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Neu in Zug: Abdullah Bilen wandelt zwischen den Kulturen

Der 32-jährige Kurde hat in seinem Leben viel Unheil miterlebt. Vor zwei Jahren verliess er den Nordirak und fühlt sich nun in Zug wohl.

Raphael Biermayr
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Die Schweiz habe ihm als einziges Land eine Aufenthaltsbewilligung gegeben, sagt Abdullah Bilen.

Die Schweiz habe ihm als einziges Land eine Aufenthaltsbewilligung gegeben, sagt Abdullah Bilen.

Bild: Matthias Jurt (Zug, 22. Januar 2020)

Abdullah Bilen lächelt, als sich das Gespräch um Schnee dreht. Der 32-Jährige ist sich gewohnt, dass das Gegenüber nicht darauf schliesst, dass er Schnee kennt, wenn er erzählt, wo er aufgewachsen ist. In Sirnak, einer Stadt im Südosten der Türkei. Diese ist einem breiteren Publikum weniger bekannt als zwei Städte, die nicht sehr weit entfernt liegen: Mossul und Erbil. Diese Namen fielen in jüngerer Zeit im Zusammenhang mit Begriffen wie «Islamischer Staat».

Auch Bilens Heimatstadt Sirnak blieb von Konflikten nicht verschont. Im August 1992 bombardierte das türkische Militär die angebliche PKK-Hochburg, der «Spiegel» schrieb von «ethnischen Säuberungen». Der 6-jährige Abdullah sei 1993 mit seiner Familie über die Grenze in den Nordirak geflüchtet und in einem Lager aufgenommen worden. Über ein amtliches Dokument habe er nie verfügt, Abdullah Bilen ist also Staatenloser. Wenn er von seiner Heimat erzählt, ist schnell klar, dass die Situation schwer durchschaubar und alles irgendwie politisch ist – sogar sein Vorname. «In der Türkei waren damals wie heute kurdische Namen verboten. Meine Eltern wollten mir aber keinen türkischen geben, so wählten sie einen arabischen», erklärt der Wandler zwischen den Kulturen.

Bilen studierte an der Salahaddin University in Erbil Englisch und setzte sich für die Gründung einer Studentenzeitung ein, was ihm später Türen geöffnet habe. Als Journalist und später als Mitarbeiter in einer Werbeagentur in Erbil sei er in Kontakt mit Vertretern internationaler Medien gekommen.

Er sehe die Dinge von einer anderen Seite

Diese Gespräche hätten in ihm einen «mind change», also eine Änderung seiner Sichtweise bewirkt. Bilen sagt offen, er hätte zuvor die Dinge nur von einer Seite betrachtet. Und er hätte «einen Hass auf Türken» entwickelt gehabt, nachdem diese seine Geburtsstadt zerstört und dabei auch seinen Hund getötet hätten. «Heute habe ich dieses Gefühl nicht mehr in mir», sagt Bilen auf Deutsch. Er besucht seit eineinhalb Jahren einen Deutschkurs und beherrscht die Sprache ansprechend.

Auf welchem Weg er vor zwei Jahren den gefährlichen Nordirak verliess und in die Schweiz kam, dazu will Abdullah Bilen nichts sagen. Die Schweiz als Zielland sei der Tatsache geschuldet gewesen, dass «dieses Land mir als einziges eine Aufenthaltsbewilligung gab». Er kannte das Land vom Hörensagen. «Die Schweiz ist bei uns bekannt als guter Ort, wo Frieden herrscht und wo Friedensverhandlungen stattfinden. Das gefällt mir», sagt Bilen. Er lebt in einer kleinen Wohnung in Zug und tausche sich rege mit anderen Zuzügern aus. Nicht zuletzt dank der beliebten Kennenlerngruppe der Hünenbergerin Sandra Herzog (siehe Fussnote).

Bei den raren Gesprächen mit Europäern bedauert Bilen, dass sie sich sehr schnell um Politisches drehen würden, sobald er erwähnt, dass er Kurde ist. Und dass sehr wenig Wissen über die Region, aus der er stammt, vorhanden sei. Er erklärt:

«Der Irak ist kein einheitlicher Staat wie die Schweiz. Die kurdischen Gebiete im Norden um Erbil sind autonom. Dort ist die Wirtschaft viel besser entwickelt als im Süden. Heutzutage investieren viele internationale Firmen in Erbil.»

Bilen zeigt auch liebend gern die Vielfältigkeit der kurdischen Sprache auf. Tatsächlich gibt es drei Hauptgruppen und mehrere Dialekte. Abdullah Bilen beherrsche davon Kurmandschi (Nordkurdisch) und Sorani (Zentralkurdisch). Und schliesslich ist es ihm – trotz der vielen schlechten Nachrichten – auch wichtig zu vermitteln, wie viel Schönheit seine Heimat in der Osttürkei eigentlich zu bieten habe. Wie zum Beispiel die Stadt Sirnak, in der im Winter Schnee fällt.

In der Serie «Neu in Zug» porträtiert die «Zuger Zeitung» Expats und Neuzuzüger. Die Kontakte hat uns Sandra Herzog, Gründerin der Meet-up-Gruppe «Meeting new friends in Zug» vermittelt. Der heute erscheinende Beitrag wurde vor der Coronakrise verfasst.