PICKWINGS: Baarer Start-up sagt LKW-Leerfahrten den Kampf an

Was Uber für den Taxiverkehr ist, ist Pickwings für den Warentransport. 1000 Lastwagen mittlerer und kleiner Unternehmen fahren schon für das Baarer Start-up. Dieses hat Leerfahrten den Kampf angesagt.
Christopher Gilb
Auf Autobahnen herrscht viel Verkehr, es gibt aber auch viele Leerfahrten. Dies will Pickwings ändern. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Auf Autobahnen herrscht viel Verkehr, es gibt aber auch viele Leerfahrten. Dies will Pickwings ändern. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Aussteiger gibt es immer. Doch solche, die aussteigen, um dann als Innovationsbeschleuniger wieder zurückkehren, gibt es wohl erst, seit es das Silicon Valley gibt. Einer davon ist Marc Bolliger. Bis zu seinem 36. Lebensjahr hat der gebürtige Aargauer eine steile Karriere in der Logistikbranche gemacht. Er begann als KV-Stift und schaffte es bis auf einen Managerposten bei einem der grössten Schweizer Konzerne in diesem Bereich. Dann hatte er genug. Bolliger packte seinen Koffer und ging mehrere Jahre auf Reisen. In Australien begann er dann Wirtschaft zu studieren, über ein Studienprojekt verschlug es ihn ins Silicon Valley bei San Francisco, bedeutendster Standort der IT- und Hightech-Industrie weltweit. Er liess sich inspirieren.

«Wenn ein Paket bei einem Onlinehändler bestellt wird, läuft alles automatisch und digital, doch was ist beispielsweise bei Paketen über 30 Kilogramm?» Die Strassentransportbranche, so Bolliger, sei ganz und gar nicht auf der Höhe der Zeit. «Viel zu viel Papier, viel zu kompliziert.» Lässig sitzt der 41-Jährige an seinem Schreibtisch im Büro des Start-ups Pickwings in Baar, umgeben ist er von allem, was die neue Technik zu bieten hat. Bolliger trägt einen Dreitagebart, ein T-Shirt mit Logo des Start-ups, enge Jeans und Sneakers. Zur Begrüssung fragte er: «Wie gehts dir?» Vor gut zwei Jahren begann er mit der Umsetzung seiner Idee. Dazu tat er sich mit seinen heutigen Geschäftspartnern Thomas Federer und David Peyer zusammen. «Richtige Nerds sind das», sagt er. Ziel war es, ein digitales Portal für den Warentransport zu entwickeln, ähnlich dem, was Uber für den Taxiverkehr ist. Ende Februar 2017 ging dieses auf den Markt. Seitdem sei man wöchentlich im zweistelligen Prozentbereich gewachsen. Auf einem Computer ruft er die Startseite des Portals auf. «Hier kann man eintragen, von wo bis wohin die Lieferung soll, welche Grösse sie hat und wann sie abgeholt werden soll, und los geht’s.» Wer eine Sendung aufgeben will, muss sich zuvor aber registrieren. Sowohl Firmen wie auch Private können das. Sofort wird dem Kunden angezeigt, wie viel die Lieferung kostet und wie lange sie dauert. «Dahinter steckt ein Algorithmus, der viel Programmierzeit beansprucht hat.»

Die drittgrösste Transportflotte der Schweiz

Etwas über 1000 Lastwagen von verschiedenen kleinen und mittelgrossen Logistikfirmen sind in der Zwischenzeit über das Start-up registriert. «Damit haben wir die drittgrösste Transportflotte in der Schweiz», so Bolliger. Bisher habe jeder Auftrag auch ausgeführt werden können. Kommt ein solcher rein, sehen das die Transportfirmen, die auf dem Portal registriert sind, in einer Datenbank. «De Schnäller isch de Gschwinder», sagt Bolliger. Jeder vierte Lastwagen auf Schweizer Autobahnen fahre leer, sagt er. Viele davon vom Welschland in die Deutschschweiz zurück, wo es eben weniger Industrie gebe. Solche Fahrten soll es durch das Start-up zukünftig weniger geben. «Nimmt der Disponent eines Unternehmens dann den Auftrag an, wird sein Fahrer über die Pickwings-Fahrer-App instruiert, inklusive Wegbeschreibung zum Ziel», erklärt Bolliger das weitere Prozedere. Dadurch, dass eine Leerfahrt damit gefüllt werde, wirke sich dies positiv auf den Preis aus. Für die Mitgliedschaft beim Portal zahlen weder Versender noch Transporteure. Dieses finanziert sich aus einer Marge für jeden abgewickelten Transportauftrag. Nach der Durchführung können die Auftraggeber die Fahrer dann über das Portal bewerten. Dies würden die Transportunternehmen sehr schätzen, da sie dadurch einen Qualitätsnachweis erhalten. Auch das Argument, dass durch Pickwings eventuell regionale Geschäftsbeziehungen zwischen Auftraggeber und Logistikfirmen korrumpiert würden, will er nicht gelten lassen. «Die grössten Logistikfirmen haben in den letzten Jahren viele kleinere aufgekauft, andere sind kaputtgegangen.» Dank des Portals seien kleinere nun konkurrenzfähiger, da alle die gleiche Chance hätten, Aufträge in Echtzeit anzunehmen. Die Entwicklung des Portals ist derweil längst nicht abgeschlossen. «Irgendwann wird dieses automatisch erkennen, welcher Fahrer gerade für einen Auftrag am besten geeignet ist. Dann muss dies nicht von den jeweiligen Disponenten immer erst aufs Neue abgeklärt werden», so Bolliger. Auch das Netzwerk von Transportpartnern soll noch weiter wachsen. Bis Ende Jahr soll es 2000 Lastwagen umfassen.

Und dann zum Abschluss macht Bolliger etwas Aussergewöhnliches. Um sich etwas zu notieren, zückt er weder sein Handy noch sein Tablet, sondern ein klassisches Notizbuch.

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