013 war Gigon auch als Vizedirektor der Strafanstalt Bostadel tätig.

Sind Sie als Gefängnisdirektor ein Hardliner oder ein Softie?

Andreas Gigon: Ich führe die Anstalt im Geiste des Bostadels weiter.

Bitte konkreter: Ihr langjähriger Vorgänger Linard Arquint war klar der Meinung, dass härtere Strafen nicht mehr bringen. Und Sie?

Gigon: Gewisse disziplinarische Massnahmen habe ich auf die heutige Ausgangslage verschärft angepasst, dies auch zum Schutz jener Gefangenen, die sich an die Regeln halten. Gibt es beispielsweise einen schweren Missbrauch beim PC-Gebrauch durch einen Gefangenen, wird auf unbestimmte Zeit ein Computerverbot verhängt. Auch bezüglich der Vorbeugung gegen den Drogenkonsum in der Strafanstalt arbeiten wir noch mehr mit der Zuger Polizei. Alles in allem sind das aber nur kleine Veränderungen.

Und was ist mit den Drohnen? Auch im Bostadel gab es vor zwei Jahren einen Vorfall, bei dem ein Handy an ein Zellenfenster geflogen wurde.

Gigon: Schweizweit ist das ein grosses Thema unter Gefängnissen. Es werden Detektionssysteme getestet, die aber sehr teuer sind. Im Bostadel gab es keine weiteren Drohnen-Fälle mehr. Die Person, die damals die Drohne fliegen liess, konnte die Zuger Polizei ermitteln.

Sie sind jemand, der also die Schraube angezogen hat. Von aussen wirkt es für viele lasch, dass Mörder oder Vergewaltiger von einem Therapeuten betreut werden, statt sie nur wegzusperren.

Gigon: Neben dem Vollzug der Strafe haben wir einen klaren Auftrag: Es geht darum, die Täter zu resozialisieren. Wir müssen die Täter darauf vorbereiten, dass sie nach der Entlassung wieder in der Gesellschaft ein eigenständiges und deliktfreies Leben führen können. Die härteste Strafe ist für den Menschen der Entzug der Freiheit. Das merken die Gefangenen sehr wohl.

Sind die harten Jungs überhaupt empfänglich für eine Therapie?

Gigon: Der allergrösste Teil der Täter, die ein Tötungsdelikt begangen haben, zeigen Reue. Sie würden alles dafür geben, wenn sie ihre Tat rückgängig machen könnten. Daneben gibt es aber auch eine sehr geringe Anzahl Täter, die psychisch derart krank sind, dass ihnen das Töten kurzfristig Befriedigung gibt. Wie empfänglich ein Täter für eine Therapie generell ist, kann jedoch nur individuell beantwortet werden.

Die Täter einfach nur wegsperren, würde also gar keinen Sinn machen?

Gigon: Nein. Es gibt mehrere Untersuchungen und Studien, die zeigen, dass die Täter in schlechterem Zustand das Gefängnis verlassen, als sie hierher gekommen sind. Das ist die Krux im Strafvollzug: Wir sollen die Täter resozialisieren. Gleichzeitig sperren wir sie ein, was sie aber psychisch schädigt. Zudem gibt es Menschrechtskonventionen sowie die internationale und nationale Kommission zur Verhütung von Folter, die uns genau auf die Finger schaut. Es wäre auch nicht in unserem Sinn, die Täter beispielsweise nur für eine Stunde am Tag zum Hofgang zu lassen. Wir wollen Gefangene nicht zum Tier machen.

Nach der Schlägerei vom letzten Samstag am Bahnhof Cham, wo Jugendliche ein Opfer bewusstlos geschlagen und ihm das Bein gebrochen haben, wurden Stimmen laut, die Täter am besten ins Gefängnis zu stecken. Ihre Meinung dazu?

Gigon: Das ist ganz pragmatisch auch eine Kostenfrage. Im Bostadel kostet ein Häftling im normalen Vollzug 272 Franken pro Tag. Im Hochsicherheitstrakt – der Bostadel verfügt über 12 solche Plätze – sind es bis zu 650 Franken. Nach schweren Taten gegen Leib und Leben kann eine kurzfristig teurere therapeutische Massnahme im geschlossenen Vollzug längerfristig erfolgreich sein und verbraucht so weniger Steuergelder.

Was machen die Gefangenen den ganzen Tag lang?

Gigon: Sie müssen arbeiten. Von 7.30 bis 11.30 Uhr und von 13.30 bis 16.30 Uhr. Wir haben sechs Produktions- und Dienstleistungsbetriebe im Bostadel, in denen die Täter arbeiten. Nach dem gemeinsamen Abendessen können sich die Gefangenen auf der Etage ab 18.15 Uhr frei bewegen und sich in den Zellen besuchen. Ab 21.15 Uhr ist dann Einschluss in der Zelle. Bei uns gibt es nur Einzelzellen.

Welche Gefühle hegen Sie eigentlich gegenüber einem Mörder?

Gigon: Ich muss eine ganz professionelle Sicht haben. Wie erwähnt: Meine Aufgabe ist es, diesen Menschen zu resozialisieren. Aber für mich ist klar: Der Täter muss die Verantwortung für seine Tat übernehmen. Nicht die Gesellschaft oder die schlimme Kindheit ist Ursache für die Tat. Genau diese Sichtweise vermittelt die Therapie. Schlussendlich hat es auch mit der Persönlichkeit, mit dem Innern des Menschen zu tun, ob er zum Täter wird.

Immer mehr Täter altern hinter den Gefängnismauern, weil sie verwahrt wurden. Wie geht man mit Gefangenen im Seniorenalter bei Ihnen um?

Gigon: Die Verwahrung hat die Situation sicher verschärft. Im Bostadel sind derzeit 12 Täter verwahrt. Das heisst, es kann sein, dass sie bis zu ihrem Tod im Gefängnis bleiben. Auch im Bostadel gab es schon Ideen, eine Altersabteilung für Gefangene einzurichten.

Apropos Umbau. Der Bostadel ist seit Jahren zu 100 Prozent belegt. Wann wird ausgebaut?

Gigon: Es gibt zwei angedachte Szenarien. Entweder wird ausserhalb der bisherigen Mauern ein neues Gefängnis gebaut. Oder es wird verdichtet und innerhalb des bestehenden Perimeters ein Neubau oder eine Erweiterung erstellt. Die Kosten für die Erweiterung würden die beiden Betreiberkantone Zug und Basel-Stadt, der Bund sowie das Konkordat tragen.

Stimmt die Behauptung, dass vor allem Ausländer sitzen?

Gigon: Ja. Bei uns stammen über 80 Prozent der Täter aus dem Ausland. Das hat mit Kriminaltourismus zu tun. Viele der Täter sind bewusst in die Schweiz eingereist, um ein Delikt zu verüben. Weil bei Ausländern Fluchtgefahr besteht, werden sie eher inhaftiert, als ein Schweizer, der das gleiche Delikt begangen hat. Die Schweizer kommen in den offenen Vollzug, was viel billiger und für die Resozialisierung förderlich ist.

Bezüglich der Kosten: Der Kanton Zug will mit einem Entlastungsprogramm sparen. Ist der Bostadel vom Spardruck auch betroffen?

Gigon: Überall muss gespart werden. Es gibt unter anderem Pläne, dass das Personal, das nach baselstädtischem Personalreglement angestellt ist, in Zukunft auf einen Teil der Gratifikationen verzichten muss.

14 Verwahrungen

uc. In der Strafanstalt Bostadel, die von den Kantonen Zug und Basel-Stadt gemeinsam geführt wird, gibt es 120 Plätze. 12 davon befinden sich in einer Hochsicherheitsabteilung. Über die Hälfte der derzeit 120 Inhaftierten verbüssen eine Freiheitsstrafe wegen schwerer Delikte gegen Leib und Leben (Mord, Raub, Sexualdelikte usw.).

Waren es vor zehn Jahren noch 2 Gefangene mit lebenslänglicher Haft, sind es heute 13. Verwahrungen sind leicht zurückgegangen: 2014 gab es 19 Gefangene mit Verwahrungen und Massnahmen, derzeit sind es 14. 50 Prozent der Gefangenen verbüssen aktuell eine Freiheitsstrafe von über fünf Jahren.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.