Interview

Schwinger Marcel Bieri: «Mit der Zeit fiel mir das Lächeln schwer»

Der 25-Jährige begeisterte am Eidgenössischen Schwingfest in Zug das Publikum. Trotzdem wird der Edlibacher im Ausgang nicht belagert.

Interview: Raphael Biermayr
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Marcel Bieri feiert gegen Fabian Staudenmann den fünften Sieg im fünften Gang am «Eidgenössischen» in Zug.

Marcel Bieri feiert gegen Fabian Staudenmann den fünften Sieg im fünften Gang am «Eidgenössischen» in Zug.

Bild: Stefan Kaiser (25. August 2019)

Im Wohnzimmer der Drei-Mann-WG von Marcel Bieri in Edlibach steht ein mässig motiviert geschmückter Christbaum, darunter finden sich ein Harass Bier und eine Holzkiste mit Hochprozentigem. «Unser Adventskalender und unsere Krippe», kommentiert der Schwinger schmunzelnd. Guetzli hätten sie jedoch gebacken, wobei Bieris ­Qualitäten sich auf das Ausstechen und Vorkosten beschränkt hätten. Neben dem Christbaum steht ausserdem eine Schwinger-Trychle – die von Bieris erstem Kranzgewinn 2012. Die wichtigste Trychle befinde sich im Keller: die vom diesjährigen Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (Esaf) in Zug. Dort begeisterte der 25-jährige Bieri die 56500 Zuschauer in der Arena mit fünf Siegen in den ersten fünf Gängen, letztlich belegte er den 6. Rang und gewann den Kranz.

Gab es in diesem Jahr einen schöneren Moment, als den Kranz beim Esaf erhalten zu haben?

Marcel Bieri: Nein, das war der Höhepunkt, auch über das Sportliche hinaus. Allerdings nicht der Augenblick, als ich den Kranz erhielt, sondern als ich nach dem Sieg im achten Gang wusste, dass ich ihn sicher hatte.

Sie unterschreiben Ihre Mails mit den drei Sternchen, die für den Eidgenössischen Kranz stehen. Ist das ein Ausdruck Ihres Stolzes?

Es ist schon etwas mega Spezielles, Eidgenosse zu sein, denn das ist das Ziel jedes durchschnittlichen Schwingers. Gegen einen Eidgenossen schwingt man immer etwas motivierter. Zuvor war ich der Jäger, jetzt bin ich der Gejagte. Darauf bin ich gern stolz.

Es war ein sehr intensives Jahr für Sie, mit dem Höhepunkt am «Eidgenössischen». Konnten Sie den Rummel danach immer geniessen?

Nicht immer. Es gab viele Hände zu schütteln, auch von Leuten, die ich nicht kannte. Aber ich wusste, dass es darum ging, den Leuten etwas zurückzugeben, auch wenn mir nicht immer wohl dabei war. Mit der Zeit fiel mir das Lächeln schwer, vor allem am Montag nach dem Esaf, als noch der Schwingereinzug im Dorf Menzingen stattfand. Die Leute, die mich gut kannten, merkten mir da an, dass ich wirklich müde war.

Der Schwingerkönig Christian Stucki fuhr in der Nacht nach seinem Sieg mit dem Velo in die Wohnung, die er in Zug gemietet hatte. Finden Sie es schade, dass nicht einmal dem Schwingerkönig etwas mehr Ehre zuteil wird?

Nein, das ist der Charme dieses Sports. Ich kann mir vorstellen, dass die Leute, denen er auf dem Velo begegnet ist, ihm «Gratuliere, Stucki!» oder so zugerufen, ihn aber nicht verfolgt haben. Genau diese Freundlichkeit und Normalität machen das Schwingen aus.

Wie kamen Sie nach dem Esaf nach Hause?

Mit dem Taxi. Das war gut so, wir hatten ausgiebig gefeiert.

Gab es einen Tag, an dem Sie seither nicht mehr an das Esaf dachten?

Ja, natürlich. Im Training denke ich manchmal noch daran oder auch mal, wenn ich auf dem Handy Videos davon anschaue. Aber darüber hinaus ist das Esaf, zumindest in meinem Bewusstsein, nicht mehr präsent.

Es gab 2019 auch andere Höhepunkte. So wurden Sie Zweiter im Nationalturnen am Eidgenössischen Turnfest und durften die 1.-August-Rede in Baar halten.

Die 1.-August-Rede war sicherlich ein Highlight. Aber das Nationalturnen stand am Turnfest nicht im Vordergrund, und es gibt jedes Jahr eine Schweizer Meisterschaft. So gesehen war es, mit Ausnahme des Esaf, nicht so ein spezielles Jahr. Beruflich und auch sonst hat sich nicht viel verändert.

Wird sich nach Ihrem Kranzgewinn in Zug etwas verändern?

Nein, ich werde auch nächstes Jahr arbeiten gehen (lacht). Ich kann mir aber vorstellen, mein Arbeitspensum ein wenig herunterzufahren, um mehr Energie für den Sport zu haben. Ausserdem werde ich meine Militär-WK künftig als Spitzensportler in Magglingen absolvieren dürfen.

Mussten Sie hinsichtlich des «Eidgenössischen» in anderen Lebensbereichen Abstriche machen?

Ja, das war allerdings schon so geplant. Ich nahm die ganze Woche vor dem Esaf frei, um in der Schule nicht von Gedanken daran abgelenkt zu werden. Ausserdem verzichtete ich ab vier Wochen vor dem Fest ganz auf Alkohol und ging auch nicht mehr gross in den Ausgang.

Was machten Sie in der Woche vor dem Fest?

Erstaunlich wenig. Ich sah oft fern und bereitete ein bisschen was für die Schule vor.

Hatten Sie nach dem gewonnenen fünften Gang den Gedanken, dass es sogar mit dem Schlussgang klappen könnte?

Eher nach dem sechsten. Denn da war es tatsächlich möglich, mit einem ­gewonnenen nächsten Gang in den Schlussgang einzuziehen. Aber ich wusste auch, dass noch ein paar Brocken auf mich warteten. Ausserdem hätte ich ein seltsames Gefühl gehabt, wenn ich in den Schlussgang eingeteilt worden wäre, denn ich war nicht der Stärkste an diesem zweiten Tag. Ein Wicki Joel zum Beispiel gewann seine Gänge in zehn Sekunden, das war schon ein anderes Niveau. Es war auch seltsam, dass mir nach dem fünften Gang zum Kranzgewinn gratuliert wurde, sogar im Fernsehen.

Wie meinen Sie das?

Hätte ich die letzten drei tatsächlich verloren, hätte ich den Kranz nicht gewonnen. Das wäre ganz bitter gewesen nach fünf gewonnenen Gängen.

Sie waren nach Ihren vier Siegen am Samstag prominent. Hat sich das für Sie sponsorenseitig ausbezahlt?

Nein, denn da muss man das Ganze sehen. Ich gewann den Kranz, was kein Exploit meinerseits gewesen war, sondern mein erklärtes Ziel. Das war dementsprechend keine Überraschung.

Sehen Ihre Sponsoringverträge Prämien für Kränze vor?

Es gibt solche Modelle, das ist sehr individuell geregelt. Bei mir ist ein kleiner Teil so geregelt, aber das ist nicht der Rede wert und ist auch nicht der Grund, warum ich Kränze gewinnen will.

Ihr Sportlerjahr ging nicht gut zu Ende. Am Tessiner Rangschwinget Mitte September zogen Sie sich einen Bänderriss im Schulter­gelenk zu. Nahmen Sie dieses Schwingfest zu locker?

Wahrscheinlich schon. Wir sahen das als eine Art Schwingerausflug und übernachteten auch im Tessin. Es war schön warm, und ich wärmte mich deshalb vor dem Gang nicht so gut auf, dann geht es schnell. Ich merkte da zum ersten Mal, dass auch ich nicht mehr 19 bin.

Ist Ihre Schulter wieder belastbar?

Ja, ich war kürzlich zum ersten Mal nach zweieinhalb Monaten wieder im Schwingkeller, man sieht es auch hier (er zeigt seinen aufgeschürften rechten Daumen). Das passiert, wenn man keine Hornhaut mehr hat. Ich bin zuversichtlich, dass die Schulter nach dem Aufbau wieder wie vorher funktionieren wird.

Themenwechsel: Wenn man «Marcel Bieri Schwinger» bei Google eingibt, kommt als nächster Suchbegriff das Wort «Freundin».

(Bieri lacht laut)

Wie hat sich Ihr Auftritt beim Esaf diesbezüglich ausgewirkt?

Zum Thema Freundin gebe ich keinen Kommentar ab. Allgemein kann ich sagen, dass ich nicht so populär bin, dass ich nicht mehr in den Ausgang gehen könnte, weil ich belästigt oder umzingelt würde.

Für den «Zuger Sportler des Jahres» ist mit Pirmin Reichmuth ein Schwinger unter den Nominierten. Verstehen Sie, dass die Wahl auf ihn fiel und nicht auf Sie?

Ja, wenn man unsere Leistungen vergleicht, ist es selbstverständlich, dass er nominiert ist. Man muss sich nur vor Augen führen, wie viele Kranzfeste er in der letzten Saison gewann, darunter auch auf dem Brünig. Ausserdem war ich bereits 2017 nominiert, nachdem ich das Zuger Kantonale gewonnen hatte. Da hatte ich übrigens Piri als meine Begleitung dabei.

Gehen Sie dieses Jahr als seine Begleitung hin?

Nein, ich bin unabhängig davon eingeladen worden und wusste bis gerade eben gar nicht, dass er nominiert ist. Er wird wohl mit seiner Freundin gehen – vielleicht darf ich mich zu ihnen an den Tisch setzen.

Der 25-jährige Marcel Bieri aus Edlibach gewann als Schwinger des SK Ägerital bislang 30 Kränze und ist seit diesem Sommer «Eidgenosse». Darüber hinaus ist er erfolgreicher Nationalturner des STV Menzingen. Der Primarlehrer unterrichtet eine 6. Klasse in Rudolfstetten AG.