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NOTFALLZENTRUM: Die Meister der Triage

Patienten innert weniger Minuten richtig einschätzen, um möglicherweise Leben zu retten. Eine Nacht auf dem Notfall des Kantonsspitals Zug zeigt: Die Ärzte müssen vor allem auch gut sein im Prioritäten setzen.
Livio Brandenberg
Adrian Walder, Leiter des Notfallzentrums des Zuger Kantonsspitals, im Schockraum. (Bild: Werner Schelbert (ZZ))

Adrian Walder, Leiter des Notfallzentrums des Zuger Kantonsspitals, im Schockraum. (Bild: Werner Schelbert (ZZ))

Livio Brandenberg

livio.brandenberg@zugerzeitung.ch

Während Regina Degen die Laken wechselt und die Bettoberfläche desinfiziert, sagt sie: «Der Rettungsdienst hat gerade angerufen, sie sind in zehn Minuten da. Ein junger Mann, mit dem Bike gestürzt, er war 30 Sekunden bewusstlos, hat Schürfungen am ganzen Körper, auch im Gesicht, ist aber stabil und ansprechbar.» Adrian Walder hält mitten in einem Satz inne, hört zu, dreht sich zurück zum Reporter und sagt knapp: «Okay, dann können Sie vielleicht gleich mitkommen und zuschauen.» Zur Notfallpflegenden: «Welche Koje?» – «Die Eins.»

Es ist 21.10 Uhr. Wir sind im Wundversorgungsraum des Notfallzentrums des Zuger Kantonsspitals. Adrian Walder ist hier der Leitende Arzt, der «Tätsch­meister», wie er selber sagt. Was er darunter versteht, wird ein wiederkehrendes Thema der ganzen Nacht werden. «Auf dem Notfall müssen wir permanent triagieren, also priorisieren. Darin müssen wir gut sein, sonst machen wir etwas falsch», sagt Walder. Er, der «Tätsch­meister», als Koordinator, der niemals den Überblick verlieren darf. Dazu gehört eben, Verletzte rasch akkurat einzuschätzen und, wenn mehrere Patienten ankommen, zu priorisieren. «Wenn zum Beispiel ein Patient zu uns kommt nach einem schweren Sturz oder jemand, der bei einem Autounfall aus dem Auto geschleudert wurde, dann ist es für mich vorerst völlig sekundär, ob er einen oder drei Finger gebrochen hat, daran wird er sicher nicht sterben», sagt Walder bestimmt. «Ich muss zuerst wissen, ob die Person innerlich blutet, ob Organe verletzt sind oder ein Schädel-Hirn-Trauma vorliegt. Ob der Patient also Blutungen im oder um das Gehirn hat.» Erbreche der oder die Verletzte beim Transport etwa, sei das ein Warnsignal, erklärt der 42-Jährige.

«Wissen Sie, warum Sie hier sind?»

Der Biker hat nicht erbrochen. Fünf Minuten nach dem Anruf wird der Verletzte auf einer Bahre in die erste von zehn Kojen geschoben. Er trägt eine Halsstütze, sein Gesicht ist blutüberströmt. Was die Ärzte wissen: Der Mann trug einen Helm, der zu Bruch ging. Die Ärzte, das sind Leiter Walder und während der Nacht zwei Assistenzärzte respektive -ärztinnen. Ein Assistent deckt den Bereich Chirurgie ab, der andere die Innere Medizin. Ein Leitender Arzt und ein Oberarzt sind auf Pikett, sie müssen innerhalb von 20 Minuten im Haus sein. Unterstützt werden die Mediziner von zwei Expertinnen beziehungsweise Experten Notfallpflege. In kritischen Situationen kommt zusätzlich ein Anästhesie-Team zu Hilfe, das permanent im Haus ist.

Kaum in der Koje, tritt der chirurgische Assistenzarzt Christoph Rothenbühler, ein junger Mann mit kurzen Haaren, gepflegtem Dreitagebart und aufgewecktem Blick, an den Gestürzten heran, stellt sich kurz vor und sagt: «Ich frage das nicht, um Sie blosszustellen, sondern, weil es notwendig ist: Können Sie mir sagen, welcher Tag heute ist?» Der Patient antwortet korrekt. Er wirkt zwar ein wenig geschockt, aber erstaunlich locker und nicht verwirrt. «Wissen Sie, warum Sie hier sind?», fragt Rothenbühler weiter. Ohne Zögern schildert der Biker seinen Sturz, gibt dabei zu, ein kurzes Blackout gehabt zu haben. Zum Schluss wird er noch gefragt, wo er Schmerzen habe. «Am meisten schmerzen die Hände.» Sie sind stark aufgeschürft. Währenddessen untersucht Walder den Mann auf sichtbare Verletzungen. Auch er spricht ständig mit ihm, erklärt, was er macht. Der Chef und sein Assistent schauen kurz in den Mund des Verletzten, danach hören sie seine Lungen ab. Gleichzeitig installiert die Pflegefachfrau – auch sie ausgebildete Expertin Notfallpflege – die Infusion, entnimmt Blut und zieht dem Biker Schuhe und Socken aus. Jeder Handgriff sitzt, keine überflüssigen Schritte, keine unnötigen Bemerkungen. Kommuniziert wird aber ununterbrochen.

Drohen, spucken, treten

Als Adrian Walder das Ultraschallgerät zur Hand nimmt, um damit den Oberkörper des Bikers zu «durchleuchten», sind fünf Minuten vergangen. Die kurze Ultraschalluntersuchung dauert weitere drei Minuten. Dann wird der Patient in die Computertomografie (CT) gebracht, wo Schichtbilder des Kopfes und der Wirbelsäule gemacht werden. Dann kann er zurück in die Koje, wo die inzwischen eingetroffenen Angehörigen warten. Assistenzarzt Rothenbühler eilt auf die «normale» Station im zweiten Stock, dort liegt ein Patient, der an diesem Tag auf dem Notfall war und verlegt wurde. Walder übernimmt die erste Analyse der CT-Bilder, ein Radiologe wertet die Untersuchung aus und kommuniziert das Ergebnis elektronisch an den Notfallarzt. Alles scheint normal. Der Biker hatte Glück im Unglück. Nun kümmert sich die Notfallpflegende um die Schürfungen.

Das Schwierige, aber für ihn auch das Faszinierende am Notfall sei die Unberechenbarkeit, sagt Leiter Walder. «Es kann fast nichts los sein, und es können innerhalb einer Viertelstunde vier Verletzte bei uns ankommen.» Viele Leute verstünden nicht, dass er und sein Team dann eben innert Sekunden triagieren und einige Patienten in der Folge warten müssten. «Wir machen hier keine Kaffeekränzchen im Pausenraum. Wenn jemand mit einem Schnitt im Finger kommt, dann ist das für die betroffene Person ein Notfall und sicher nicht angenehm. Aber für uns ist zu dem Zeitpunkt beispielsweise ein Herzinfarkt, auch wenn dieser Patient später ankommt, wichtiger», sagt Walder. Es gebe auch Personen, die ausfällig werden. «Die drohen, spucken oder treten dann.» Meist seien dies Betrunkene oder Leute auf Drogen. Aber auch Demente.

In dieser Nacht passiert allerdings nichts dergleichen, es ist einigermassen ruhig. Ein System auf grossen Bildschirmen zeigt an, welche Kojen besetzt sind: Es sind konstant vier bis neun. Entsprechend unaufgeregt ist die Stimmung auf den Gängen im Parterre. Sollten die Kojen einmal nicht ausreichen, verfügt das Zentrum noch über vier Gangplätze mit Stühlen, einen Wundversorgungsraum, einen Gipsraum und den Schockraum. Letzterer liegt gleich beim Eingang und ist mit der Einfahrtshalle für den Rettungswagen verbunden. Hier werden die Schwerverletzten und die kritisch kranken Patienten behandelt.

23000 Patienten pro Jahr

Der Raum sieht aus wie in einer Arztserie im Fernsehen: in der Mitte ein Bett, daneben zahlreiche Geräte, eine grosse Lampe, Kabel und Schläuche. Was man in keiner Serie sieht: Beim Eingang hängt eine leuchtend gelbe Weste, die den Teamleader kennzeichnet, der bei einer Schockraum-Situation die Abläufe koordiniert. Meistens ist dies Walder selbst, am Bett stehen dann neben ihm mehrere Ärzte und Pflegende. Es sei entscheidend, dass jemand den Überblick habe, betont Walder. Werde ein Schockraum-Patient angeliefert, fasse diesen niemand an, solange der Rettungsdienst die Übergabe nicht abgeschlossen habe. Dabei wird kurz der Patient vorgestellt, dessen Zustand und Krankheit oder der Unfallhergang zusammengefasst. Erst dann widmen sich alle direkt dem Patienten. «Es gibt eine Ausnahme: wenn reanimiert werden muss», sagt Walder.

Im letzten Jahr haben er und seine Crew rund 300 Schockraum-Patienten behandelt. Insgesamt im Notfallzentrum waren es 23 000. Helfen, damit nichts übersehen werde, würden diverse Checklisten – eine davon hängt als Poster im Schockraum. «Mit Checklisten zu arbeiten, heisst nicht, dass immer alles nach Schema F laufen muss», sagt der Chef. «Aber die Listen geben in stressigen Situationen Halt und helfen uns, uns immer wieder bewusst zu machen, dass es Prioritäten gibt.»

Es ist inzwischen kurz vor 23 Uhr. Die Assistenzärztin der Inneren Medizin, Lisa Schumacher, muss bei einem Patienten Schmerzen in der Wade abklären. Sie hat den Verdacht, es könnte sich um eine Thrombose handeln. Auch sie stellt zahlreiche Fragen, hakt im Kopf eine Art Checkliste ab. Schumacher misst die Beine aus, dann bleibt ihr nur, auf die Resultate des Labors zu warten. Diese liegen eine Stunde später vor. Ein erhöhter Wert im Blut zeigt der Ärztin an: Eine Thrombose kann nicht ausgeschlossen werden. Schumacher erläutert dem Mann das weitere Prozedere: Er wird mit Blutverdünnungstabletten entlassen und am nächsten Tag für eine Ultraschalluntersuchung aufgeboten.

Ab 1.30 Uhr läuft dann nicht mehr viel. Eine Koje ist noch belegt, doch kurz nach 2 Uhr zeigen die Bildschirme auch diese als leer an. In dieser Nacht haben die Notfallärzte und -pfleger 23 Patienten behandelt. Adrian Walder verabschiedet sich. Die Assistenzärzte ziehen sich ins Büro zurück und schreiben die Berichte oder bereiten sich eine Fertignudelsuppe zu. Jetzt ist es ruhig. «Das muss aber nichts heissen», sagt Lisa Schuhmacher und lacht verschmitzt.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Zug bei Nacht» begleiten wir während der Sommerferien Menschen, die nachts arbeiten oder unterwegs sind.

Jonas Gärtner von der Notfallpflege vor dem Medikamentenschrank. (Bild: Werner Schelbert (ZZ))

Jonas Gärtner von der Notfallpflege vor dem Medikamentenschrank. (Bild: Werner Schelbert (ZZ))

Eingang des Notfallzentrums (links) und Einfahrtshalle. (Bild: Werner Schelbert (ZZ))

Eingang des Notfallzentrums (links) und Einfahrtshalle. (Bild: Werner Schelbert (ZZ))

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