OBERGERICHT: Mäster lässt Tiere unnötig leiden

«Noch immer katastrophale Schweinehaltung trotz einiger Verbesserungen», stellt eine Tierärztin fest. Mit Folgen für den Mäster.

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Ein Ostschweizer Schweinemäster ist der mehrfachen Tierquälerei schuldige gesprochen worden.  (Archivbild) (Bild: KEYSTONE/AP/DANIEL MAURER)

Ein Ostschweizer Schweinemäster ist der mehrfachen Tierquälerei schuldige gesprochen worden. (Archivbild) (Bild: KEYSTONE/AP/DANIEL MAURER)

Jürg J. Aregger

Erstinstanzlich war der 55-jährige Beschuldigte vom Vorwurf der Vernachlässigung von Tieren freigesprochen worden. Die feststehende Verschmutzung und das möglicherweise mangelhafte Beschäftigungsmaterial müssten zu einem Leiden der Schweine und einer Beeinträchtigung des Wohlergehens führen. Dies sei vorliegend nicht erwiesen. Laut Bundesgericht führe nicht jede Verschmutzung der Tiere oder jedes Unterlassen der Stallreinigung zu einem Schuldspruch wegen Tierquälerei.

Wie das Zuger Obergericht unter Abteilungspräsident Paul Kuhn im kürzlich veröffentlichten Urteil feststellt, waren die Böden von rund der Hälfte der 36 Buchten mit total 400 Mastschweinen grossflächig mit nassem, glitschigem und teilweise mehrere Zentimeter dickem Kot bedeckt. Dies stelle eine Missachtung der Tierwürde dar und «führte zwangsläufig zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Wohlergehens der betroffenen Schweine: Erstens war die Trittsicherheit nicht mehr gewährleistet, was die Tiere andauerndem Stress und damit einem unnötigen Leiden aussetzte. Zweitens waren die Mastschweine mangels Alternativen genötigt, sich zur Abkühlung ihrer Körper im eigenen Kot zu wälzen.»

Vernachlässigter Mastbetrieb

Zudem hätten das vorhandene Kohlenstoffdioxid und das Ammoniak die Gesundheit der Tiere zusätzlich beeinträchtigen können. Eine amtliche Tierärztin sei sehr wohl in der Lage, zwischen einem normal gepflegten und einem vernachlässigten Mastbetrieb zu unterscheiden. Sie zog folgendes Fazit: «Noch immer katastrophale Mastschweinehaltung trotz einiger Verbesserungen.» Die erste Kontrolle fand im November 2009 statt. Die zweite, die zum vorliegenden Verfahren führte, im Sommer 2010. Dabei wiesen rund 185 Mastschweine «dicke Kotkrusten am ganzen Körper» auf. So folgten die Oberrichter der Anschlussberufung von Staatsanwalt Laurent Rossé und verurteilten den Beschuldigten wegen Tierquälerei. «Schweine können nicht schwitzen. Es ist für sie ein Freudentag, wenn sie im Sommer im Dreck liegen können», hatte der Mäster vor Gericht geltend gemacht.

Umstrittene Zertifizierung

Der Staatsanwalt legte dem Beschuldigten auch zur Last, in Verkaufsverhandlungen wahrheitswidrig angegeben zu haben, die Schweinemast verfüge über eine QM-Zertifizierung. So seien die Tiere zur Schlachtung zu einem höheren Preis verkauft worden. Dies machte pro Kilo 10 Rappen aus, also 3 Franken statt 2.90. In dreieinhalb Monaten wurden ab diesem Mastbetrieb 116 000 Kilo Schweine an einen Fleischverarbeiter abgegeben, der somit 11 600 Franken zu viel bezahlt hatte. Wenn man gewusst hätte, dass der Betrieb nicht zertifiziert war, hätte man die Tiere erst gar nicht gekauft. Dieser klagte denn auch. Diesbezüglich verurteilte das Strafgericht den Mäster wegen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung. Auch in diesem Punkt plädierte der erbetene Verteidiger auf Freispruch. Für das Obergericht ist jedoch nicht zweifelsfrei erstellt, ob die beiden Käufer vom Mäster getäuscht worden waren. Zu seinen Gunsten wurde nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Beschuldigten» davon ausgegangen, dass den Käufern nicht verborgen bleiben konnte, dass der Stall nicht zertifiziert war. Nicht Gegenstand der Anklage sei eine allfällige Beteiligung des Verkäufers als Mittäter, Anstifter oder Gehilfe.

Hätte Vorbild sein müssen

Das Obergericht stuft das Verhalten des nicht vorbestraften Mästers betreffend Tierquälerei als umso unverständlicher ein, da er gleichzeitig in verschiedenen Branchenorganisationen der Fleisch-, Milch- und Käsewirtschaft tätig war «und somit als Vorbild hätte wirken müssen». Insgesamt sei aber von einem leichten Verschulden auszugehen. So wurde eine bedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 230 Franken sowie aus spezialpräventiven Überlegungen eine Verbindungsbusse von 2300 Franken «als spürbarer Denkzettel» ausgesprochen. Der Einzelrichter hatte ihn mit 77 Tagessätzen bedingt und einer Busse von 3000 Franken bestraft. Das Urteil ist rechtskräftig.