OBERÄGERI: Eine echte Familiengeschichte

Von Anfang an war die Badi ein Familienunternehmen gegenwärtig bereits in dritter Generation. Diese Ära geht nun zu Ende.

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Die Familie vor gewohnter Kulisse in «ihrer» Badi. Christian Blattmann lässt
den Frauen 
den Vortritt: Tochter Tanja, Mutter Ida, 
Frau Yvette und Enkeltochter Fiona (von links). (Bild Werner Schelbert)

Die Familie vor gewohnter Kulisse in «ihrer» Badi. Christian Blattmann lässt den Frauen den Vortritt: Tochter Tanja, Mutter Ida, Frau Yvette und Enkeltochter Fiona (von links). (Bild Werner Schelbert)

Carmen Desax

46 Jahre war die Badi Oberägeri in Familienhand in jener der Familie Blattmann. «Was wir alles erlebt haben, ist schwierig, in zwei, drei Sätzen zusammenfassen», sagt Christian Blattmann und schaut etwas über den See in die Ferne. Er werde schon wehmütig, wenn er an den Abschied denke, immerhin sei er hier quasi aufgewachsen. «Ich erinnere mich gut, als mein Vater uns Kinder beim Frühstückstisch fragte, was wir davon halten, wenn er eine Badi eröffnen würde.» Das war 1967, und die Kinder hielten das erst für einen Witz. Damals sei die Gemeinde auf seinen Vater, Christian Blattmann senior, zugekommen und habe ihm das Land am See abkaufen wollen, um eben eine Badi zu bauen. Doch der Bauer wollte nicht. Er hing am Land, das seit Generationen im Besitz seiner Familie war. Also entschloss er sich kurzerhand, selber ins Badi-Geschäft einzusteigen. «Daraus ist dann eine Familiengeschichte geworden», so Blattmann junior. Er lächelt und schaut zu seiner Tochter, die ebenfalls am Tisch auf der gemütlichen Sonnenterrasse sitzt.

Vom Ferienjob zur Hauptaufgabe

2012 hat Tanja Blattmann die Führung der Badi zusammen mit ihrem Lebenspartner Mathias Böbner übernommen. «Ich habe mit der Hotelfachschule einen ganz anderen Weg eingeschlagen», sagt sie. In den Semesterferien war sie aber immer froh um den Ferienjob am See. Vor acht Jahren erlitt Christian Blattmann einen Herzinfarkt. Da sei klar gewesen, dass sie einspringen würden. «Es war aber nie ein Müssen, ich habe das immer gerne gemacht.» Am 5. September nun wird die Badi Oberägeri, wie sie viele Gäste seit Jahren kennen, ihre Tore endgültig schliessen. Bald schon fangen dann die Bauarbeiten für das Ägeribad an. Dieses wird künftig im Sommer mit Aussenbecken und Seeanstoss die bisherige Badi ablösen. «Täglich sprechen uns Leute darauf an, wie es weitergeht», so Tanja Blattmann.

Die beiden reden gerne über das Erlebte. Sie hätten viele Arbeiten und Erfahrungen gemacht, die man in einem normalen Job nicht machen könne. Andererseits hätten sie auch verzichten müssen, wie zum Beispiel auf Sommerferien. Schwierig war auch die Planung. «Jeder Sommer ist eine Wundertüte», bringt es die Tochter auf den Punkt. «Wir und die Angestellten mussten sehr flexibel sein.» An einem schönen Sommertag können gut und gerne 14 Mitarbeiter beschäftigt werden. Regnet es, reichen zwei. «Man weiss nie, was kommt zum Glück», ergänzt die 32-Jährige lachend.

Der Sturm war einschneidend

Besonders zwei Ereignisse haben Christian Blattmanns Zeit in der Badi geprägt. Einerseits fällt ihm der Bau des Kinderplanschbeckens ein. Das war im Jahr 1994, als er zusammen mit seiner Frau Yvette den Betrieb übernommen hat. «Es ist eine Eigenkonstruktion, die ich mit einem Gärtnermeister entwickelt und umgesetzt habe.» Sie war von Anfang an ein voller Erfolg, sogar der Zuger Stadtingenieur sei vorbeigekommen und habe die Konstruktion schliesslich kopiert. «Ich habe mich gerne um die gesamte Anlage gekümmert und mir die Hände schmutzig gemacht, sei es beim Verlegen der Bodenplatten oder bei der Pflege des Rasens», so Blattmann. Da sei er halt ganz Bauer geblieben.

Das zweite, wenngleich unschöne Ereignis bezieht sich auf den Sturm, der 2011 über Ägeri zog und auch in der Badi ganze Bäume entwurzelte. «Wir sind haarscharf daran vorbeigeschlittert, dass es Tote gab», erinnert er sich. «Das macht einen dankbar.» Tochter Tanja ergänzt: «Viele Leute kamen spontan, um zu helfen. Es sah ja aus wie auf einem Schlachtfeld.» Bei einigen Gästen seien sogar Tränen geflossen.

Tränen werden beim Abschied vielleicht auch bei den Blattmanns fliessen. «Der Badibetrieb wird mir nicht gross fehlen, aber die Stammgäste und der soziale Kontakt schon», gibt Christian Blattmann zu. Einige Gäste kommen seit der Eröffnung regelmässig, da seien Freundschaften entstanden. Er freue sich vor allem darauf, dass es ruhiger wird. Er und seine Frau können sich nun ein paar Träume verwirklichen. «Skandinavien reizt mich, da kann man ja nur im Sommer hin.» Tanja Blattmann hingegen freut sich auf mehr Kontinuität. «Ich wünsche mir einen Job, der nicht gross vom Wetter abhängt», meint sie.

Abstimmung als Stichtag

Auf die anstehende Veränderung vorbereiten konnten sich die beiden und ihre Familie während der letzten fünf Jahre. «Als die Idee eines Schwimmbades aufkam, war klar, dass etwas geschieht», so der Vater. Der Abstimmungssonntag war gleichzeitig auch Stichtag für die Familie. «Wir waren unglaublich nervös und emotional», erinnert sich Tanja Blattmann. «Es war der letzte Sommertag dieses Jahres, wir hatten die Badi voll», weiss der Vater noch.

Abschied genommen wird mit den Stammgästen. «Wir haben viel Schönes erlebt, doch der Zeitpunkt, aufzuhören, ist nun reif», sind sich Vater und Tochter einig.