MORGARTEN: «Für uns gehören sie zur Familie»

Drei junge Männer mit einer geistigen Behinderung arbeiten und leben auf dem Hof Warth. Der Verein, der diesen Einsatz möglich macht, hat noch eine grosse Vision.

Samantha Taylor
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Damian hilft auf dem Hof Warth in Morgarten beim Holzstapeln.

Damian hilft auf dem Hof Warth in Morgarten beim Holzstapeln.

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

«Ganz runter. Ja, genau, du musst ganz runterdrücken», erklärt Albert Müller. Der junge Mann, der in Arbeitskleidung vor ihm kniet, nickt eifrig und macht sich am Wagenheber zu schaffen. Das Rad des «Aebi-Transporters», so nennt Albert Müller das Gefährt, muss gewechselt werden. Der vordere Teil des Kleintransporters hebt sich. «Sehr gut. Und jetzt kannst du die Schrauben lösen», weist Albert Müller einen zweiten jungen Mann an, der das Geschehen bisher gespannt mitverfolgt hat. «Mach ich», sagt er.

Der Radwechsel wird in Teamarbeit erledigt. Langsam und geduldig – wie so vieles auf dem Hof Warth in Morgarten. Denn Albert (52) und Elisabeth Müller (45), die den 27 Hektaren grossen Betrieb zusammen mit ihren vier Kindern im Alter zwischen 11 und 19 Jahren führen, haben sich entschieden, sich neben ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit sozial zu engagieren. Der Warth-Hof ist der erste Betrieb des Zuger Vereins «Wohnen und Arbeiten mit Behinderten auf dem Bauernhof» (Wabb), der Plätze für Menschen mit geistiger Behinderung bietet (siehe Box). Drei junge Männer arbeiten und leben derzeit dort – Nicolas (21) aus Menzingen seit vier Jahren, die Zwillingsbrüder Simeon und Damian (20) aus Zug seit drei Jahren. Alle drei kamen mit dem Fragilen-X-Syndrom zur Welt. Symp­tome dafür sind Lernschwäche bis hin zu schweren kognitiven Beeinträchtigungen. «Körperlich sind sie nur wenig eingeschränkt. Feinmotorisches ist für sie allerdings eher schwierig», erklärt Johannes Hegglin. Er ist der ältere Bruder von Simeon und Damian und gleichzeitig der neu gewählte Präsident des Vereins Wabb.

Helfen in verschiedenen Bereichen mit

Der Radwechsel ist inzwischen fast vollzogen. «Noch einmal richtig anziehen, dann haben wirs geschafft», sagt Albert Müller. «Das war ja ganz einfach», findet Nicolas und betrachtet sein Werk, bevor er zusammen mit Simeon das kaputte Rad in die Scheune rollt. Die Drei leisten auf dem Hof Warth viel Einsatz in verschiedenen Bereichen. «Sie spalten Holz, heuen, misten, mosten, lesen Obst ab und auf, fegen, melken die Kühe und helfen beim Schären der Schafe», zählt Elisabeth Müller auf. Zwei würden jeweils draussen arbeiten, einer unterstütze sie im Haushalt. Dort helfen sie beim Kochen, Waschen und Putzen. «Wir kochen auch zusammen Konfi oder machen Gemüse und Früchte ein. Und im Frühling und Sommer arbeiten sie im Garten mit», erklärt sie. Viele Tätigkeiten können Simeon, Damian und Nicolas zu grossen Teilen selbstständig verrichten. Trotzdem erledigen sie das meiste unter Aufsicht. «Sie brauchen Hilfe und Betreuung», erklärt Johannes Hegglin. Aus diesem Grund erhalte die Familie Müller auch finanzielle Beiträge von den Eltern der drei jungen Männer. «Ausserdem haben wir noch einen Angestellten, der 100 Prozent auf dem Betrieb arbeitet. Sonst würden wir das alles wohl nicht schaffen», sagt Albert Müller. Neben der Arbeit auf dem Hof haben die Drei ein volles Freizeitprogramm. Schwimmen in Cham, Tennis und Werken in Zug, und Nicolas spielt noch in der Guggenmusig der Zuwebe.

Es war eine Umstellung

Dass sie sich auf das Vorhaben des Vereins einlassen wollen, haben die Müllers vor rund fünf Jahren entschieden. «Ich habe schon früher mit Menschen mit einer Behinderung gearbeitet», sagt Elisabeth Müller. Ausserdem hätten sie auch immer Lehrlinge auf dem Betrieb ausgebildet. «Eines Tages wurden wir angefragt, ob wir nicht auch Personen mit einer Behinderung in den Hofbetrieb integrieren möchten. Und da war für uns klar: Das machen wir», erinnert sich die 45-Jährige. Dass es nun drei junge Männer sind, war für die Familie durchaus eine Umstellung. «Die Betreuung ist zeitintensiv, und manchmal ist es streng», sagt Albert Müller. Doch das Positive überwiegt deutlich, da sind sich Albert und Elisabeth Müller einig. «Wir bekommen so viel», sagt Elisabeth Müller. Es werde viel gelacht. Die Familie könne von der offenen Art der Drei profitieren und sich anstecken lassen. «Eines Abends haben sie einfach einen Nachbarn zu uns eingeladen, den sie auf dem Nachhauseweg angetroffen haben, ganz spontan, und wir waren eigentlich alle schon fast bettfertig», erinnert sich Albert Müller an eine «dieser schönen Geschichten».

Sie gehören auch zur Familie

Auch Simeon, Damian und Nicolas scheint das Leben auf dem Hof und mit der Familie zu gefallen. Das frühe Aufstehen sei zwar schon «cheibe streng», sagt Nicolas und seufzt beim Gedanken daran. «Aber Misten ist eine gute Arbeit», findet er, während er im Stall den Boden wischt. Als alle drei vor dem Mittagessen ins Esszimmer kommen und sich um den grossen Holztisch setzen, verschnaufen sie erst einmal. Erst noch etwas scheu, doch nach und nach berichten sie immer lauter davon, was sie auf dem Hof schon alles erlebt haben. «Einmal hat eine Kuh gekalbert. Da war ganz schön was los», sagt Nicolas, und Simeon und Damian stimmen ins Lachen mit ein. «Ein junges Eseli haben wir auch», erzählt Simeon, und Damian sagt: «Wenn du willst, kannst du das haben.» An diesem Nachmittag steht der Bau einer kleinen Strasse auf dem Programm. «Da sind wir schon lange dran. Es ist streng», sagt Damian. «Sie sind überall engagiert und immer gerne dabei», weiss Johannes Hegglin. Das seien seine Brüder schon immer gewesen. «Die Arbeit auf dem Hof ist für sie darum genau das richtige», so Hegglin, und Albert Müller ergänzt: «Für uns gehören sie zum Betrieb und vor allem zur Familie.»