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Neu in Zug: Vom Baltikum nach Cham – und wieder zurück

Gediminas Paulauskas und seine Familie haben im Kanton Zug neu angefangen. Dann kam Corona und stellte alles auf den Kopf. Jetzt pendelt er manchmal – mit 19 Stunden pro Weg.

Rahel Hug
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Gediminas Paulauskas (links) mit seiner Frau und den beiden Söhnen am Baltischen Meer in Litauen.

Gediminas Paulauskas (links) mit seiner Frau und den beiden Söhnen am Baltischen Meer in Litauen.

Bild: PD

Auf die Frage, wo denn seine Heimat sei, sagt Gediminas Paulauskas auf Englisch: «Ich fühle mich in Litauen und in der Schweiz zu Hause. Meine Familie ist es sich gewohnt, viel unterwegs zu sein. Wir sind anpassungsfähig.» Paulauskas stammt aus Kaunas, der zweitgrössten Stadt Litauens. Er ist mit seiner Frau und den zwei Söhnen – die Namen der Familienmitglieder will er nicht in der Zeitung stehen sehen – 2018 nach Zug gekommen. Er arbeitet für die international tätige Firma Polymers Trading, die mit Kunststoffen und Verpackungsmaterial handelt. Er sei ein «Workaholic», sagt Paulauskas. «Ich liebe meinen Job.»

Weil das Unternehmen, für das er bereits zuvor in Litauen gearbeitet hatte, eine Niederlassung in der Schweiz gegründet hat, zog es die Familie Paulauskas hierher. Genauer nach Cham. Wenn der 46-Jährige über seine Wahlheimat spricht, gerät er ins Schwärmen. «Zug ist ein aussergewöhnlicher Kanton. Es ist ein sehr attraktiver Ort für international tätige Geschäftsleute. Hier findet man sich gut zurecht, fast alle sprechen Englisch, die Leute sind sehr freundlich und offen.» In Zug fühle er sich sehr wohl, auch weil der Kanton «like a village», wie ein Dorf, sei. «Alles ist nah, der See, die Berge, und es gibt kein Gedränge auf öffentlichen Plätzen und am Bahnhof, wie beispielsweise in Zürich.»

Er mag das «Grüezi» auf der Strasse

Beeindruckt ist der Balte auch von der Sauberkeit, der Sicherheit und dem ökologischen Bewusstsein. «Die Schweizer trennen ihren Abfall feinsäuberlich und haben sogar Freude daran. Das ist für mich sehr vorbildlich.» Zudem seien die Schweizer «relaxed», also entspannt, und hilfsbereit. Paulauskas mag es, dass man sich «Grüezi» sagt auf der Strasse. Sowieso sind er und seine Frau gerne draussen. «Wir mögen keine Fitnesscenter. Viel lieber gehen wir wandern oder Skifahren.»

Im Vergleich zu seinem Heimatland herrsche in der Schweiz bereits seit langer Zeit politische Stabilität. Litauen, das erst seit 1990 wieder ein unabhängiger Staat ist, habe sich stets seinen Platz erkämpfen müssen. «Litauen ist erst eine junge Demokratie, das merkt man.» Doch er habe eine gute Ausbildung an der Universität Vilnius genossen und sei überzeugt, dass das Land auf dem richtigen Weg sei.

Hohe Qualität der öffentlichen Schulen

Die zwei Söhne, sie sind 13 und 15 Jahre alt, schickten Gediminas Paulauskas und seine Frau in die öffentliche Schule, zuerst in Hünenberg, dann in Cham. «Sie haben schnell Deutsch gelernt, die Integration fiel ihnen leicht», erzählt er. Die Qualität der öffentlichen Schulen in der Schweiz sei sehr hoch, weshalb eine Privatschule für die Kinder kein Thema gewesen sei.

Gibt es auch etwas, das ihm an der Schweiz nicht gefällt? Paulauskas überlegt einen Moment. «Es war wirklich schwierig und recht kompliziert, eine Wohnung zu finden. Und das Leben in der Schweiz ist teuer. Dafür sind auch die Löhne höher.» Zusammenfassend, so findet Paulauskas, sei die Schweiz für ihn «ein Traumland».

Der Start in Zug war für die Familie aus Litauen rundum geglückt – dann kam das Coronavirus und stellte alles auf den Kopf. Weil die Fallzahlen in der Schweiz höher sind als in Litauen, beschloss die Familie im Frühling, vorerst wieder nach Vilnius, die litauische Hauptstadt, zu ziehen. «Das war keine einfache Entscheidung», berichtet Paulauskas. «Die Kinder haben sich in der Schule sehr wohl gefühlt.» Doch die Gesundheit stehe an oberster Stelle, in Litauen fühlten sie sich aktuell sicherer.

19-stündige Autofahrt

Für seine Arbeit muss Gediminas Paulauskas trotz der Pandemie alle zwei bis drei Wochen in die Schweiz reisen. Von seiner Wohnung in Cham aus arbeitet er dann jeweils eine bis zwei Wochen für sein Unternehmen, dies ohne Leute zu treffen. Weil er nicht fliegen will, nimmt er das Auto für die Reise: Von Vilnius bis nach Zug fährt man rund 19 Stunden. Es sei eine belastende Situation, doch er habe sich damit arrangiert. «Ich war auch früher schon viel unterwegs.»

Wie geht es jetzt weiter? Für den Litauer steht fest: Er und seine Familie möchten längerfristig wieder zurück in die Schweiz kommen. Seine Söhne würden gerne hier studieren und eine gute Ausbildung erachtet er als sehr wichtig für seinen Nachwuchs. «Doch zuerst einmal muss sich die Coronasituation beruhigen.» Sie würden nun wohl mindestens noch ein Jahr in Litauen bleiben. Es geht der Familie so wie derzeit vielen: Etwas zu planen, ist schwierig. Doch Gediminas Paulauskas, der schon unzählige Länder bereist hat, nimmt auch das gelassen. Er fühlt sich an vielen Orten wohl.

In der Serie «Neu in Zug» porträtiert die «Zuger Zeitung» Expats und Neuzuzüger. Die Kontakte hat uns Sandra Herzog, Gründerin der Meet-up-Gruppe «Meeting new friends in Zug» vermittelt.