OBERÄGERI: Die Bestatterin vom Ägerital

Sie ist die einzige Frau, die im Kanton Zug ein Bestattungsunternehmen führt – der Job fordert sie immer wieder auch psychisch.

Luc Müller
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Leitet seit dem 1. Januar das Bestattungsinstitut Rogenmoser in Oberägeri: Andrea Rogenmoser. (Bild Stefan Kaiser)

Leitet seit dem 1. Januar das Bestattungsinstitut Rogenmoser in Oberägeri: Andrea Rogenmoser. (Bild Stefan Kaiser)

Sie trägt vor allem Schwarz. «Das ist meine Berufskleidung», erklärt Andrea Rogenmoser, während sie einen Holzsarg zur Seite trägt. Die 35-Jährige weiss anzupacken. Ab dem 1. Januar hat sie die Firma ihres Vaters übernommen – er hatte den Betrieb Rogenmoser Bestattungsinstitut seit 1979 geleitet. Als 16-Jährige habe sie erstmals eine Tote gesehen, berichtet Andrea Rogenmoser. «Im Altersheim haben wir eine alte Frau eingesargt. Als ich den Leichnam anfassen musste, hatte ich Berührungsängste.» Aber schon schnell gewöhnte sich die Jungunternehmerin – sie ist die einzige Frau im Kanton Zug, die ein Bestattungsinstitut leitet – an den unmittelbaren Umgang mit dem Tod. Andrea Rogenmoser hat einen festen Mitarbeiter, ansonsten arbeitet sie mit bis zu sieben freien Mitarbeitern zusammen. Sie ist die ganze Woche 24 Stunden auf Pikett. «Ich weiss nie, was kommt. Ich muss zu unterschiedlichsten Orten ausrücken: ans Wasser, abends in den Wald oder bei Regen auf die Autobahn.»

Suizide und Unfälle

«Es gibt immer wieder Momente und Bilder, die sich in mein Gedächtnis einbrennen.» Denn sie wird in ihrem Job immer wieder mit Situationen konfrontiert, die Nerven brauchen. «Suizide und schlimme Unfälle sind nie einfach zu verarbeiten», erklärt sie. Oder der Tod eines Kindes: «Nach einem Verkehrsunfall, bei dem ein Kind verstarb, flossen bei mir die Tränen.»

Manchmal wird sie bei ihren Einsätzen zur Trösterin und nimmt die Trauernden auch in den Arm, wenn sie das wünschen. «Ansonsten ist es sehr wichtig, immer pietätvoll zu sein und die Ruhe zu bewahren. Ich muss immer wieder an der Balance arbeiten, um Abstand zum Job zu finden», erzählt sie. In ihrem Bekanntenkreis sei ihr Job nichts Besonderes mehr. Auch ihr Freund habe inzwischen keine Mühe mit ihrer Arbeit. Im Ägerital, in Neuheim, Menzingen und Baar arbeitet das Bestattungsunternehmen mit der Zuger Polizei zusammen. Rogenmoser rückt mit ihrem Leichenwagen zu Unfällen aus oder dann, wenn die Todesursache nicht auf den ersten Blick erkennbar ist und weitere Abklärungen nötig sind.

Dank von den Hinterbliebenen

Die meisten Verstorbenen im Kanton Zug werden kremiert – Andrea Rogenmoser fährt dann ins Krematorium nach Seewen. Was gefällt ihr an ihrem Job eigentlich besonders gut? «Bei natürlichen Todesfällen im Altersheim sind wir auf Kundenwunsch auch dafür verantwortlich, die älteren Leute schön herzurichten, wenn sie eingesargt werden. Auch in der schweren Stunde der Trauer freuen sich die Hinterbliebenen, wenn wir die Arbeit gut gemacht haben», so Rogenmoser.

Die populäre Schweizer Fernsehserie «Der Bestatter», die kürzlich jeweils um 20 Uhr lief, hat sie übrigens nie selbst gesehen. «Denn um diese Zeit war ich beruflich immer unterwegs», sagt sie mit einem Lächeln.