Das Siegerprojekt für die Spinnerei Baar ist offen, verkehrsfrei und durchmischt

Bei einer Informationsveranstaltung erklärte die Jury der Bevölkerung ihren Entscheid bezüglich des Megabaus. 

Fabian Gubser
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Wo sich zurzeit grosse Hallen befinden, soll ein Ort der Begegnung mit Café entstehen.

Wo sich zurzeit grosse Hallen befinden, soll ein Ort der Begegnung mit Café entstehen.

Visualisierung: PD / lilin architekten

«Den Autoren gelang es, das grosse Volumen zu strukturieren». Die Sockel seien versetzt und reichten nicht alle bis zur Strasse. Das Ergebnis: ein schönes Miteinander. Der Basler Jury-Präsident Meinrad Morger erklärte an einer Informationsveranstaltung am vergangenen Dienstag den Entscheid seiner Arbeitsgruppe. Der Zuschlag für den neuen Bau um die alte Spinnerei ging an die Zürcher Büros lilin architekten und Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur. Anwesend im gut besuchten Gemeindesaal Baar waren nebst den Grundeigentümern auch Vertreter der Gemeinde.

Zunächst ein Blick zurück: Die Firma Patrimonium, deren Investoren vor allem Schweizer Pensionskassen und Einrichtungen der beruflichen Vorsorge sind, erwarb das Gelände 2015. Im Frühling 2019 kündigte sie an, das Gebiet «weiterzuentwickeln». Das Areal umfasst die Spinnerei, die grossen Hallen an der Langgasse (die heutige Hauptstrasse) und den Parkplatz zu den «Höllhäusern».

Ungefähr je ein Drittel Arbeits- und Wohnfläche ist für den neuen Bau geplant. Der Rest ist für «Bildung, Freizeit und Kultur» vorgesehen – beispielsweise ein Hotel. Der Sportartikelhändler Decathlon hatte Interesse angemeldet, auf dem Areal zu bleiben. Neu angedacht ist ein (weiterer) grosser Fachmarkt – eventuell der Baumarkt Jumbo. Der alte Gebäudeteil soll weiterhin Büros beheimaten.

Breit abgestützte Jury mit externen Fachpersonen

Am letzten Dienstag gab nun Patrimonium-Geschäftsführer Christoph Syz bekannt, wie viele Wohnungen vorgesehen sind: ungefähr 300 im mittleren Preissegment, 60 preisgünstige (gemäss den gemeindlichen Vorgaben) und 60 Alterswohnungen. Er betonte zudem, wie später die Gemeinde, dass man die historische Spinnerei mit dem Bauprojekt sichtbarer machen wolle (siehe Box).


Mit der Spinnerei kam ein neuer Ortsteil hinzu

Das über 200 Meter lange Gebäude in Baar ist die grösste noch erhaltene Spinnerei der Schweiz. Der Bau wurde 1858 beendet. Nachdem die Leitung im Umkreis Kosthäuser für die Arbeiterfamilien (die sogenannten Höllhäuser) realisiert hatte, entstand abseits des Dorfkerns ein neuer Ortsteil und Industriestandort. Die vorgelagerten Hallen wurden 1980 für die Garnproduktion gebaut. Gemäss alten Gemälden bestand dort zuvor ein grosser Park mit zwei markanten Springbrunnen. Im Jahr 1994 wurde der Spinnerei-Betrieb eingestellt. (gub)

Insgesamt sechs Architekturbüros – davon eines aus Zug – arbeiteten Entwürfe aus. Eine breit aufgestellte 15-köpfige Jury, bestehend aus der Grundeigentümerin, Vertretern der Gemeinde Baar, des Kantons, der Nachbarschaft und externen Fachexperten, wählte schliesslich das Siegerprojekt aus. Dieses dient nun als Grundlage für die weitere Planung.

Meinrad Morger erklärte während des Abends nachvollziehbar, was die Jury an den fünf anderen Entwürfen auszusetzen hatte. Ein Projekt sah ein Hochhaus in der Höhe des Brauereiturms vor, was als «zu mächtig» kritisiert wurde. Ein anderes beschränkte sich lediglich auf einen Haustyp, der nicht zu den verschiedenen Nutzungen gepasst hätte.

Die Jury habe Wert daraufgelegt, dass das Siegerprojekt mit der Umgebung «interagiert», wie es im Architektur-Jargon heisst. Konkret bedeutet dies etwa, dass viele Durchgänge geschaffen werden und die Lorze optisch nicht gegen den Wald Altgutsch mit Wohngebäuden abgetrennt wird. Der Entscheid sei schliesslich einstimmig gefallen. Ein Kritikpunkt hatte die Jury aber auch beim Siegerprojekt: So sei die erste Wohnzeile im Süden zu nahe an der Spinnerei geplant, was zu «bedrängt» wirke.

Die Gemeinde wünscht sich ein buntes Quartier

Auch die Anliegen der Gemeinde Baar sind im Siegerprojekt enthalten: Sie wollte neben einem Bau, der gut in die Umgebung passt, eine «Vielfalt und Mischung» der Nutzungen sowie preisgünstige und generationenübergreifende Wohnungen. «Die heute aussen liegenden Parkplätze möchten wir mehrheitlich in den Untergrund verlegen», erklärte Raumplanerin Helen Bisang. Schliesslich sei es auch wichtig, dass baukulturelle Erbe zu erhalten.

Die Architekten des Siegerprojekts waren persönlich anwesend und in sehr guter Stimmung. «Wir wollen keine Shoppingoase schaffen, sondern ein Quartier, dass überall einen Zugang hat», sagte Urs Oechslin. Sein Kollege Daniel Bünzli erklärte, dass alle Parkplätze im Untergrund vorgesehen sind und das Areal grundsätzlich bis auf die Haldenstrasse, die den Zugang zum noch funktionierenden Generatorenhaus schafft, autofrei sei.

Abstimmung über den Bebauungsplan wohl 2022

Bei der Fragerunde interessierten sich die Besucher vor allem für die Firsthöhe und die Sichtbarkeit der Spinnerei. Genaue Angaben konnten die Verantwortlichen noch nicht machen. Klar sei aber, dass die vier- bis sechsgeschossigen Gebäude nicht grösser als die Spinnerei werden und die Spinnerei im Vergleich zu heute deutlich präsenter wird.

In einem nächsten Schritt erarbeiten die Architekten jetzt ein detailliertes Richtprojekt. Danach muss ein Bebauungsplan erstellt und der Zonenplan revidiert werden, über welche die Bevölkerung abstimmen wird. Dies sei in etwa 1,5 bis 2 Jahren geplant.

Bis 1. Februar, jeweils von 14 bis 19 Uhr, sind alle Projekte des Studienverfahrens in der Spinnerei an der Lorze ausgestellt (Eingang H13, Haldenstrasse 3).