Kolumne «Zuger Ansichten»
Mobilität und Lebensqualität – natürlich geht das

Kantonsrätin Tabea Estermann (GLP) macht sich in ihrer Kolumne Gedanken zur Fortbewegung und wie die Mobilität weiterentwickelt werden soll.

Tabea Estermann, Kantonsrätin GLP, Zug
Tabea Estermann, Kantonsrätin GLP, Zug
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Königin Victoria befand das neu erfundene Automobil seinerzeit als «ein sehr unruhiges und ganz und gar unangenehmes Beförderungsmittel». Von ihren politischen Zeitgenossen wurde es an der Internationalen Automobilausstellung 1898 in Paris als «hässlich und übelriechend» kritisiert. Die technologische Innovation mit ihren zahlreichen Vorteilen und der Erhöhung der Lebensqualität hat sich dennoch durchgesetzt.

Kantonsrätin Tabea Estermann

Kantonsrätin Tabea Estermann

Bild: PD

Unter anderem beseitigte die Erfindung des Automobils beispielsweise die verschärfte Problematik des Pferdemistes, welcher aufgrund der wachsenden Bevölkerung und des steigenden Mobilitätsbedürfnisses zu regelrechten Horrorprognosen von meterhohem Pferdemist und damit unpassierbaren Strassen führte.

Heute verursacht das Automobil zwar keinen Pferdemist, dafür aber eine ganze Menge Lärm, Unfälle, Landschaftsschäden und Luftverschmutzung. Letztere beinhaltet neben dem CO2-Ausstoss auch Reinigungs- und Gesundheitskosten. Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) beziffert die gesamten der Allgemeinheit belasteten Kosten des privaten motorisierten Strassenverkehrs in der Schweiz derzeit auf 9,8 Milliarden Franken pro Jahr.

Zudem wächst die Bevölkerung des Kantons Zug aufgrund der erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung bis 2040 gemäss Prognose auf 148500 Einwohner.

Der Kantonsrat beauftragte daher die Regierung, ein Mobilitätskonzept zu erarbeiten. Unser Kanton ist in seiner Grösse begrenzt, und deswegen müssen wir als Gesellschaft eine ehrliche Diskussion über die Kosten und Nutzen der verschiedenen Verkehrsträger führen. Damit wir unsere knappen Ressourcen optimal einsetzen können, sollte auch im Verkehr das Verursacherprinzip gelten.

Experten sind sich einig, dass die Fortbewegung der Zukunft «multimodal» stattfindet. Das heisst, dass dieselbe Person je nach Zeitpunkt, Ziel und Länge einer geplanten Reise verschiedene Verkehrsmittel verwendet. Der Walchwiler Handwerker, der auf einer Baustelle in Baar arbeitet, benutzt daher mit gutem Gewissen den Privatverkehr. Für den Sonntagsausflug an den Ägerisee ist jedoch eine Fahrt mit dem Bus zu bevorzugen und für den abendlichen Konzertbesuch in Zürich sollte der Zug klar Vorrang haben.

Die multimodale Mobilität benötigt die richtige Infrastruktur am richtigen Ort, damit der freie Entscheid des Verkehrsträgers jedes Einzelnen den gesellschaftlichen Kosten-Nutzen optimiert.

Das «Mobilitätskonzept» der Regierung ist in dieser Hinsicht leider etwas enttäuschend. Anstelle eines echten umfassenden Konzepts stehen da Aussagen wie: «Heute ist auf bestimmten Abschnitten im Strassennetz die Nachfrage höher als das Angebot.» Der vorgeschlagene Zentrumstunnel in der Stadt Zug sowie die Umfahrung in Unterägeri können zwar Teil einer Lösung der heutigen und künftigen Engpässe sein.

Es ist aber auch erwiesen, dass mehr Infrastruktur automatisch auch mehr Verkehr generiert, und die relative Verbesserung der Strasseninfrastruktur zu einer (Rück-)Verlagerung von anderen Verkehrsträgern zum Strassenverkehr führt. Kapazitätserhöhungen wie Tunnels und Umfahrungen müssen daher mit einer kompensierenden Kapazitätsverschiebung zum Langsamverkehr kombiniert werden. Es gibt einen riesigen Werkzeugkasten von Massnahmen für eine neue nachhaltigere und stressfreiere Mobilität.

Diese Massnahmen gilt es klug zu kombinieren: beispielsweise mit Velo- und Fussverkehr in zusätzlichen autofreien Zonen, einem ausgebauten, erschwinglichen öffentlichen Verkehr sowie mit der vermehrten Nutzung von Velo- und Carsharing-Angeboten.

In der Kolumne «Zuger Ansichten» äussern sich Kantonsrätinnen und Kantonsräte zu einem frei gewählten Thema. Ihre Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.