Muri: Peter Wiederkehr wird nach 29 Jahren in der Jugend-, Ehe- und Familienberatung pensioniert

Nach 29 Jahren in der Jugend-, Ehe- und Familienberatung Muri geht Peter Wiederkehr in Pension.

Eddy Schambron
Hören
Drucken
Teilen
Peter Wiederkehr und Nachfolgerin Käthi Strub.

Peter Wiederkehr und Nachfolgerin Käthi Strub.

Bild: Eddy Schambron

Er kennt das soziale Umfeld im oberen Freiamt wie kein Zweiter: Peter Wiederkehr, Leiter der Jugend-, Ehe- und Familienberatung des Bezirks Muri, geht nach 29 Jahren Tätigkeit in die Pension. In den letzten rund 30 Jahren hat sich vieles verändert: «1991 hatten wir 120 Fälle pro Jahr, heute sind es 610. Am Anfang arbeiteten wir mit 140 Stellenprozenten, heute sind es 470», fasst er zusammen. Doch zwischen den nackten Zahlen steckt viel mehr: «Das obere Freiamt hat sich von der bäuerlich-konservativ geprägten Region zur Agglomeration der Speckgürtel Aarau, Zürich, Zug und Luzern entwickelt. Entsprechend verändert haben sich die Klientel der Jugend-, Ehe- und Familienberatung, die Arbeit als solche und im Laufe wissenschaftlicher Erkenntnisse auch die Arbeitsansätze.» Bestand hat, «dass wir ein Familienzentrum sind, bei dem es menschelt», unterstreicht Wiederkehr und meint das überaus positiv.

Im Gespräch wird, wie immer, sofort klar: Dieser Mann lebt seinen Beruf, auch jetzt, wo er in den Ruhestand tritt. Er bezeichnet die Beratungsstelle als «psychosozialer Staubsauger», als Anlaufstelle für vieles, die so niederschwellig wie möglich sein will. Er hat den Anspruch, den Klientinnen und Klienten auf Augenhöhe zu begegnen. «Ich bin als Berater nicht der Magier, die Lösung eines Problems liegt bei den Ratsuchenden selber, ich kann ihnen nur helfen, draufzukommen.»

Und das hat er in all den Jahren mit ausserordentlichem Engagement und steter Weiterbildung gemacht. Die Jugend-, Ehe- und Familienberatung des Bezirks Muri ist heute eine etablierte Institution, die nicht nur in der Bevölkerung bekannt ist, sondern auch das Vertrauen der angegliederten Gemeinden und ihrer Vertreterinnen und Vertreter geniesst. «Das ist das Verdienst des Teams», glaubt Wiederkehr, «und einer gewissen Kontinuität: Wir hatten in alle den Jahren eine sehr tiefe Personalfluktuation.»

Die Kontinuität wird übrigens aufrecht gehalten: Käthi Strub, diplomierte Sozialarbeiterin, übernimmt die Stellenleitung auf den 1. April.

Mehr Eltern, die von der Erziehung strapaziert sind

Sah sich die Stelle früher hauptsächlich mit Ehe- und Scheidungsproblemen konfrontiert, haben in den letzten Jahren Erziehungsprobleme und Kindesschutz enorm an Gewicht gewonnen haben. «Man spricht heute von 40 Prozent sogenannt erziehungsstrapazierten Eltern, die einen inneren Kompass in der Erziehung verloren haben.» Die Arbeit hat sich, mit dem Wandel in der Gesellschaft, mit der Zunahme von Hochstreitigkeitskonflikten, in wesentlichen Teilen verändert, die Vermittlung von Tagesfamilien ist eine Selbstverständlichkeit geworden, der Kontakt zu den Behörden ist konstruktiv und zielorientiert, was früher nicht immer der Fall war. Es hat eine Professionalisierung stattgefunden, die Wiederkehr mitgeprägt und auch kritisch begleitet hat: «Es gab eine Tendenz, Sozialarbeit durch Psychotherapie zu ersetzen. Das war falsch.»

Psychotherapie könne und müsse man einfliessen lassen in Problembehandlungen, die «Psychologisierung» von Problemen würde aber nicht zu Veränderungen führen. Der Sozialarbeiter appelliert an eine gewisse Eigenverantwortlichkeit beim Lösen von Schwierigkeiten. «Der Staat kann nicht primärer Ansprechpartner sein.» Allerdings stellt er auch fest, dass früher, im Gegensatz zu heute, oft kirchliche oder andere Vereine Fehlentwicklungen abfedern oder bei Problemlösungen mithelfen konnten. Was haben 30 Jahre Sozialarbeit als Peter Wiederkehr gemacht? «Ich bin dicker geworden», lacht er. Die Arbeit hat ihn auf jeden Fall nicht zum Pessimisten werden lassen. «Ich habe im Laufe der Jahre einen sicheren, inneren Kompass entwickelt.»

Die Arbeit habe ihm immer Freude bereitet, da seien keine Frustrationen aufgekommen, nicht zuletzt dank einem sehr guten Team. «Ich bin nicht versauert da drin.» Das Wertvollste sei, dass er dank vieler Herausforderungen nie Gefahr gelaufen ist, festzufahren. Erfolgserlebnisse gab es viele. «Zu Weihnachten habe ich eine Karte bekommen von einem Klienten, der mir nach 20 Jahren für meine Arbeit gedankt hat. Sie habe sich als nachhaltig erwiesen.

Das hat mich riesig gefreut», erzählt Wiederkehr. Der Wechsel in den Ruhestand kommt nicht abrupt, sondern ist gut vorbereitet. Peter Wiederkehr wird mit seiner Neugier, seinem Wissensdurst und seinem Interesse für politische Vorgänge aktiv bleiben. Vielleicht wird er sich in Sachen Selbsthilfegruppen engagieren, vielleicht im Bereich Klimaschutz, «ich weiss das jetzt noch nicht so genau». Aber eines ist für den in Luzern lebenden Mann sicher: «Ich habe die Schnauze voll vom Autofahren.»