NEUHEIM: Ein verschwundener Baum sorgt für Unmut im Dorf

Die 60-jährige Kastanie am Dorfplatz stand unter Schutz. Trotzdem hat sie der Besitzer gefällt – nun reagiert die Gemeinde.

Stephanie Hess
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Nur noch ein flacher Baumstrunk zeugt von der alten Kastanie, die bis vor kurzem am Dorfplatz in Neuheim stand. (Bild: Stefan Kaiser)

Nur noch ein flacher Baumstrunk zeugt von der alten Kastanie, die bis vor kurzem am Dorfplatz in Neuheim stand. (Bild: Stefan Kaiser)

Wo seit den Fünfzigerjahren eine stolze Kastanie ihre Äste in die Höhe reckte, steht seit wenigen Tagen nur noch ein mickriger Baumstrunk. Der Besitzer hat den Baum neben dem ehemaligen Restaurant Ochsen vor kurzem fällen lassen. Eine Aktion, die manchen Neuheimer verärgert, wie eine kleine Umfrage gestern Nachmittag im Dorf zeigt. «Schade», findet es eine 35-jährige Neuheimerin, dass der Baum weg ist.

Eine andere Frau fügt an: «Der Baum hat zum Dorfbild gehört. Die Kinder haben im Herbst immer seine Kastanien gesammelt.» Eine Anwohnerin erzählt: «Wir sind in die Ferien gefahren. Und als wir zurückkamen, war der Baum einfach fort. Das ist doch traurig. Der Platz sieht jetzt so nackt aus.» Kurz nach dem Fall des Baumes hat dort jemand ausserdem ein paar Kerzchen deponiert – im Gedenken an das aparte Gehölz.

Unter Ortsbildschutz

Nicht nur die Anwohner waren überrascht vom plötzlichen Verschwinden der Kastanie. Auch der Gemeinderat wurde von der Aktion direkt neben dem Verwaltungsgebäude überrumpelt, wie Bauchef Richard Schubnell sagt: «Die Mitarbeiter haben plötzlich Motorsägen aufheulen hören.» Dann habe man den Stamm der Rosskastanie fallen sehen.

Grundsätzlich darf ja jeder Besitzer mit seinem Baum auf privatem Grund mehr oder minder machen, was er möchte. Für die 60-jährige Kastanie am Neuheimer Dorfplatz gilt dies allerdings nicht: Der ganze Dorfplatz unterliegt nämlich seit Jahren dem Ortsbildschutz. «Darunter fallen nicht nur die Bauten, sondern auch die Gestaltung der Freiräume», erklärt Richard Schubnell. Also im Fall von Neuheim auch die Kastanie, die gemäss der Gemeinde zum Gesamtbild des Dorfplatzes gehört.

War der Baum krank?

Dass sein Baum unter Schutz steht, sei dem Besitzer der Kastanie vor Jahren auch brieflich mitgeteilt worden, sagt Schubnell. Der Eigentümer war gestern für eine Stellungnahme zur Kastanien-Sache nicht zu erreichen. Laut dem Gemeinderat habe er argumentiert, der Baum sei krank gewesen. «Er sagte, dass er Befürchtungen hege, dass der Baum bei einem Sturm umkippen könnte oder Äste herunterfallen würden», sagt Schubnell. Die Gemeinde hat sich mit dieser Begründung nicht zufrieden gegeben und darum vor kurzem bei einem Baumspezialisten ein Gutachten zur Gesundheit des Baumes bestellt. Dieses besagt laut Richard Schubnell: «Die Kastanie war gesund.» Es habe gemäss der Expertise keine Notwendigkeit bestanden, sie zu fällen.

Nun muss ein Ersatz her

Am Montagnachmittag nun hat der Gemeinderat an einer Sitzung beschlossen, dass der Besitzer einen Ersatz für den alten Baum stellen muss. Aufgrund eines personellen Engpasses konnte dieser allerdings noch nicht über den Gemeinderatsbeschluss informiert werden.

Geht es nach der Gemeinde, muss für die alte Kastanie ein ebenbürtiger Ersatz her. Also nicht nur ein kleines, spriessendes Bäumchen, sondern ein staatliches Gewächs – damit der Dorfplatz wieder dasselbe Antlitz erhält, wie er es seit Jahrzehnten hatte.