Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Paracetamol-Pärchen» vor dem Richter

Es ist einer der skurrilsten Prozesse im Kanton Zug in den letzten Jahren. Eine Frau soll aus Gier mit ihrem Liebhaber versucht haben ihren Ehemann zu ermorden. Die Waffe: das Medikament Paracetamol. Sie wurden schuldig gesprochen, legten aber Berufung ein.
Christopher Gilb
War ihr Ehemann ihnen im Weg? Eine 39-Jährige (links) und ein 47-Jähriger sind wegen versuchten Mordes angeklagt. (Zeichnung: Lea Siegwart (Zug, 13. September 2018))

War ihr Ehemann ihnen im Weg? Eine 39-Jährige (links) und ein 47-Jähriger sind wegen versuchten Mordes angeklagt. (Zeichnung: Lea Siegwart (Zug, 13. September 2018))

Gestern standen ein 47-jähriger Schweizer und eine 39-jährige Rumänin vor dem Zuger Obergericht. Ende 2017 hatten die Strafrichter den Mann im Hauptpunkt wegen versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren und 7 Monaten und die Frau wegen versuchten Mordes zu einer Haftstrafe von 11 Jahren verurteilt. Das mutmassliche Opfer war der 53-jährige Ehemann der Rumänin, ein schwerer Alkoholiker mit schlechter Leber aber anscheinend gut gefülltem Konto.

Auf die Schliche kam die Staatsanwaltschaft dem Pärchen, als die Polizei im Zuge eines Kreditkartenbetrugs Einblick ins Handy des 47-Jährigen bekam. Sie stiessen auf Tausende Whats­App-Nachrichten zwischen den beiden: «Hast du Paracetamol?», fragt er. «Nein, aber kann ich kaufen», antwortet sie. «Warum?», will sie noch wissen. «Fünf bis acht Stück (ein Gramm) sind bei schlechter Leber tödlich», erklärt er. Ob sie morgen die Tabletten holen gehe? Und so lesen sich viele der Chats: Es geht um Paracetamol, um Dosierungen, um die Angst, dass ihr Mann all sein Geld verprasst, und um den Schweizer Pass.

Richter will mehr über das Verhältnis wissen

Die Staatsanwaltschaft liess daraufhin eine Haarprobe des Ehemanns untersuchen. Das Ergebnis: Ein viel höherer Paracetamolgehalt, als jener, den er angegeben hatte, selber zu konsumieren. Das Medikament soll die Frau ihm in seine täglichen Schnäpse gemischt haben. Die Angeklagten hielten jedoch bis zuletzt an ihrer Unschuld fest und legten Berufung ein. Der Ehemann selbst war bereits vor der Urteilsverkündung verstorben. Ein Kausalzusammenhang zur Medikamenteneinnahme konnte aber nicht bestätigt werden, weshalb es im Urteilsspruch bei der unvollendeten Tat blieb. Wie schon vor dem Strafgericht machte die Frau auch vor dem Obergericht einen eher labilen Eindruck, immer wieder hörte man sie schluchzen. «Ich fühle mich wie lebendig begraben», sagte sie. Wie ihr Mitangeklagter sitzt sie derzeit in Haft. Das Urteil sei eine Beleidigung für alles, was sie sei. Das sieht auch der 47-Jährige so. Er sei immer noch geschockt, sagt er. Er ist aber eindeutig der gefasstere der beiden. Der Richter will wissen, wie ihr Verhältnis war. Sie bezeichnet sich als Art Klebstoff zwischen den beiden langjährigen Freunden. Er wird zu den intimen Treffen mit ihr konkreter: «Einmal im Haus, einmal in der Natur, einmal im Wald.» Wieso sie vor dem Strafgericht gesagt habe, sie hätte Angst vor dem Mitangeklagten, fragt der Richter nun. Sie zögert: «Wegen seiner Drogengeschichte.»

Sie hatte vor dem Strafgericht behauptet, dass ein Grund für ihre Teilnahme am Chat gewesen sei, dass sie ihrem Mann zeigen wolle, was für ein schlechter Mensch sein Freund sei. Gleichzeitig habe sie aber doch angegeben, dass sie wollte, dass ihr Mann nichts davon erfahre, hakt der Richter nach. Weil sie dieser sowieso nicht ernst genommen hätte, eines Tages hätte es aber vielleicht jemand interessieren können. Der 47-Jährige wiederum argumentiert einerseits, dass er sich durch den Chat den Kontakt mit ihr habe warmhalten wollen, um vielleicht mal «an Hehlerware oder so zu kommen». Anderseits habe er ihr ernsthaft Tipps bei der Behandlung des Kranken geben wollen. Diese habe er von einer befreundeten Psychiatrieangestellten erhalten. «Wir wollten helfen, nicht ihn umbringen», bekräftigt er wiederholt. Zudem habe er für sie, da sie eine schwierige Ehe geführt habe, einfach da sein wollen. Die Anwälte warfen der Vorinstanz in ihren Plädoyers vor allem vor, den Chatverlauf für «bare Münze genommen» zu haben, statt «den Fakten» Aufmerksamkeit zu schenken. Und schossen sich auf die Haarprobe ein. Die einzige Verbindung zwischen Chat und vermeintlicher Tat. Das Institut musste einen neuen Test entwickeln, da der bisherige nicht zum Zweck hatte, solch hohe Mengen an Paracetamol präzise zu erfassen. So fiel das zweite Ergebnis anders aus als das erste. Aus Sicht der Staatsanwalt ist das Ausdruck gewonnener Präzision. Auch die zweite Menge sei noch um ein Vielfaches höher, als die Menge seines Eigenkonsums gewesen. «Und welches Resultat hätte ein drittes Gutachten ergeben?», fragte der Verteidiger der Frau rhetorisch. Beide Verteidiger forderten «im Zweifel für den Angeklagten» ihre Mandanten frei zu sprechen. Der Verteidiger der Frau stellte den Antrag, das Testergebnis als unzulässig zu betrachten. Dieser Entscheid wird im Rahmen der Urteilsberatung getroffen, dieses wird schriftlich eröffnet.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.