Nur eine Schwingerin tritt offiziell in der Arena auf

Das Verhältnis von Schwingerinnen und Schwingern ist kompliziert.

Fabian Gubser
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Sonia Kälin (unten) trat in Hergiswil 2017 unter anderem gegen Yolanda Geissbühler an.Bild: (Hergiswil, 22. April 2017)

Sonia Kälin (unten) trat in Hergiswil 2017 unter anderem gegen Yolanda Geissbühler an.Bild: (Hergiswil, 22. April 2017)

Rund um das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (Esaf) ist nur von Schwingern die Rede. Verständlich. Aber messen sich auch Frauen im Sägemehl? Ja, aber nicht am Esaf. Vor der Gründung des Eidgenössischen Frauenschwingverbands 1992 trainierten die Frauen noch heimlich mit ihren Brüdern. Heute zählt der Verband zirka 150 aktive Schwingerinnen.

Bis 2010 war er jeweils auch beim «Eidgenössischen» der Männer mit einem Werbestand vertreten. Es sei jedoch schwierig gewesen, den Stand durchgehend zu besetzen, da die meisten Schwingerinnen dem Treiben in der Arena zuschauen wollten, erzählt Raymond Stalder. Er ist Archivar des Frauenschwingverbands. Dazu habe der Stand viel gekostet, weswegen der Verband seither darauf verzichtet habe.

Muni-Gotte Kälin sieht sich nicht als Quotenfrau

Die einzige Schwingerin, die am Esaf in Zug offiziell auftritt, ist Sonia Kälin. Die vierfache Schwingerkönigin wurde eingeladen, um als Muni-Gotte, als Patin der Siegertrophäe, einzulaufen. «Ich sehe mich absolut nicht als Quotenfrau, denn ich wurde angefragt, weil ich stark mit dem Schwingsport verbunden bin», sagt sie auf Anfrage. Das Amt sei eine grosse Ehre für sie. Anfang Jahr gab Kälin verletzungsbedingt ihren Rücktritt aus dem Sport bekannt. Stalder sagt zur tiefen Frauenquote: «Wir hätten es schön gefunden, wenn das Esaf-OK zusätzlich eine amtierende Königin eingeladen hätte.» Dies sei schon vorgekommen.

Esaf-OK-Chef Heinz Tännler begründet die Wahl folgendermassen: «Der Entscheid für Kälin liegt schon etwa drei Jahre zurück und hat auch damit zu tun, dass sie als Schwyzerin einen Bezug zur Innerschweiz hat.» Wollte man darüber hinaus nicht mit anderen Schwingerinnen zusammenarbeiten? «Nein, das war so nicht vorgesehen», sagt Tännler.

«Pflichtenheft sieht Frauenschwingen nicht vor»

Und dass Frauen auf dem Platz schwingen? «Wir haben als Organisatoren das Pflichtenheft für das Esaf unterschrieben, das vom eidgenössischen Schwingerverband kommt.» Dort sei das Frauenschwingen nicht erwähnt. Tännler gibt den Ball damit weiter an den Eidgenössischen Schwingverein (ESV). Rolf Gasser, Leiter Geschäftsstelle des ESV, sagt: «Es ist im Moment keine Diskussion und wird nie eine Diskussion sein.» Es gebe auch keine anderen Sportarten, bei denen Frauen und Männer auf hohem Niveau gegeneinander antreten würden. Zudem finden Wettbewerbe wie die Fussball- oder die Eishockey-Weltmeisterschaft der Männer und Frauen auch nicht gleichzeitig auf demselben Sportplatz statt.

Angesprochen auf die Idee von Stalder, dass man zwischen den Kämpfen eine Art Showeinlage als Werbung für die Schwingerinnen machen könnte, lässt er den Fragenden kaum ausreden: «Kategorisch nein.» Gasser verweist darauf, dass man 2010 dem Frauenverband angeboten hätte, ihn als Teilverband zu integrieren. Doch das Angebot sei vom Frauenschwingverband abgelehnt worden.

Stalder sagt zum Angebot: «Wir wollten uns nicht den Reglementen des ESV unterordnen, sondern das Familiäre beibehalten.» Zudem sei der ESV erschrocken, wie klein der Frauenverband gewesen sei, und habe gemeint, dass sich eine Aufnahme nicht lohnen würde. Der Männerverband ist mit 50000 Mitgliedern massiv grösser. Trotzdem arbeiten die beiden ungleichen Verbände zusammen. Sonia Kälin erzählt: «Ich selbst hatte immer eine gute Zusammenarbeit mit dem ESV, durfte ja auch während mehrerer Jahren beim Schwingclub Einsiedeln mittrainieren».

Weiter können beim Sportförderungsprogramm «Jugend + Sport» beide Geschlechter die Ausbildung zum Trainer oder zum Kampfrichter absolvieren. Bisher habe der ESV aber die Kampfrichterinnen nur für Buben und nicht für Männer zugelassen, erzählt Stalder.

Gemeinsame Schwingfeste sind selten. Das erste dieser Art fand 2008 statt. Prompt erhielt der organisierende Schwingklub einen Verweis des ESV, da laut dessen Statuten eine Beteiligung an einem Fest ausserhalb des Verbandes unzulässig ist. 2010 wurden die Statuten angepasst, damit dies nun möglich ist. Neu wurde auch erlaubt, als Funktionär bei solch einem Anlass anzupacken, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das sei vorher nicht möglich gewesen, sagt Stalder. Deswegen habe man nicht einmal die Infrastruktur der Männer mitbenutzen können. Heute dürfen die Frauen jeweils am Tag vorher oder nachher darauf schwingen.