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MILITÄR: Ein Hauptmann mit Gefühlen

Was bringt einem heutzutage noch eine Offizierslaufbahn? Ein Baarer erzählt von seinen Motiven.
Mark Gustafson während der gestrigen Fahnenabgabe in der Nähe von Aigle. (Bild Raphael Biermayr)

Mark Gustafson während der gestrigen Fahnenabgabe in der Nähe von Aigle. (Bild Raphael Biermayr)

Video der Landung des Super-Puma-Helikopters in Steinhausen: www.zugerzeitung.ch/video

Raphael Biermayr

Ein paar Rentner sind eigens dafür gekommen. Passanten halten kurz inne, zücken ihre Handys und fotografieren. Dann scheppern Marschklänge aus den Lautsprechern. Sie lösen bei vielen Erinnerungen aus, die oft mit Langeweile verbunden sind. Aber auch mit der freudigen Gewissheit, dass die baldige Rückkehr ins normale Leben bevorsteht. Das von Innerschweizern dominierte Gebirgsinfanteriebataillon 29 (siehe Box) hat per Helikopter zur Fahnenabgabe an den Genfersee geladen. Die zwei Stunden hin und zurück schlagen in der Vollkostenrechnung mit etwa 22 000 Franken zu Buche. Sie sind als Übungsflüge deklariert, hätten also ohnehin stattgefunden, wie es heisst.

Der Einladung gefolgt sind Pressevertreter, Angehörige und Nostalgiker. Zu Letzteren gehören der Zuger Regierungsrat Stephan Schleiss (vormaliger Stabsoffizier) sowie der Chef der Zuger Polizei, Karl Walker. Er war einst Kommandant des Vorgängerverbands.

Hymne und Fahne

Die Besucher hören die üblichen Ansprachen der Vorgesetzten, und sie sehen die üblichen Abläufe, denen zwar kein Zauber, aber immerhin Bedeutungsschwere innewohnt: Der Schweizerpsalm darf genauso wenig fehlen wie der zackige Fahnenmarsch, unter dessen Hall das Schweizer Kreuz an den aufgereihten Uniformierten vorbeigetragen wird. Die ernsten Mienen sitzen, die Mundwinkel stehen auf zwanzig nach acht. Auch beim Baarer Mark Gustafson, der eine Kompanie kommandiert. Von ihm wird später noch die Rede sein.

Die einen finden diese Inszenierung ergreifend, die andern lächerlich. Das militärische Umfeld besteht zu einem Gutteil aus Pathos mit seinen Traditionen, Ritualen, ungeschriebenen Gesetzen, aber auch geschriebenen Reglementen, von denen manche so grossartig ernsthaft formuliert sind, dass man meinen könnte, sie seien mit Absicht komisch gemacht. Es ist leicht, sich über diesen riesigen, nicht selten chaotischen Betrieb und die feldgrünen Männchen lustig zu machen.

«Ich sehe es als Freiwilligenarbeit»

Wer aber dahintersieht, erkennt die Notwendigkeit der lückenlosen, nicht interpretierbaren Organisation. Denn die sie ausführen, wechseln ständig: das Milizsystem. Menschen wie Mark Gustafson fühlen sich gerade von dieser Herausforderung angezogen. «Ich sehe es als Freiwilligenarbeit: Die einen bringen Menschen das Fussballspielen bei, die anderen vermitteln das Militärische.» Der 35-jährige Hauptmann weiss um den hinkenden Vergleich: Im Gegensatz zum Sport machen die wenigsten aus freien Stücken Militärdienst – das schlägt auf die Motivation.

Auch deshalb fällt im Gespräch mit dem pragmatischen Gustafson der Begriff «Sinnvermittlung» am häufigsten. Es sei nicht sein Ziel, aus Soldaten glühende Anhänger des Militärs zu machen. «Es geht darum, aufzuzeigen, wie bedeutend jeder Einzelne für das System ist.» Zu hören, gebraucht zu werden, sei für jeden Menschen wichtig.

Das klingt ein wenig, wie wenn ein Hundetrainer von seiner Arbeit erzählt. Verteilt Gustafson auch mal Lob auf Vorrat? «Nein, das würde sich schnell abnützen.» Er selbst führe ehrlich, «das heisst, eigene Fehler auch einzugestehen», erklärt er in verblichenem Schaffhauser Dialekt. Gustafson kam in den USA zur Welt. Als er neun Monate alt war, zog die Familie nach Stein am Rhein. Seit 1991 wohnt er im Kanton Zug, aktuell in Baar. Im dortigen Tennisclub spielt er für ein Interclubteam.

Der Dienstgrad war einst ein Faktor bei der Stellenvergabe. Und wenn jemand aus der Verwandtschaft in einer Kirche als Offizier vereidigt worden war, war er der Star am nächsten Weihnachtsessen. In der Wirtschaft schwand die Bedeutung des Dienstgrads mit den steigenden Leistungsanforderungen. Einigen Publikationen zufolge soll er mittlerweile eine Renaissance erleben. Doch die hohe gesellschaftliche Achtung ist verschwunden.

Zwischen den Welten

Was hat Gustafson davon? Wie alle militärischen Kaderangehörigen erwähnt er den Profit im Führungsbereich. Darüber hinaus habe er ganz konkret für seinen Beruf gelernt, Listen zu führen, Tage zu planen und Prioritäten festzulegen. Er berät Banken und Versicherungen, beispielsweise, wie neue Regulierungen umsetzbar sind. Für Gustafson stand nie zur Debatte, im Tarnanzug zur Arbeit zu gehen. «Gerade die Abwechslung zwischen den verschiedenen Welten macht den Reiz für mich aus», sagt er. Sein jetziger Arbeitgeber unterstützt Gustafsons zweite Karriere, wenngleich er «natürlich nicht begeistert» sei über die vielen Absenzen. Gleiches gilt für seine Frau – seit September ist er verheiratet. Für Soldaten beruhigend: Auch der Hauptmann hat Gefühle. Er tue sich schwer damit, am Sonntagabend der Liebsten auf Wiedersehen zu sagen, legt er dar.

Eine Bestätigung für seine Milizmission hat er jüngst auf tragische Art durch die Terroranschläge von Paris erhalten. «Ich hatte tagsüber noch mit Soldaten über mögliche Gefahren in Europa gesprochen, am Abend holte uns die Realität ein», schildert Gustafson. Nach den Attentaten weisen Sicherheitspolitiker auf eine mögliche Ausweitung auf die Schweiz hin und fordern eine Stärkung der Armee. Deren Bedrohungen hiessen in der öffentlichen Wahrnehmung jahrelang Smartphone, Alkohol und Sorglosigkeit – nun sind sie einer realen gewichen. Gustafson beurteilt die Situation allgemeiner: «Vielen ist nicht bewusst, dass wir auf einer Insel der Glückseligkeit leben. Es ist ein hohes Gut, im Zusammenhang mit Gefahren nur über Wahrscheinlichkeiten zu diskutieren. Doch unsere Freiheit ist nicht selbstverständlich.» Er ist überzeugt davon, dass die Milizarmee durch ihre Existenz ihren Teil dazu beiträgt, diese Erkenntnis zu fördern.

Der Wiederholungskurs in und um Aigle endet für Mark Gustafson morgen. Er hakt damit einen Ort mehr ab, den er ohne Militärdienst womöglich nie besucht hätte. Wo würde er gern einmal Dienst leisten, könnte er wählen? Der Hauptmann lacht und sagt: «Ein Traum wäre natürlich Baar.» In seinem Wohnort befindet sich die einzige genutzte Truppenunterkunft im Kanton.

Es wird genug Möglichkeiten geben, damit dieser «Traum» dereinst in Erfüllung gehen könnte. Gustafson ist zum Major im Generalstab vorgeschlagen worden. Wird er dazu ernannt, wird er bis mindestens 52 in der Dienstpflicht stehen. Das wird viele denkwürdige Momente mit sich bringen. Und weitere wehmütige Abschiede von seiner Frau am Sonntagabend.

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