Leserbrief

Nehmt euere Aufgaben selber in die Hand

«In Obwalden ist ein Wolf unterwegs – er ist erstaunlich wagemutig», erschienen auf zugerzeitung.ch am 18. Juli

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Ja, wo soll ich bloss beginnen. Ich lese von Verantwortlichkeit, ich lese von Angst und Schrecken, ich lese von alleingelassen werden, von Mehraufwand und Entschädigung, aber auch von Hoffnung in eine bevorstehende Volksabstimmung. Vor allem lese ich von vielen Gefühlen, unangenehmen Gefühlen. Ich verstehe, dass Angst entsteht beim Auftauchen einer Gefahr für die Lebensgrund­lage. Ich verstehe, dass Wut entsteht beim Auftauchen einer Gefahr, die ich als erledigt geglaubt habe. Irritiert bin ich allerdings über die Herangehensweise an diese Bedrohung. Mann muss mir helfen – der Staat, Gesetze, Abschuss, das Übel muss jemand beseitigen.

Ich weiss, dass unsere landwirtschaftlichen Betriebsleiter, ständig mit unglaublich vielen Bedrohungen ihrer Lebensgrundlage konfrontiert sind und oft mit grossen physischen und psychischen Herausforderungen gerungen wird. Trotzdem, finde ich den Ruf nach «Staat» beim auftauchen von bislang verdrängten Aufgaben problematisch. Will unsere Bauernschaft sich unendlich abhängig machen von aussen. Von Staat, Banken, Traditionen, Chemie? Wo ist da der Wille zu Eigenständigkeit, Freiheit, der Wille meine Angelegenheiten in meinem Umfeld zu lösen, anstatt weiterzugeben und zu hoffen, dass mich jemand rettet. In meiner Hoffnung auf «Rettung» verliere ich den Stolz, mein Selbstbewusstsein und schlussendlich meine Freude am Beruf, am Leben.

In Situationen, wo sinnbildlich der Wolf auftaucht, können wir die Herausforderung annehmen und die für mich und meine Familie optimalen Änderungen vom Bisherigen durchdenken und anschliessend handeln. Ich erreiche eine kreative, im besten Fall nachhaltige Lösung für mich und meine Liebsten. Andere Möglichkeiten sind «weitergeben an andere», «hoffen auf Erlösung», «schmollen über Ungerechtigkeit» und bestimmt noch andere. Ich will sagen, helft euch selber, nehmt eure Auf­gaben in die eigene Hand. Sagt ja zum Wolf!

Marcel Schneider, Cham