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Chriesi-Ernte in Zug: Die Natur hält sich nicht an die Chriesigloggä

So früh wie dieses Jahr waren die Chriesi noch selten reif. Bei Obstbauer Hermann Röllin in Baar läuft die Kirschenernte bereits seit drei Wochen auf Hochtouren. Ein Augenschein.
Christian Tschümperlin
Josef Uhr erntet schon seit vielen Jahrzehnten Kirschen bei Röllins. Bild: Stefan Kaiser (Zug, 21. Juni 2018)

Josef Uhr erntet schon seit vielen Jahrzehnten Kirschen bei Röllins. Bild: Stefan Kaiser (Zug, 21. Juni 2018)

Eigentlich beginnt die Chriesi-Haupternte rund um den Zugersee mit dem Läuten der Chriesigloggä, in diesem Jahr also am Montag, 25. Juni. Hermann Röllin aber hat einen grossen Teil seiner Ernte schon eingefahren. «Wir hatten noch nie so früh so viele Chriesi», sagt der Landwirt des Hofs Notikon in Baar. Bereits vor drei Wochen bot er seine Chriesi-Ernte am Baarer Samstagsmarkt feil. «Dass es schon Chriesi gibt, bevor die Chriesiglocken läuten, sorgte bei den aufmerksamen Baarern für Verwunderung», sagt Röllin.

Die frühe, ergiebige Ernte – Röllin und seine Helfer haben bereits fünf Tonnen Chriesi gesammelt – ist den guten Witterungsverhältnissen geschuldet. Ein für das Obst idealer Frühling wie dieser ist frei von Dauerregen, die Temperaturen sind weder zu warm noch zu kalt. «Wir haben dieses Jahr besonders schöne Früchte, keine geplatzten Kirschen und keine Pilzkrankheiten», erklärt er. Erst eine Kirsche konnte unter den 230 Bäumen gefunden werden, die von der Essigfliege befallen war. Auf die Frage, was man dagegen machen könne, meint er: «Etwas vom Besten ist Tonerde-Kalk, das hält die Fliegen ab.»

Der Bauer ist an diesem Morgen schon seit 4.30 Uhr auf den Beinen. Im Stall gibt es nicht viel zu tun, denn die Kühe sind auf der Alp, damit er sich voll auf die Kirschenernte konzentrieren kann. Er wandert durch den Obstgarten, vorbei an einem knorrigen Hochstammbaum – «dieser Baum allein trug 400 Kilogramm Kirschen» – auf einen zweiten, mit Efeu bewachsenen Kirschbaum zu, in dem ein Star nistet. Drei Leitern, zwischen 10 und 12 Meter hoch, lehnen an dem Baum, zwei «entfernte Verwandte» helfen Röllin bei der Abernte. Vom Baarer Südhang hat er einen guten Blick auf die Rigi. «Wer die Rigi sieht, darf seinen Kirsch auch Rigi Kirsch nennen, wir bleiben aber der guten Marke Zuger Kirsch treu», erzählt er.

Die Tafelkirschen pflückt Röllin mit Stiel

Den Grossteil seiner Chriesi verarbeitet Röllin zu Schnaps. Ein roter Traktor, dessen mechanischer «Seilschüttler» am Baum nebenan gerade die Arbeit aufnimmt, zeugt davon. Die Kirschen fallen ohne Stiel auf eine Folie unter dem Baum. «Die schwarzen Kirschen eignen sich für Schnaps, da sie aromatischer sind als die roten», sagt er. Die grossen, braunroten Tafelkirschen pflücken Röllin und seine Kollegen unterdessen von Hand und natürlich mit Stiel, um sie am Samstag wieder am Baarer Markt anzubieten.

«So viele Chriesi wie dieses Jahr haben wir am Markt in Baar noch nie verkauft, wahrscheinlich weil in Baar dieses Jahr erstmals eine Chriesigloggä läutet», sagt Röllin, der den Hof von seinem Vater übernommen hat. An dem Südhang habe er aber auch im Frostjahr 2017 15 Tonnen geerntet, ohne Hilfsmittel. «Eine Paraffinkerze gegen die Kälte habe ich noch nie gesehen», sagt er. Wegen des «allgemeinen Gejammers» seien aber letztes Jahr viele Tafelkirschen in der Destillerie gelandet. 2017 betrug die schweizweite Ernteschätzung laut dem Schweizerischen Obstverband 800 Tonnen Kirsch. Effektiv seien aber die Mengen im Laufe der Erntesaison «massiv gestiegen».

Jubiläums-Chriesisturm startet mit Premiere

Die offizielle Zuger Chriesisaison wird am Montag, 25. Juni, um Punkt 12 Uhr von den Chriesigloggä der Pfarrkirche St. Michael eingeläutet. Zeitgleich startet bei der Liebfrauenkapelle der Lauf zum zehnjährigen Jubiläum mit den über acht Meter langen Holzleitern durch die Gassen der Zuger Altstadt. Die fünf Zweierteams werden vor dem Rennen um 11.45 Uhr einzeln vorgestellt. Dazu gibt es Musik und den «Omnibus», einen traditionellen Durstlöscher mit Kirsch und Sirup, den die Bauern früher beim Heuen tranken. Mit Blick auf das Fussball-WM-Spiel Schweiz – Costa Rica von 27. Juni nimmt ein Zweierteam eines TV-Teams aus dem zentralamerikanischen Land am Chriesisturm teil. Dem costa-ricanischen Publikum soll mit dem Video im Vorfeld des Fussballspiels das Schweizer Brauchtum näher vorgestellt werden. Erstmals starten auch fünf Frauen mit Chriesihutten, die am Rücken getragen werden, zum Lauf durch die Altstadt. Die Tragkörbe kamen bereits beim historischen Chriesisturm im 18. Jahrhundert zur Anwendung. Beim Jubiläumssturm mit dabei sind auch je zwei Vertreter des «Crypto Valley», des «SAC Rossberg», der «Schneiderzunft» und der «Bäckerzunft». Den Kindersturm auf gekürztem Parcours bestreiten die Mädchen und Buben der 5. und 6. Primarklasse des Schulhauses Letzi in Zug. Nach dem Chriesisturm-Rennen treffen sich Gäste und Sportler auf dem Landsgemeindeplatz zum gemeinsamen Imbiss. Es gibt Kirschen, gegrillte Chriesiwurst und Chriesijoghurt. Die Rangverkündigung und die Preisübergabe folgen um 13 Uhr. Projekt «1000 Kirschbäume für Zug» auf gutem Weg Der Chriesisturm-Veranstalter, die IG Zuger Chriesi, setzt sich seit zehn Jahren für den Chriesi-Anbau in der Region ein. Im Rahmen des Projektes «1000 Kirschbäume für Zug» konnte die Interessengemeinschaft bereits über 900 Kirschbäume pflanzen. Bis Ende Jahr fehlen noch rund 100 Gotten und Göttis, die Baumpatenschaften übernehmen. Anmeldungen für eine Kirschbaum-Patentschaft werden auf www.zugerchriesi.ch entgegengenommen.

(cts)

Und wird Röllin dem Chriesisturm in Zug auch beiwohnen? «Ich werde draussen auf dem Feld sein», sagt er, «Wir müssen die Ernte reinbringen.» Die Arbeit an der freien Luft gefällt ihm sehr und er zeigt sich überzeugt, dass diese auch anderen Menschen gut tun würde. Eine Familie aus Langnau jedenfalls hat die Kirschbäume auf dem Hof Notikon bereits für sich entdeckt. Sie kommt regelmässig hierher, pflückt, wägt und kauft die Kirschen. «Das Gute ist, dass man während des Pflückens auch mal eine Kirsche verkosten darf», sagt der Sohn. Und Röllin meint zu seiner Arbeit: «Ich brauche keine Ferien, wir haben gute Stimmung und gute Gespräche hier draussen.» Das Einzige, was die Ruhe störe, seien die Flugzeuge und Helikopter, die ab und zu über seinen Kopf hinwegfliegen.

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