«Nebst Angst entsteht Hilflosigkeit»

Nachgefragt

Drucken
Teilen

Seit zehn Jahren ist die Sozialarbeiterin Esther Käch für die Eff-Zett Opferberatung tätig. Von der Zuger Polizei werden Opfer jeweils automatisch auf dieses Angebot der Frauenzentrale Zug aufmerksam gemacht.

Frau Käch, wie reagieren die Opfer auf solch eine Gewalterfahrung im öffentlichen Raum?

Jede Person reagiert auf ein plötzliches, nicht erwartbares Ereignis, wie es eine solche Gewalterfahrung meistens ist, anders. Nebst Angst wird oftmals Hilflosigkeit ausgelöst, weil Betroffene sich weder auf den Vorfall «vorbereiten» noch davor schützen konnten.

Und wie kann solch ein schreckliches Erlebnis bewältigt werden?

In den ersten Wochen sind beispielsweise Reaktionen wie wiederkehrende Bilder des Vorfalls, Schlafstörungen, Angst in der Öffentlichkeit oder Flashbacks in Situationen, welche dem Vorfall ähnlich sind, normal. Nebst Bewältigungsstrategien, die wir in der Beratung mit den betroffenen Personen diskutieren und sie dazu anleiten, ist es manchmal auch sinnvoll, ärztliche Hilfe beizuziehen, um vorübergehend Medikamente zur Beruhigung oder gegen Schlafstörungen zu erhalten. Wenn die Einschränkungen mehrere Wochen anhalten oder die Symptome zunehmen, empfehlen wir eine traumaspezifische Psychotherapie.

Was für eine Rolle spielt die Straffverfolgung des Täters?

Möglicherweise kann es hilfreich sein, wenn gewaltbetroffene Personen erfahren, dass die Polizei gegen den Täter ermittelt und ein Verfahren eingeleitet wurde. Allerdings basiert unser Rechtssystem darauf, dass Täter zwar zur Rechenschaft gezogen werden sollen, dass jedoch der Grundsatz gilt «im Zweifel für den Angeklagten». Strafverfahren sind darum für Opfer einerseits aufgrund der Vorgehensweisen, aber auch aufgrund der monate- und teilweise jahrelangen Dauer sehr belastend.

Geht es zu oft um den Täter und zu wenig ums Opfer?

Die Gesellschaft, deren Meinung zu etwas auch von den Medien mitgeprägt wird, ist schnell bereit, Schuldige für das Verhalten der Täter zu suchen, härtere Strafen zu fordern und verlangt diese dann auch entsprechend bestraft zu sehen. Über die Folgen für gewaltbetroffene Menschen und darüber, was sie brauchen, wird wenig gesprochen. (cg)