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OBERGERICHT: Wende im Zuger Schlägerprozess

Ein Schwyzer wird im Zuger ­Bahnhof bewusstlos geschlagen – und darauf vom Strafgericht vom Opfer zum Täter gemacht. Die zweite Instanz spricht ihn jetzt frei.
Andreas Fässler
Symbolbild / Keystone Archiv / Thomas Kienzle

Symbolbild / Keystone Archiv / Thomas Kienzle

Januar 2013, im «Aperto» am Bahnhof Zug: Zwischen vier Männern entbrennt eine heftige Schlägerei. Am Schluss sind alle leicht bis mittelschwer verletzt, die Einrichtung ist beschädigt.

Was war geschehen? Der Schwyzer M. sass mit einem Kollegen im «Aperto» beim Kaffee. Draussen auf dem Bahnsteig standen zwei junge Männer. Ein Austausch von Blicken genügte als Provokation, dass einer der Jüngeren das Geschäft betrat und den beiden Schweizern in gebrochenem Deutsch Prügel androhte. Er verschwand wieder, kam aber gleich darauf zurück, zusammen mit seinem Kumpel. Unversehens schlug einer von ihnen M.s Kollegen ins Gesicht. Als M. ihm helfen wollte, wurde M. so heftig traktiert, dass er bewusstlos liegen blieb – mit Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades. So schilderte M. damals den Verlauf.

Im Juli 2013 flatterte beim heute 32-jährigen M. ein Strafbefehl ins Haus: Anklage wegen Raufhandels und Sachbeschädigung. Zudem hatten die Angreifer Anzeige erstattet – wegen Verletzungen an der Hand – und waren so zu Privatklägern geworden. M. verstand die Welt nicht mehr. Ob man sich etwa tatenlos vermöbeln lassen müsse, wenn man nicht angezeigt werden wolle, fragte er sich und machte die Sache in unserer Zeitung publik. Die Geschichte sorgte für Diskussionen und erhitzte Gemüter, hauptsächlich wegen der rechtlichen Folgen. Es ging sogar soweit, dass FDP-Kantonsrat Thomas Lötscher eine Interpellation an den Regierungsrat einreichte, in der er kritische Fragen zur Rechtssprechung stellte, die bei diesem Fall zur Anwendung gekommen war.

Das Verhalten «verniedlicht»

Die Beteiligten hatten sich darauf im Dezember 2014 vor dem Zuger Strafgericht zu verantworten – die beiden anderen Männer waren ebenfalls angeklagt worden. Für Staatsanwältin Martina Weber war die Sache eindeutig: Das Ganze sei schlicht eine «äusserst primitive Schlägerei» zwischen vier Männern gewesen. M. und sein Kollege würden nun versuchen, ihr Verhalten zu «verniedlichen». Auch dass sich M. in die Opferrolle rücke, indem er sich an die Zeitung gewendet habe, kritisierte die Staatsanwältin. Strafrichter Marc Siegwart räumte ein, dass die beiden Schweizer zwar erst Opfer waren; doch durch ihre Reaktion auf den Angriff sei der Tatbestand des Raufhandels erfüllt. Wer zum Schluss obsiege, sei dabei irrelevant. Das Strafgericht sprach in der Folge nicht nur die Angreifer, sondern auch die beiden Schweizer schuldig.

Einfach weglaufen?

Für M. erneut ein Schlag ins Gesicht, wie er sagte. Er legte Berufung ein. Diese Woche trafen sich M. und sein Verteidiger sowie Staatsanwältin Martina Weber vor dem Zuger Obergericht zur Berufungsverhandlung. Weber hielt an ihrem Standpunkt fest. Raufhandel sei nach wie vor kein Körperverletzungs-, sondern ein Gefährdungsdelikt, schickte sie voraus. «Deshalb ist es gar nicht erst nötig zu beweisen, dass M. sich aktiv an der Schlägerei beteiligt hat. Massgeblich ist einzig die Tatsache, dass er dabei war», stellte sie klar. Er hätte Gelegenheit gehabt, wegzulaufen und der Rauferei auszuweichen. Es könne somit nicht von Notwehr die Rede sein.

M.s Verteidiger bezeichnete diese Argumentation als lächerlich: «Wie kann man einfach weglaufen, wenn man von zwei Männern frontal angegriffen wird und direkt hinter einem ein hoher Bartisch steht?» Genau diese Situation war gemäss Verteidigung auf den Aufnahmen zu erkennen, welche eine Überwachungskamera vom Perron aus mitgeschnitten hatte. Auch sei auf diesen Bildern zu sehen, dass M. sich nicht aktiv an der Auseinandersetzung beteiligte, sondern sich lediglich gegen die Schläge der Angreifer wehrte. «Wer sich gegen Schläge wehrt, der ist zwar beteiligt, bleibt aber straffrei», führte der Verteidiger aus. Für ihn ist es erwiesen, dass M. zu keinem Zeitpunkt in die Offensive gegangen ist.

Dann die Wende

Nach den Plädoyers der beiden Parteien verging keine Stunde, bis das Gericht zu einem Urteil gekommen war: M. wird in allen Punkten freigesprochen. Die Verhandlungskosten werden übernommen und M. für den Aufwand seines Verteidigers vollumfänglich finanziell entschädigt.

Nach Evaluation aller Aussagen sowie der Kameraaufnahmen ist für das Obergericht nämlich klar: Die beiden jüngeren Männer haben die Schlägerei angezettelt. Zwar habe offenbar auch M. zu einem Schlag ausgeholt, aber dies sei klar eine Abwehrreaktion gewesen, wie auf den Aufnahmen zu erkennen sei. Ergo handle es sich um Notwehr. Wer sich schütze und/oder andere verteidige, gelte zwar als am Raufhandel beteiligt, mache sich aber nicht strafbar.

In einem kurzen und prägnanten Satz, bestätigte das Obergericht zum Abschluss der Verhandlung, was mehrere Leserreaktionen auf den erwähnten Zeitungsartikel sowie auch ein Strafrechtsexperte bereits festgestellt hatten: «Wer angegriffen wird, hat das Recht, sich zu wehren.»

Andreas Fässler

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