Klingende Trouvaillen der Nachromantik

Im Rahmen der Zuger Orgeltage trat auch Haupt-Initiant Olivier Eisenmann selbst wieder als Interpret in Erscheinung. Gemeinsam mit Verena Steffen an der Querflöte gelang ihm in Walchwil einmal mehr perfekte Intonation.

Jürg Röthlisberger
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Überzeugten mit einem präzisen Zusammenspiel: Olivier Eisenmann, Organist und Organisator der Internationalen Zuger Orgeltage, und Flötistin Verena Steffen auf der Empore der Pfarrkirche Walchwil. (Bild: Stefan Kaiser, 16. Juni 2019)

Überzeugten mit einem präzisen Zusammenspiel: Olivier Eisenmann, Organist und Organisator der Internationalen Zuger Orgeltage, und Flötistin Verena Steffen auf der Empore der Pfarrkirche Walchwil. (Bild: Stefan Kaiser, 16. Juni 2019)

Auch wenn nicht jede Veranstaltung in der Zeitung besprochen wird, hat sich im Lauf vieler Jahre bei den nunmehr 37. (!) Internationalen Zuger Orgeltagen ein Stammpublikum gebildet. Gerade in der Kirche St. Johannes der Täufer in Walchwil sah man das deutlich. Der warme Sommerabend hätte eher zu einer Grillparty angeregt, und seit wenigen Tagen ist der Ort ja auch vom Bahnverkehr abgeschnitten. Trotzdem fand sich ein erfreulich zahlreiches Publikum.

Was den Organisten Olivier Eisenmann für das Duo mit der Flötistin Verena Steffen immer wieder nach Walchwil zieht: Zunächst geht es um die überraschend gute Akustik in der auffallend schmalen und hohen Kirche. Von der oberen Empore aus wirkt der Klang sowohl der Orgel wie weiterer Instrumente im vorderen Kirchenschiff erfreulich abgerundet. Für das nachromantische Programm ein Glücksfall ist vor allem die pneumatische Traktur, welche sonst bei den allermeisten Kirchenorgeln durch die Rückkehr zur Mechanik der Barockinstrumente oder durch elektrische Systeme ersetzt worden ist. Die Pneumatik bringt weichere Einsätze, welche stärker den Tonqualitäten eines Blasinstruments gleichen. Allerdings klingt der Ton gegenüber dem Tastendruck etwas verzögert, was an den Organisten zusätzliche Anforderungen stellt. Dies war für Olivier Eisenmann durch die langjährige Erfahrung aber kein Problem.

Konzentration auf weit mensurierte Stimmen

Auch sonst spürte man im besten Sinn die über Jahrzehnte reichende musikalische Zusammenarbeit. Das keineswegs pedantische, aber immer präzise Zusammenspiel paarte sich mit einer perfekten Intonation; beides wirkte fast wie selbstverständlich. Die Registrierung konzentrierte sich vor allem in der ersten Hälfte fast nur auf weit mensurierte Stimmen. Trotzdem hob sich der Flötenton durch die Atemtechnik stets ausreichend von der Begleitung ab. Nach den Lebensdaten der wenig bekannten Komponisten bewegte man sich fast ausschliesslich im 20. Jahrhundert, also in der so genannten Moderne. Es dominierten aber feste tonale Bezüge im Sinne der Romantik, wofür sich der Begriff Nachromantik eingebürgert hat. Dies erleichterte den Nachvollzug des doch fast anderthalb Stunden dauernden Programms. Eine weitere Gemeinsamkeit: Fast alle gespielten Komponisten waren gleichzeitig Interpreten ihrer eigenen Werke und Musiklehrer. In seiner Doppelbegabung schwankte der Litauer Mikalojus Ciurlionis (1875-1911) ständig zwischen Musik und Malerei.

Am Rande der traditionellen Tonalität

Von den auswärtigen Orgelvirtuosen wünscht Olivier Eisenmann jeweilen, dass sie auch Musik ihrer Heimatlandes interpretieren. Er selber erfüllte diese Erwartung mit der «Petite Fantaisie Pastorale» für Flöte und Orgel von Hans Studer (1911-1984). Der Berner Komponist und Willy -Burkhard-Schüler entfernte sich fast am weitesten von der traditionellen Tonalität. Im Bewusstsein blieb aber stets der Praktiker mit der Frage, was ein Publikum nachvollziehen kann, und wie ein Laienchor im harmonischen Gewebe Einsätze und Intervalle findet. Als Auftragswerk für die beiden Interpreten hatte der Finne Matti-Veikko Kuusi (*1948) die viersätzige Kirchensonate geschrieben. Bei einmaligem Anhören (schweizerische Erstaufführung) imponierte vor allem das Schwanken des Choralbegriffs zwischen dem lateinischen Männergesang aus dem Mittelalter und dem nachreformatorischen Gemeindelied, wie es vor allem durch das Schaffen von Johann Sebastian Bach zur Unsterblichkeit gelangt ist.

Nächstes Konzert der Internationalen Zuger Orgeltage am Sonntag, 23. Juni, 19 Uhr in der Pfarrkirche Bruder Klaus, Oberwil.