Leserbrief

Pädagogen wurden ins kalte Wasser geworfen

«Das Zwischenmenschliche lässt sich nicht digitalisieren», Gastbeitrag, Ausgabe vom 10. Juni

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Carl Bossard vergleicht Online-Unterricht mit konventionellem Präsenzunterricht und beschreibt ihn (Zitat) als einen kontrollierbaren und damit planbaren Prozess – sozusagen als einen linearen Start-Ziel-Lauf, präzis berechenbar und von Algorithmen gesteuert.

Da schwebt ihm offenbar ein Fernunterricht vor, wie wir ihn im letzten Jahrhundert von AKAD (oder vom Institut für programmierten Unterricht) her in Erinnerung haben. Seine Kritik zielt wohl auch auf das improvisierte Homeschooling, wie es manche Schüler während des Coronalockdowns erleben mussten. Die Didaktik des «State of the Art»-Fernunterrichts hat nun wirklich nichts mit diesem Zerrbild von internetbasiertem Unterricht zu tun. Neben bekannten Nachteilen weist dieser Ansatz klare Stärken aus (zum Beispiel Individualisierung, Mastery Learning). Anstatt mit philosophischen Weisheiten aus dem letzten Jahrhundert dem durch Corona verhinderten Präsenzunterricht nachzutrauern, müssen wir uns fragen, warum die pädagogischen Hochschulen während der letzten 20 Jahre die Didaktik des digital unterstützten Unterrichts so sträflich vernachlässigt haben. Kaum eine andere Berufsgattung wurde so schlecht auf das digitale Zeitalter vorbereitet. Selbst junge Pädagogen mit Ausnahme von einigen Autodidakten wurden durch den Lockdown von einem Tag auf den anderen ohne gründliche Vorbereitung ins kalte Wasser geworfen.

Dank enormem Engagement haben sie sich mehrheitlich erstaunlich gut geschlagen. Aber nur mit einer angepassten Didaktik können wir über Distanz den Bedürfnissen der Lernenden gerecht werden. Leider haben viele Lehrerbildner das Feld des Online-Lernens zu sehr den IT-Firmen überlassen und kritisieren, dass sich (Zitat) die Bildung nicht auf technische Aspekte reduzieren lasse.

Für uns Pädagogen ist es nun höchste Zeit, sich nicht mehr gegen die Digitalisierung zu stemmen, sondern sich der Herausforderung zu stellen und reichhaltige und nachhaltige Lernerfahrungen zu schaffen.

Die betroffenen Lehrpersonen und ihre Schüler brauchen jetzt keine Lobreden auf in Coronazeiten unrealistische Idealzustände, sondern konkrete Unterstützung, um das Beste aus der Situation zu holen. Zum Glück bieten manche Pädagogischen Hochschulen heute spezifische Hilfen an, um Versäumtes nachzuholen.

Ernst Elsener, Master Open and Distance Education, ehemals Informatik-Didaktiker an der PHZ, Cham