ÖV: Seine Augen sehen den kleinsten Fehler

Michael Bahsitta hat einen verantwortungsvollen Job. Er ist Streckeninspektor bei den SBB. Sein fotografisches Gedächtnis hilft ihm bei der Arbeit.

Marco Morosoli
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Der SBB-Streckenwärter Michael Bahsitta kontrolliert am Nordkopf des Bahnhofs Zug ein Gleis auf Schadstellen. (Bild Stefan Kaiser)

Der SBB-Streckenwärter Michael Bahsitta kontrolliert am Nordkopf des Bahnhofs Zug ein Gleis auf Schadstellen. (Bild Stefan Kaiser)

Am Mittwochmorgen kurz vor Tagesanbruch steht Michael Bahsitta auf dem Mittelperron des Bahnhofs Cham. Der 51-Jährige macht sich für einen Kontrollgang bereit. Dieser führt ihn auf den Gleisen vom Bahnhof Cham bis zum Portal des Albistunnels und wieder zurück zum Bahnhof Baar. «Wenn mein Arbeitstag zu Ende ist, bin ich 15,5 Kilometer gelaufen», sagt der Deutsche aus St. Georgen im Schwarzwald. Die Aufgabe des SBB-Streckeninspektors ist es aber nicht, möglichst schnell am Ziel zu sein: «Ich muss vielmehr den ganzen Fahrweg kontrollieren und allfällige Fehler notieren, damit die notwendigen Reparaturen in die Wege geleitet werden können.» Auf dieser Doppelspurstrecke konzentriert sich der Süddeutsche aber immer nur auf einen Gleisstrang. Am Mittwoch ist das seeseitige Gleis an der Reihe. Diesen Abschnitt läuft ein Streckeninspektor pro Monat ein- bis zweimal ab.

Sicherheit an erster Stelle

Bevor Bahsitta sich auf den Fussmarsch macht, muss er sich im SBB-Zentralstellwerk in Kloten melden. Dort deponiert er die Bitte, dass auf dem von ihm zu kontrollierenden Gleis die Züge nur aus Richtung Norden herannahen. «So sehe ich sie kommen», sagt der Streckeninspektor. Doch diese Absicherung alleine reicht nicht aus. Er hat auch den Fahrplan genau im Kopf und kontrolliert immer wieder die Signale im Gleisbereich, die auf Zugbewegungen hindeuten. Aus gutem Grund: Im Eingangsbereich des Bahnhofs Cham sind Züge oftmals mit 125 Stundenkilometern unterwegs. Da sind wachsame Augen und ein gutes Gehör eine Lebensversicherung. Die Meldung beim Stellwerk wiederholt Bahsitta noch mehrere Male, bis er am Ziel angelangt ist.

Dass es nicht der erste Kontrollgang auf diesem Stück Gleis ist, fällt schnell auf. Bahsitta hat den Streckenverlauf wie einen Film in seinem Gedächtnis gespeichert. Er weiss genau, wo die 49 Weichen auf seinem Kontrollgang sind und kann deren Nummern ohne Konsultation eines Papiers auswendig dahersagen.

Plötzlich zeigt er auf eine Stelle im Schienenstrang. Auf den ersten Blick ist nichts zu erkennen. Doch bei genauerem Hinsehen ist auf der Schiene eine kleine Delle bemerkbar. «Nichts Schlimmes, sie stört den Betriebsablauf nicht», beruhigt Bahsitta. Er habe den Fehler bei einem vorgängigen Kontrollgang schon bemerkt und an die zuständige Stelle weitergeleitet. Zum Glück sei er in der Zwischenzeit nicht grösser geworden. Diese Stahlschienen müssen bald ausgewechselt werden. Sie sind mehr als 25 Jahre alt und haben ihre «Lebensdauer» erreicht. Das treffe auf verschiedene Abschnitte zwischen Cham bis zur Einfahrt in Baar zu. Im vergangenen Jahr mussten gar zwischen Zug Schutzengel und Cham Alpenblick einige Schienen ausser Plan ersetzt werden. Sie liegen immer noch im Gleisbett.

Der SBB-Streckeninspektor muss heute sehr genau hinschauen: «Je mehr Züge fahren, desto grösser wird der Aufwand für den Streckenunterhalt.» Das trifft auch für die SBB-Strecken im Kanton Zug zu, welche seit der Eröffnung der Stadtbahn vor zehn Jahren intensiver befahren werden als bei deren Bau. Der Unterhalt der Bahninfrastruktur wurde bei den SBB in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eher vernachlässigt. Jetzt wird in dieser Sache laut Bahsitta aber wieder Gas gegeben. Eine Schraube könne er schon selber wieder anziehen, doch andere Mängel bedürften der fachgerechten Behandlung. Diese kann darin bestehen, dass die Schiene geschliffen oder gar ausgewechselt wird. Es ist aber oftmals auch angezeigt, den Schienenuntergrund zu behandeln. Dies wird in der Eisenbahnfachsprache als «Grampen» bezeichnet. Da der Betrieb wann immer möglich nicht unterbrochen werden soll, müssen solche Gleisarbeiten in den nächtlichen Betriebspausen erledigt werden.

«Ein Traumjob»

Kurz vor dem Bahnhof Baar zeigt sich, dass sich solche «Streckenwanderungen» lohnen. Bahsitta hat auf der Gleisoberfläche, dort, wo die Räder aufliegen, einen Metallspan entdeckt. «Da muss etwas gemacht werden», sagt der SBB-Streckeninspektor. Er fotografiert die Schadensstelle. Am Tag nach dem Kontrollgang wird er seine Entdeckung in einen Rapport notieren. Bald kommt hier eine digitale Neuerung zum Zuge. Alle Streckenkontrolleure sollen ein iPad erhalten. Dort können sie künftig abchecken, welche Fehler schon notiert worden sind und in welchem Verfahrensstand sich diese befinden. Dies geschieht mit Hilfe des GPS (Global Positioning System). Damit kann der Unterhalt noch systematischer erfolgen, und ein Teil der Büroarbeit entfällt.

Auf dem Weg von Cham nach Baar wird auch offenbar, dass Michael Bahsitta durch und durch ein Bähnler ist. Er fährt mit seiner Frau im In- und Ausland mit dem Zug kreuz und quer durch die Landschaft. Auf den Vorhalt, dass er einen einsamen Job habe, sagt er nur: «Ich kann ja den Lokomotivführern zuwinken, wenn sie an mir vorbeifahren.» Seinen Beruf bezeichnet er als «einen Traumjob». Er sei gerne draussen an der frischen Luft. Dass bei seiner Arbeit nicht immer die Sonne scheint, macht ihm nichts: «Wir können uns gegen alles wappnen.» Nur wenn zu viel Schnee auf den Gleisen liegt, bringt es kaum etwas, die Strecke abzulaufen. Dann ist er im Führerstand einer Lokomotive unterwegs. Bahsitta sagt: «Fehler kann man auch hören.»