OBERÄGERI: Mit Brettern retten sie Moore

Die Gemeinde renaturiert Feuchtgebiete. Mit einer Methode, die über die Landesgrenzen hinaus Schule gemacht hat.

Silvan Meier
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Mit einem Bagger versenken Mitarbeiter der Korporation Bretter im Waldboden, damit das Wasser nicht abfliessen kann. (Bild: Christof Borner-Keller)

Mit einem Bagger versenken Mitarbeiter der Korporation Bretter im Waldboden, damit das Wasser nicht abfliessen kann. (Bild: Christof Borner-Keller)

Und das soll ein Moor sein? Das haben sich wohl viele der rund 30 Oberägerer gefragt, die am Mittwochabend beim Ijenstääli den Ausführungen von Peter Staubli folgten. Der promovierte Biologe ist Berater der Oberägerer Fachgruppe zur Umsetzung der LEK-Massnahmen. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich das Landschaftsentwicklungskonzept. Dieses im Jahr 2010 vom Gemeinderat genehmigte Papier beinhaltet vereinfacht gesagt Massnahmen in Sachen Umwelt- und Naturschutz. Eines der Ziele lautet: Renaturierung des «degradierten Hochmoors im gemeindlichen Naturschutzgebiet Ijenstääli». Dort ist derzeit die Korporation Oberägeri an der Arbeit, um das Moor, das kaum mehr als solches erkennbar ist, wiederherzustellen. Nur eine kleine Lichtung und der weiche Boden weisen noch darauf hin, dass hier früher auf einer grösseren Fläche keine Bäume gewachsen sind. Noch heute eindrucksvoll ist der Abbruch nur ein paar Schritte weiter. Gegen zwei Meter fällt das Gelände plötzlich ab. «Hier befindet sich die Torfabstechkante», erklärt Staubli. Im letzten Jahrhundert wurde im Ijenstääli Torf als Brennmaterial abgebaut. Das Hochmoor wurde dadurch aber in seiner Ausdehnung stark eingeschränkt. Das Wasser konnte besser abfliessen – und plötzlich begannen Fichten zu wachsen.

Boden birgt Klimageschichte

Dieser schleichenden Verwaldung wird nun entgegengewirkt – mit einfachen Mitteln. Die Forstwarte der Korporation pressen mit einem Bagger Bretter in den Untergrund. «Wir bauen eine Spundwand», erklärt Förster Kari Henggeler. So wird das Wasser am Abfliessen gehindert. Der Boden wird feuchter und saurer, was den Fichten überhaupt nicht passt. Sie sterben mit der Zeit ab. Das ist für den Förster zu verschmerzen, auch wenn er seinen Rohstoff verliert. «Wegen des Torfs können die Bäume nicht in der Tiefe wurzeln», erklärt Henggeler. «Sie fallen oft um, bevor sie wirtschaftlich einen Nutzen bringen. Deshalb geben wir diese Fläche lieber dem Moor zurück.»

Dass nun im Ijenstääli noch ein paar Bäume stehen, findet Peter Staubli aber ganz in Ordnung. «Sie sind unsere Erfolgskontrolle», erklärt er. «Wenn sie absterben, funktioniert die Renaturierung des Hochmoors.» Dieses ist aus seiner Sicht nicht nur für Fauna und Flora wichtig, sondern auch für die Wissenschaft: «Der Boden ist ein Archiv. Nimmt man im Torfmoor Proben, kann man die Klimageschichte der letzten 10 000 bis 12 000 Jahre untersuchen.»

Sägemehl ersetzt den Torf

Eine solche Bodenprobe nimmt Staub­li einen halben Kilometer weiter – allerdings mit anderen Absichten. Hier, im Breitried, ist die Renaturierung des Hochmoors schon viel weiter. Anfang der 1990er-Jahre war das Breitried von fast anderthalb Kilometern Entwässerungsgräben durchzogen. Das wollte Staubli rückgängig machen. Doch dafür mussten die Gräben gefüllt werden mit einem Material, das das Wasser zurückhält. Ideal wäre Torf, aber der ist kaum zu erhalten, ohne ein anderes Hochmoor zu zerstören. Staubli griff zu einem Trick. Er verwendete Sägemehl. «Wir haben das die ‹Zuger Methode› genannt», erklärt der Biologe. «Heute hat sie sich durchgesetzt und wird auch in Deutschland angewendet.» Nun, 18 Jahre später, hat er einem der Gräben eine Probe entnommen – die ihn überrascht: Das Sägemehl ist erhalten geblieben.

Korporation holzt mit dem Kran

Verändert hat sich dafür die Flora: Links und rechts des Wegs wächst Wollgras. Nur dem Experten fallen die Unterschiede auf. «Hat das Wollgras mehrere Köpfe, wächst es in einem Flachmoor», erklärt Staubli. Im feuchteren Hochmoor habe das Wollgras nur einen Kopf. Dort fühlen sich auch der Sonnentau und die Rosmarinheide wohl. Diese Pflanzen sollen in Ruhe weiter gedeihen. Die Korporation Oberägeri, die sich in den letzten Jahren mit viel Engagement für die Rettung des Breitrieds eingesetzt hat, will in dieser Saison gleich im Wald hinter dem Moor rund 500 Tonnen Holz schlagen. Früher sind die Waldarbeiter mit schwerem Gefährt bis an den Waldrand gefahren. Nun stellen sie einen Seilkran auf, um das Breitried zu schonen – und nehmen dafür sogar Mehrkosten in Kauf.