Mitarbeiten und gebraucht werden

Familie Müller aus Morgarten hat Pionierarbeit geleistet: Sie betreuen auf ihrem Bauernhof drei junge Männer mit einer geistigen Behinderung. Das Konzept der individuellen und bedarfsgerechten Unterstützung wird nun auch vom Kanton gefördert.

Carmen Rogenmoser
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Simeon Hegglin ist auf dem Bauernhof angestellt. Auch das Einsammeln der Äpfel gehört zu seinen Arbeiten. (Bild: Stefan Kaiser (Morgarten, 1. Oktober 2018))

Simeon Hegglin ist auf dem Bauernhof angestellt. Auch das Einsammeln der Äpfel gehört zu seinen Arbeiten. (Bild: Stefan Kaiser (Morgarten, 1. Oktober 2018))

«Individuelle und bedarfsgerechte Unterstützung für Zugerinnen und Zuger mit Behinderung» – kurz InBeZug – das will der Kanton Zug umsetzen. 2017 wurde dieses Projekt lanciert (siehe Box). Ganz neu ist die Idee nicht. Es gibt Initiativen im Kanton, wo Pionierarbeit geleistet wurde. Bisher aber wurden Vorhaben, welche sich nicht im Rahmen der grossen Institutionen bewegten, vom Kanton finanziell nicht unterstützt. Ein Beispiel dafür ist jenes der Familie Müller, das in Zusammenarbeit mit dem Verein Wohnen und Arbeiten auf dem Bauernhof (Wabb) gestartet wurde. Seit rund sechs Jahren leben drei junge Männer, Nicolas (23) und die Zwillinge Simeon und Damian (22) auf ihrem Bauernhof in der Warth in Morgarten. Alle drei kamen mit dem Fragilen-X-Syndrom zur Welt. Symptome dafür sind Lernschwäche bis hin zu schweren kognitiven Beeinträchtigungen.

Vom Heim in eine eigene Wohnung

Seit Anfang 2017 führt das kantonale Sozialamt im Auftrag der Zuger Regierung das Projekt InBeZug (individuelle und bedarfsgerechte Unterstützung für Zugerinnen und Zuger mit Behinderung) durch. Ziel ist die Verbesserung des Unterstützungssystems für Menschen mit Behinderung im Kanton. Ihre Selbstständigkeit, Teilhabe und Eigenverantwortung soll gestärkt werden. Gleichzeitig sollen die Kantonsfinanzen gezielter und wirkungsvoller eingesetzt werden.

Das momentane System der pauschalen Einrichtungsfinanzierung wird individueller und bedarfsabhängiger ausgestaltet. Das heisst, dass sich die bisherigen Pauschaltarife der Einrichtungen künftig am Bedarf der Nutzenden orientieren. Vorgesehen ist dafür das System IBB (individueller Betreuungsbedarf). Es wurde von den Ostschweizer Kantonen entwickelt und sei mittlerweile praktisch in der ganzen Deutschschweiz Standard.

Das Projekt dauert drei Jahre. In dieser Zeit ändert sich an der Unterstützung durch den Kanton nichts. Mit dem Zwischenbericht, der nun dem Zuger Regierungsrat präsentiert wurde, ist der dritte von insgesamt sechs Projektschritten abgeschlossen. Am Ende wird die Politik über ausgearbeitete Lösungen zur Verbesserung des Systems entscheiden. Der Regierungsrat habe die eingeschlagene Stossrichtung gutgeheissen, heisst es in der entsprechenden Mitteilung.

Herzstück des neuen Systems ist die unabhängige Bedarfsabklärung. Sie stelle sicher, dass Zuger mit Behinderung für sie passende Unterstützungsangebote in Anspruch nehmen können. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Selbst- oder Mitbestimmung der Menschen mit Behinderung. Neu soll der Kanton Zug alternativ zu den bestehenden Heimen und Werkstätten auch Beiträge an ambulanten Unterstützungsformen gewähren. So sollen auch Menschen mit Behinderung vermehrt privat wohnen und arbeiten können. In Zusammenarbeit mit Zuger Institutionen seien bereits einige Modellprojekte lanciert worden. So konnte etwa ein junger Mann vom Heim in eine eigene Wohnung ziehen. Er wird nun vom Heim ambulant unterstützt. Demnächst entstehe eine WG mit zwei Frauen, die gemeinsam aus einem Heim ausziehen. Neben Angeboten zur ambulanten Wohnbegleitung ist auch die Betreuung auf dem Bauernhof, das sogenannte «Care Farming», Teil des Projekts. Studien zeigen, dass die Lebensqualität signifikant steige, wenn Menschen selbstbestimmt leben können. «Ausserdem sind die Kosten im Durchschnitt keineswegs höher als bei stationärer Betreuung – Fixkosten fallen weg und oft sinkt der Betreuungsaufwand», schreibt die DI in ihrer Mitteilung. Traditionelle institutionelle Wohn- und Arbeitsangebote bleiben weiterhin bestehen, als Teil eines vielfältigen Unterstützungssystems. (cro/PD)

Körperlich Arbeiten, das können die Drei. Momentan sind sie dabei, einen Zaun für die Schafe zu stellen. Diese sollen auf eine neue Weide. Anschliessend müssen Äpfel zusammengelesen werden. Unterstützt werden Nicolas, Simeon und Damian von Rodrigo, einem Helfer, der ebenfalls auf dem Hof angestellt ist. «So ganz ohne Aufsicht klappt es meist nicht», erklärt Landwirt Albert Müller (54). Er beobachtet das Geschehen von Weitem. Die Betreuung sei zeit-intensiv, die Tage oft lang, beschreibt er seinen Alltag. Die Drei leben fünf Tage der Woche bei ihm und seiner Frau. «Es ist wie in einer Grossfamilie», vergleicht Elisabeth Müller (47).

Das einzige Projekt dieser Art

Das Projekt ist ihre Herzensangelegenheit. Sie hat schon früher mit Menschen mit einer Behinderung gearbeitet, und gemeinsam mit ihrem Mann Lehrlinge auf dem Hof ausgebildet. Dann wurden sie vom Verein Wabb angefragt, ob sie Personen mit einer Behinderung aufnehmen würden. Lange überlegen mussten die beiden nicht und bald schon lebte Nicolas bei ihnen. Ein Jahr später kamen die Zwillingsbrüder dazu. Die Veränderung im Familienleben war gross, auch für die vier eigenen Kinder. «Wir haben es einfach durchgezogen, da mussten auch die Kinder mitmachen», sagt Elisabeth Müller (47). Es habe allen viel gebracht. «Man lernt fürs Leben.» Müllers sind bisher die einzige Bauernfamilie des Vereins Wabb, die jungen Menschen mit einer Behinderung in der Form Arbeit und Unterkunft bieten. «Uns war von Anfang an wichtig, dass die drei mit anpacken, wir wollen keine Arbeit für sie ‹erfinden›», sagt Albert Müller. «Wir versuchen, sie möglichst in unser Leben in der Landwirtschaft mit einzubeziehen.» Sie sollen mitten im Geschehen sein.

Elisabeth und Albert Müller sind überzeugt davon, dass die Lebensqualität der jungen Männer dadurch positiv beeinflusst wurde. Ihr Projekt sehen sie als ein weiteres, ein ergänzendes Angebot für Menschen mit einer Behinderung im Kanton. «Der Einsatz auf dem Bauernhof ist sicher nicht für jeden etwas», sagt Elisabeth Müller. Den Dreien passt es allerdings. «Sie erleben viel Abwechslung, sind am Abend müde von der Arbeit und sehen, was sie geschafft haben», erklärt Albert Müller. Jeweils zwei helfen draussen mit, der Dritte im Haus. Jede Woche wird abgewechselt. Die jungen Männer haben neben der Arbeit weiteres Programm: einmal in der Woche spielen sie Tennis, Nicolas spielt in der Guggenmusik der Zuwebe und alle drei gehen regelmässig Schwimmen. Den Weg machen sie alleine: zu Fuss geht es von der Warth bis zur Bushaltestelle, von dort weiter mit dem Bus nach Cham, Baar oder Zug. Zurück nach Morgarten bringt sie ein Tixi-Taxi. «Sie sind ein eingespieltes Team und funktionieren gut zusammen», sagt die Bäuerin.

Vieles basiert auf Eigeninitiative

Erarbeitet haben sich Müllers den Tagesablauf selber, durch ausprobieren und anpassen. Die Kosten, die für die Betreuung auf dem Bauernhof anfallen, haben die Familien bisher mit IV-Geldern, Ergänzungsleistungen und eigenen finanziellen Mitteln bestritten, wobei die Familien grosse Vorleistungen machen mussten. Schon vor Jahren hat der Verein Wabb deshalb Kontakt mit dem Kanton aufgenommen. «Wir wurden immer wohlwollend beraten, aber es wurde uns auch klar gemacht, dass Initiativen, welche sich ausserhalb des institutionellen Rahmens bewegen, keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung haben», sagt Stephan Hegglin-Besmer, Vater der Zwillinge und eines der Grünungsmitglieder des Vereins. Das habe sich mit InBeZug nun geändert. «Wir haben das Glück, dass unsere Initiative als eines der Pilotprojekte von InBeZug anerkannt wurde», ergänzt er. Da die gesetzlichen Grundlagen erst noch erarbeitet werden müssen, seien solche konkrete Erfahrungen der Zusammenarbeit von grosser Bedeutung. Dass der Kanton ihres und ähnliche Projekte – Stichwort «Care Farming» – unterstützen und fördern will, begrüsst auch Elisabeth Müller sehr. «Ein allfälliger Erfahrungsaustausch wäre für alle gut.» Stephan Hegglin-Besmer weiss von anderen Bauernfamilien, die sich auch vorstellen könnten, behinderte Jugendliche aufzunehmen und zu betreuen. «Bisher aber fehlte die finanzielle Absicherung.» Familie Müller würde sich jedenfalls wieder für ihr Engagement entscheiden. «Wir haben Leute um uns, es ist immer etwas los», sagt Albert Müller.

Hinweis

Weitere Informationen zum Verein Wabb und der Familie Müller: www.wabb-zug.ch