OBERÄGERI: Ein weisser Schuppen sorgt für rote Köpfe

Das Bahnhöfli hat einen neuen Anstrich erhalten. Für die einen ist das Kunst, für andere ein absoluter Blödsinn.

Luc Müller
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Vorher ein unauffälliges Häuschen, jetzt in Weiss getaucht: Der alte Bahnhof der Zuger Strassenbahn sorgt für Gesprächsstoff. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Vorher ein unauffälliges Häuschen, jetzt in Weiss getaucht: Der alte Bahnhof der Zuger Strassenbahn sorgt für Gesprächsstoff. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Ist das Kunst – oder besser gesagt: Was ist Kunst? Diese Frage beschäftigt derzeit viele, die in Oberägeri den weiss bemalten Holzschuppen an der Morgartenstrasse erblicken. Dieser ist Teil des alten Bahnhofs der elektrischen Strassenbahn, die einst zwischen dem Bahnhof Zug und Oberägeri zirkulierte. Die Bahn nahm im September 1913 ihren Betrieb auf. Im Mai 1955 wurde die Strecke eingestellt.

Lange war der Holzschuppen ungenutzt – eine Seite wurde vor allem gerne mit Plakaten für Veranstaltungen vollgepflastert. Die Künstlerin Johanna Näf hat sich während einer Ortsbegehung direkt in das Gebäude verliebt: «Das ist ein wunderschöner Holzbau», schwärmt sie. Für die Skulpturenausstellung in Oberägeri – zwölf Kunstobjekte sind bis 15. September im öffentlichen Raum zu sehen – hat sie zu gelöschtem Kalk gegriffen. «Ich wusste sofort, dass ich das Gebäude zum Kunstobjekt machen will», so die Zugerin, die bis vor einem Jahr in Baar noch ein Atelier hatte und nun in Luzern wohnt. Ein Bauer habe in ihrem Auftrag das aufgelöste Kalkpulver mit einer Spritzpistole aufgetragen.

«Die Farbe ist umweltfreundlich und verblasst mit der Zeit von selbst. Ich wollte bewusst mit dieser Vergänglichkeit spielen.» Ihr sei es darum gegangen, den historischen Bau, der in Oberägeri in Vergessenheit geraten sei, wieder ins Bewusstsein zu rücken. «Dank des Anstriches erhält das Gebäude eine andere Aussage und wird als Objekt neu wahrgenommen», erklärt die Künstlerin. Mit Kalk hat Johanna Näf schon einmal im Rahmen eines Kunstprojektes experimentiert: In den 1990er-Jahren hat sie Bäumen beim Zuger Landsgemeindeplatz weisse Ringe aufgemalt, «um die Perspektive zu verändern», so Johanna Näf.

Eine Zwischennutzung

Im Dorf können viele nichts mit dem weissen Schuppen anfangen: «Das ist ein absoluter Blödsinn», findet der Unterägerer Hans-Rudolf Iten-Hartmann (73), der dazu gleich einen Leserbrief verfasst hat. «Heute kann man ja einen Bleistift aufstellen und das gilt schon als Kunst.» Einfach Farbe über das alte und dreckige Holz zu schmieren, sei wirklich nicht schön. «Das ist schwer verständliche Kunst für mich», betont Iten. Er ist nicht der Einzige, der sich über das «Kunstobjekt» aufregt. Gemeinderat Peter Staub, Sicherheitschef und Präsident der Fachgruppe Kultur, bestätigt, dass gerade das weisse Häuschen am kontroversesten diskutiert wird. «Es gibt solche, die das einen Seich finden», so Staub, «andere sind von der Idee begeistert.» Dass es einen Diskurs über Kunst und Kultur gibt, ist ganz im Sinne der Ausstellung unter freiem Himmel. «Es ist durchaus erwünscht, sich darüber zu unterhalten und erfreut oder kritisch die Kunststücke zu betrachten. Unser Ziel ist es, Ihnen mit dieser Ausstellung ein Stück Kunst in Oberägeri zu vermitteln», schreibt Peter Staub im Vorwort des offiziellen Kataloges zur Skulpturenausstellung. Das Haus neben dem Schuppen, das Bahnhofsgebäude des ehemaligen Zuger Trams, steht unter Denkmalschutz. 2014/15 will der Gemeinderat von Oberägeri an einer Gemeindeversammlung den Kredit für die Sanierung des Hauses und des Schuppens beantragen. «Dass der Schuppen weiss ist, ist sozusagen eine Zwischennutzung», so Staub.