OBERGERICHT: Obergericht glaubt den Räubern nicht

Zwei Räuber erbeuten für 700 000 Franken Uhren und Schmuck. Durch Zufall entdeckt die Polizei die Beute – bei einem Dritten.

Jürg J. Aregger
Merken
Drucken
Teilen
Die zwei Räuber hatten für 700 000 Franken Uhren und Schmuck erbeutet. (Symbolbild Neue LZ)

Die zwei Räuber hatten für 700 000 Franken Uhren und Schmuck erbeutet. (Symbolbild Neue LZ)

195 Sekunden dauert der Überfall am 11. Juni 2014 auf eine Bijouterie an der Bahnhofstrasse in Zug. Auf dem Video sieht man, wie die Inhaberin und drei Verkäuferinnen mit einer Pistole bedroht werden und sich auf den Boden legen müssen. Mit zwei Hämmern werden Gläser der Schaufenster eingeschlagen. Die beiden Räuber behändigen 127 Markenuhren im Wert von 592 000 Franken sowie Schmuck für 121 000 Franken. Die Schäden beziffern sich auf 56 000 Franken. Die Männer flüchten mit Velos.

Am anderen Morgen führt die Zuger Polizei eine Hausdurchsuchung in der Wohnung eines Serben in Baar durch. Die Zürcher Polizei vermutet ihn als Urheber eines Einbruchs. Er muss sich später vor Gericht verantworten. Dabei trifft die Polizei auf zwei Landsleute im Alter von 40 und 35 Jahren. Diese hatten zuvor eine Sporttasche und weitere Gegenstände auf einen andern Balkon geworfen, was von einer Nachbarin beobachtet worden war. In der Sporttasche befand sich die ganze Beute des Überfalls. Die beiden Serben bestreiten vorerst eine Tatbeteiligung. Das Strafgericht unter der Verfahrensleitung von Stephan Dalcher sprach sie Mitte Februar des Raubes und der Sachbeschädigung schuldig und verurteilte sie zu Freiheitsstrafen von 53 Monaten und fünf Jahren. Alle Parteien zogen das Urteil ans Obergericht weiter.

«Nur Hehler»

Der jüngere der Beschuldigten erklärte, dass er die Beute von einem ihm Unbekannten erhalten hatte und diese am nächsten Tag zurückgeben sollte. Vom Überfall habe er keine Kenntnis gehabt und auch den Unbekannten, der ihn in einem Restaurant in Zug angesprochen hatte, nicht gekannt. Dies stufte seine amtliche Verteidigerin als Hehlerei ein und forderte eine Freiheitsstrafe von maximal 18 Monaten.

Der Verteidiger des älteren Beschuldigten forderte gar Freispruch. Er könne nicht Mittäter von unbekannten Tätern sein. Auch eine Absprache sei nicht aktenkundig. Die Vorwürfe verletzten den Anklagegrundsatz und die Beweiswürdigung «Im Zweifel für den Beschuldigten». Sein Mandant habe keinen Tatbeitrag geleistet: «Die Täter bleiben wohl immer im Dunkeln.»

«Hierarchisch höher»

Staatsanwalt Peter Brändli sagte zu seiner Anschlussberufung, die Beschuldigten hätten vom Einsatz einer Schusswaffe gewusst. Auch wenn diese gesichert und nicht durchgeladen war, sei darin eine besondere Gefährlichkeit zu erblicken. Wie schon vor Strafgericht führte er aus, dass «die ‹Frontarbeit› als der gefährlichste Teil gemeinhin durch niedere Chargen verrichtet wird. Je höher ein Täter in der Kette steht, desto weiter kann er sich im Hintergrund halten. Es muss davon ausgegangen werden, dass die beiden hierarchisch über den in der Bijouterie anwesenden Tätern stehen». So forderte er wegen qualifizierten Raubs Freiheitsstrafen von fünf und sechs Jahren.

Das unter Abteilungspräsident Paul Kuhn tagende Obergericht hält fest, dass der Ältere der Beschuldigten «unterschiedliche Aussagen zu wichtigen Aspekten des Sachverhalts» machte. Dies spreche gegen seine Glaubwürdigkeit. Auch sei nicht einzusehen, weshalb der Jüngere dem anderen «ohne Not die Beute aus dem Raub präsentieren und sich so einen Mitwisser schaffen sollte».Im Urteil wird weiter ausgeführt, dass die Vorinstanz richtig erwog, dass «die arbeitsteilige Vorgehensweise zwischen den unbekannten Tätern und den Beschuldigten nur mit einem koordinierten Vorsatz und einem gemeinsamen Tatentschluss möglich war».

Strafe leicht gemildert

Beide Beschuldigten haben ein Kleinkind in ihrer Heimat. Die Strafzumessung der Vorinstanz erachtete das Obergericht als korrekt. Einzig die Vorstrafen in unserem Land wirkten sich beim Jüngeren niedriger aus: drei statt sieben Monate. So wurden Freiheitsstrafen von 53 und 56 Monaten ausgesprochen. Der Ältere zieht das Urteil ans Bundesgericht weiter, wie sein Verteidiger auf Anfrage sagte, der Jüngere hat es akzeptiert.