OBERÄGERI: Dieser Narr steht doppelt im Mittelpunkt

Die Legoren­gesellschaft ist Ehrengast im süddeutschen Stockach weil ein 700 Jahre alter Spassmacher die Fasnachtsbräuche eng miteinander verbindet.

Silvan Meier
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Der Legor ist das Fasnachtssymbol der Fasnacht in Oberägeri. (Bild: Stefan Kaiser)

Der Legor ist das Fasnachtssymbol der Fasnacht in Oberägeri. (Bild: Stefan Kaiser)

Silvan Meier

«Ihr ratet wohl, wo ihr wollet hineinkommen aber Euer keiner hat geraten, wo ihr wollet wieder herauskommen.» Das soll Hans Kuony von Stocken dem Habsburger Herzog Leopold am Vorabend des 15. November 1315 gesagt haben. Der Hofnarr des Kriegsherren sollte Recht behalten: Bei Morgarten geriet das Heer Leopolds in einen Hinterhalt. Dem Herzog soll die Flucht nur in extremis geglückt sein. Auch wenn Historiker zwar nicht die Schlacht bei Morgarten, aber zumindest deren genauen Verlauf und auch die Existenz von Hans Kuony von Stocken (oder Stockach) in Frage stellen, hat die Figur bis heute Bestand. Kuony von Stockach lebt in Oberägeri als Fasnachtssymbol weiter (siehe Box). Und auch in Stockach nordwestlich des Bodensees wird dem Hofnarr Leopolds die Ehre erwiesen. Für seinen weisen Rat während des Feldzugs in der Innerschweiz soll er sich vom Herzog die Durchführung eines alljährlichen Narrengerichts in seiner Heimatstadt erbeten haben. Gewährt wurde ihm dieser Wunsch im Jahr 1351 von Leopolds Bruder Erzherzog Albrecht des Weisen.

Dieses Narrengericht wird bis heute jedes Jahr am Schmutzigen Donnerstag aufgeführt, mit hochkarätigen Beklagten. Bereits wurden Joschka Fischer, Guido Westerwelle oder Bundeskanzlerin Angela Merkel vom Narr, der in einem rot-schwarzen Gewand auftritt, zu sogenannten Weinstrafen verurteilt. Das Spektakel wird jeweils am Fernsehen übertragen.

Neuer Termin für die Legoren

Weil das Narrengericht auf den Rat von Hans Kuony von Stocken im Jahr 1315 zurückgeht, feiert man auch in Süddeutschland 700 Jahre Morgarten. An einem zweitägigen Narrentreffen am 31. Januar und 1. Februar wird auch das Narrengericht vorgeführt. Quasi in der ersten Reihe werden dann die Oberägerer Legoren stehen. «Wir wurden von den Stockachern eingeladen», sagt Legorenvater Michi Rogenmoser. «Uns verbindet eine lange Freundschaft mit Stockach.» Diese Verbundenheit ist so eng, dass das Narrentreffen extra für die Legoren verschoben wurde. Ursprünglich war es am Wochenende vom 24./25. Januar geplant. Doch dann findet die Hauptseer Fasnacht in Morgarten statt. Die Legoren und auch die Morgartener hätten gefehlt. Nun sind beide Fasnachtsgruppen genau wie die Wylägerer Fasnachtsgesellschaft in Stockach vertreten.

Grosse Ehre für Oberägerer

Die Legoren werden am 31. Januar mit rund 150 Leuten Richtung Bodensee losfahren. Mit dabei sind der Hohe Legorenrat, die Legorengilde, die Legorengruppe, die Tambouren, die Tiroler, die Wagenbauer, die Guggenmusiken Papageno und F’Ägerer, das Päckliwagen-Team und die Fasnachtsvergraben-Musik. «Mit einer solch grossen Delegation sind wir noch nie verreist», sagt Michi Rogenmoser. Und damit nicht genug: «Wir packen auch gleich einen Umzugswagen mit ein.» Dieser wird in Oberägeri demontiert und in Stockach für den grossen Umzug am Sonntag wieder aufgebaut. Als dritte Nummer haben die Oberägerer das Privileg, gleich hinter dem «Hohen Grobgünstigen Narrengericht zu Stocken», wie es offiziell heisst, durch das Städtchen zu fahren.

Ihren ersten grossen Auftritt haben die Legoren und mit ihnen alle anderen Schweizer Zünfte und Fasnachtsgesellschaften bereits am Samstagabend. Dann findet um 18 Uhr der «Marsch der Schweizer» mit anschliessender Brauchtumsvorführung statt. Die Legoren werden dann das Fasnachtsvergraben zeigen, den Moment am Güdeldienstag, wenn der Legorengrind heruntergeholt und für ein Jahr zur Ruhe gelegt wird.

Langjährige Freundschaft

Die Feierlichkeiten enden aber nicht mit dem Narrentreffen. Am Stadtfest in Stockach am 13. Juni wird eine Schweizer Delegation vor Ort sein. Und Stockacher werden für das Volksfest 700 Jahre Morgarten vom 19. bis 21. Juni wie auch für das Morgartenschiessen vom 15. November ins Ägerital reisen.

Die Freundschaft zwischen den Legoren und den Stockachern ist schon viele Jahre alt. Besuche und Gegenbesuche hat es schon mehrere Male gegeben. Die Fasnachtstraditionen unterscheiden sich aber. «Wir haben etwas Ähnliches wie das Narrengericht», sagt Michi Rogenmoser. «Beim Bühnenspiel nach dem Umzug ‹richten› wir jeweils auch ein bisschen.» Wichtiger ist für ihn aber etwas anderes: «Uns verbindet die Freude an der Fasnacht und an der Tradition.»