MILITÄR: Warum Zuger fit, aber untauglich sind

Die neuen Zahlen des Bundes zeigen: In Sachen Sportlichkeit macht den Zuger Militäranwärtern keiner etwas vor. Doch die anderen Zentralschweizer Kantone haben Zug auch einiges voraus.

Matthias Stadler
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Vor der RS gehts zum Sporttest: Hier wird beim Standweitsprung die Schnellkraft der Beine getestet. Das Bild entstand im Rekrutierungszentrum Rüti ZH. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Vor der RS gehts zum Sporttest: Hier wird beim Standweitsprung die Schnellkraft der Beine getestet. Das Bild entstand im Rekrutierungszentrum Rüti ZH. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Matthias Stadler

Für Militärfreunde eine Herausforderung, für sportlich weniger Versierte eine Qual: der Sporttest bei der mili­tärischen Aushebung. Die meisten Schweizer Männer kennen eine Variante davon, müssen doch so gut wie alle Männer in der Schweiz einmal in ihrem Leben zu einer Aushebung antreten (siehe Kasten). Deswegen lassen sich an den Resultaten gewisse Tendenzen zur körperlichen Gesundheit der Stellungspflichtigen und deren Herkunft ausmachen. Aus welchem Kanton stammen die schwersten Männer, welcher Kanton beheimatet die fittesten Stellungspflichtigen?

Unsportliche Urner

Die neuesten Zahlen des Bundes zeigen nun: Zuger sind bei der Aushebung des Militärs schweizweit erneut die fittesten, sie schnitten bei den Sporttests 2014 von allen 26 Kantonen am besten ab (siehe Tabelle). Bereits im Jahr zuvor war dies der Fall. Die Zuger erreichten letztes Jahr bei den Übungen durchschnittlich 74,5 Punkte, dies bei einem Maximum von 125 Punkten. Die unsportlichsten Männer stammen aus Basel-Stadt (durchschnittlich 63,3 Punkte).

Die anderen Zentralschweizer Kantone sind erst in der zweiten Hälfte der Tabelle auszumachen. Obwalden belegt mit dem 14. Platz den zweitbesten Platz der Zentralschweiz, darauf folgt Schwyz auf dem 16. Platz. Nidwalden und Luzern liegen auf den Plätzen 19 und 21. Uri belegt mit Rang 22 den schlechtesten Platz der Innerschweizer Kantone.

Innerschweiz bei Tauglichkeit top

Sind die Zentralschweizer – mit Ausnahme von Zug – weniger fit als andere Schweizer, so sind sie bei der Diensttauglichkeit – wieder mit Ausnahme von Zug – führend. Obwalden verzeichnete letztes Jahr mit 91,9 Prozent anteilsmässig am meisten Diensttaugliche. Gleich dahinter liegen Uri (89,1 Prozent) und Nidwalden (88,9 Prozent). Schwyz kommt auf den fünften (86,4 Prozent) und Luzern mit 86,1 Prozent Diensttauglichen auf den sechsten Rang.

Zug liegt bei dieser Statistik deutlich zurück auf Position 21 mit 67,1 Prozent Diensttauglichen. Und dies trotz der Spitzenklassierung bei den Fitnessübungen. Ein Widerspruch?

Urs Marti, Kreiskommandant von Zug, erklärt das Phänomen mit der Lage des Kantons. Zug sei stark Richtung Zürich orientiert und mittlerweile weniger ländlich geprägt als die anderen Zentralschweizer Kantone. «Zug hat einen städtisch geprägten Charakter. Und dass Städter weniger diensttauglich sind als Männer vom Land, ist eine Tatsache.» Er erklärt sich dieses Phänomen mit dem Verhältnis zur Armee: «Auf dem Land ist der Zuspruch zum Militär stärker als in der Stadt. Je ländlicher der Kanton, desto grösser der Zuspruch zur Armee», sagt Urs Marti.

Die Resultate stützen diese Aussagen zumindest teilweise. Der Kanton Zürich hat schweizweit am meisten Untaugliche. Gerade einmal 57,6 Prozent der Zürcher Stellungspflichtigen sind militär- oder zivilschutztauglich. Auf dem zweiten und dritten Platz liegen jedoch ländliche Kantone wie der Jura und das Wallis.

Die Krux mit der Statistik

Die Aushebung wird in der Schweiz in sieben Zentren vorgenommen. Die Luzerner, Urner, Nid- und Obwaldner müssen ins aargauische Windisch, die Zuger ins zürcherische Rüti und die Schwyzer nach Mels im Kanton St. Gallen. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass die Stellungspflichtigen, welche vom Rekrutierungszentrum Rüti bewertet wurden, die besten Resultate erzielten. So sind neben den Zugern auch die Thurgauer, Schaffhauser und Zürcher unter den fittesten sechs Kantonen zu finden. Hingegen sind die schlechtesten Kantone alle vom Rekrutierungszentrum Windisch beurteilt worden. Den Verdacht, dass nicht mit gleich langen Ellen gemessen wird, äussert der Luzerner Kreiskommandant Philippe Achermann. «Die Luzerner müssen alle in Windisch den Sporttest machen. In anderen Rekrutierungszentren wird das vielleicht weniger streng gehandhabt.»

Armeesprecher Christoph Brunner sagt dazu: «Es haben alle Rekrutierungszentren dieselben Vorgaben. Ich gehe davon aus, dass diese überall gleich umgesetzt werden.» Er verweist zudem auf das Bundesamt für Sport, welches für die Sporttests zuständig ist. Auch das Bundesamt für Sport kann keine Gründe für das Kuriosum nennen. Es bestätigt die Aussage der Armee, dass die Tests einheitlich durchgeführt werden.

Gezielte Vorbereitung auf Sporttest

Die Leiterin des Amts für Sport des Kantons Zug, Cordula Ventura, teilt den Verdacht des Luzerner Kreiskommandanten: «Vielleicht absolvieren in Rüti ungeeignete Personen den Sporttest erst gar nicht.» Nichtsdestotrotz zeigt sich die oberste Zuger Sportlerin zufrieden ob der Sportresultate: «Eine höchst erfreuliche Entwicklung» sei das gute Abschneiden der Zuger. Vor 20 Jahren seien die Zuger immer unter den Schlechtesten gewesen beim Sporttest. Der Kanton Zug investiere viel in den Sport, die Sportinfrastrukturen seien in den letzten Jahren massiv verbessert worden. Zudem würden die Sportlehrer in den Gymnasien und Berufsschulen die Schüler gezielt auf den Sporttest vorbereiten.

In Uri fehlt der Wetteifer

Ihr Urner Kollege Peter Sommer erklärt sich das schlechte Abschneiden der Urner mit teilweise fehlender Motivation beim Sporttest: «Früher war der Wettbewerbsgedanke kantonsintern grösser. Da sagten sich beispielsweise die Attinghauser, dass sie die Altdorfer beim Sporttest unbedingt schlagen müssten.» Dies habe zu besseren Resultaten geführt. Nun sei dies aus organisatorischen Gründen nicht mehr möglich, da die Aushebung nicht mehr in Uri stattfinden würde und somit die Stellungspflichtigen in losen Gruppen eingeteilt würden.

Ein schwacher Trost, denn die Urner sind gemäss den Resultaten diejenigen mit dem zweithöchsten BMI. Übertroffen nur von Basel-Stadt.

Die Stellungspflichtigen werden auf Herz und Nieren geprüft

mst.«Diensttauglich ist aus medizinischer Sicht, wer körperlich, geistig und psychisch den Anforderungen des Militär- beziehungsweise Schutzdienstes genügt und bei der Erfüllung dieser Anforderungen weder die eigene Gesundheit noch diejenige Dritter gefährdet.» So die Definition der medizinischen Tauglichkeit.

Die Rekrutierung im Volksmund auch Aushebung genannt – dauert zwei bis drei Tage und findet drei bis zwölf Monate vor der Rekrutenschule statt. Grundsätzlich gilt, dass jeder Schweizer Mann die Rekrutierung machen muss. Gewöhnlich wird sie gemacht, wenn die Person 18 Jahre alt ist. Sie kann in Ausnahmefällen aber auch verschoben werden, spätestens mit 25 ist sie zu machen.

Intelligenz- und Persönlichkeitstest

Für die Aushebung müssen die Stellungspflichtigen in eines der sieben Rekrutierungszentren reisen. Dort werden der Gesundheitszustand, die psychologischen Voraussetzungen und die körperliche Fitness abgeklärt.

Der medizinische Test umfasst Abklärungen über den Gesundheitszustand der Augen und Ohren. Ein Arzt untersucht dabei auch das Herz-Kreislauf-System, den Bauchraum und die Weichteile. Es wird auch eine Herzstromkurve angefertigt, um allfällige Herzerkrankungen zu erkennen. Auch der Body-Mass-Index das Verhältnis von Grösse und Gewicht – wird gemessen.

Die psychologischen Abklärungen umfassen einen Intelligenz- und Persönlichkeitstest, einen Test für Stress- und Angstverhalten sowie Übungen zu Selbstvertrauen und emotionaler Stabilität.

Fünf Sportübungen

Für den «Test Fitness Rekrutierung» (TFR) werden an der Aushebung fünf Übungen gemacht.

  • Medizinalballstossen: Diese Übung soll die Schnellkraft der Arme testen. Dabei wird ein 2 Kilo schwerer Medizinball aus dem Sitzen geworfen. Gemessen wird die Distanz des Wurfs.
  • Standweitsprung: Dabei wird die Schnellkraft der Beine getestet. Gemessen wird, wie weit eine Person aus dem Stand springen kann.
  • Globaler Rumpfkrafttest: Diese Übung ist für die Messung der «globalen Rumpfmuskulatur» gedacht. Der Stellungspflichtige stützt sich auf die Unterarme und hebt im Sekundentakt abwechselnd den linken und rechten Fuss vom Boden auf. Gemessen wird die Zeit, bis die Person die Übung abbricht.
  • Einbeinstand: Beim Einbeinstand sollen die koordinativen Fähigkeiten gemessen werden. Dabei steht der Stellungspflichtige 10 Sekunden auf einem Bein, danach müssen die Augen geschlossen werden. Wiederum 10 Sekunden später muss der Kopf nach hinten in den Nacken gelegt werden. Ziel ist, möglichst lange das Gleichgewicht zu halten.
  • Progressiver Ausdauertest: Bei dieser Übung müssen die Personen beim Laufen ein genau vorgegebenes Tempo einhalten. Dieses wird alle 200 Meter gesteigert. Dabei sollen die Stellungspflichtigen möglichst lange durchhalten.