PILGERN: «Es ist Wellness für die Seele»

Karen Curjel reist in diesen Tagen nach Lourdes. Der Wallfahrtsort ist für die Zugerin ein Symbol für Ruhe und Besinnung – obwohl sie dort grossen Einsatz leistet.

Samantha Taylor
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Karen Curjel geniesst in Lourdes die Zeit für sich. (Bild Werner Schelbert)

Karen Curjel geniesst in Lourdes die Zeit für sich. (Bild Werner Schelbert)

In diesen Tagen zeigt sich an Bahnhöfen in der ganzen Schweiz ein ähnliches Bild: bunt durchmischte Gruppen in sportlicher Kleidung mit Koffern oder Rucksäcken auf dem Perron, bereit zur Abfahrt. Mag sein, dass es sich bei einigen um gewöhnliche Wandergruppen handelt. Der Grossteil dieser Reisenden hat jedoch ein Ziel: den Kraftort Lourdes. Der Ort im Südwesten Frankreichs, an dem Maria gemäss Überlieferungen mehrfach erschienen ist, um die Herzen der Menschen zu öffnen und das Wort der Liebe zu verbreiten. Jährlich pilgern fast 6 Millionen Menschen aus aller Welt dorthin. Zwischen heute und Donnerstag reisen alleine rund 1700 Personen aus der Deutschschweiz an den Marienwallfahrtsort.

Eine dieser Reisenden ist Karen Curjel. Die Leiterin der Englischen Mission der Gut-Hirt-Kirche in Zug hat sich gestern Abend zum sechsten Mal auf nach Lourdes gemacht. Sie habe ursprünglich nie einen besonderen Bezug zu dieser Pilgerstätte oder zu Maria gehabt. Vor einigen Jahren jedoch hätten ihr verschiedene Personen von ihren Erfahrungen an dem Ort berichtet. «Irgendwie war ich ganz plötzlich sensibilisiert», erinnert sie sich. 2005 brach die Mutter von vier erwachsenen Kindern dann erstmals zu einer Wallfahrt auf. «Ich ging, wie die meisten Pilger das tun, ohne irgendwelche Erwartungen», erzählt sie.

Eine Bereicherung

Doch schon bei der Anreise im Zug wurde die gebürtige Amerikanerin positiv überrascht. «Es herrschte eine ganz andere Stimmung. Ich habe fremde Menschen erlebt wie noch nie zuvor – so offen, herzlich und voller Liebe.» Das besondere sei, dass alle mit dem selben Ziel unterwegs seien. So wurde während der Fahrt nach Lourdes gemeinsam gesungen, gebetet, geredet und auch einfach mal geschwiegen. «Das ist auch heute noch so. Die Wallfahrt öffnet die Leute und ihre Herzen», ist Curiel überzeugt.

Die 55-Jährige reist allerdings nicht einfach nur zum Spass nach Frankreich. «Ich mache dort keine Ferien», betont sie. Vielmehr leistet Karen Curjel während der sechs Tage, die sie in der 15 000-Seelenstadt verbringt, körperlichen Einsatz. «Ich arbeite in einem der Bäder», erklärt sie. Dort hilft die gläubige Frau gemeinsam mit anderen Pilgern aus aller Welt zweimal täglich alten, jungen sowie körperlich oder geistig eingeschränkten Frauen und Kindern, damit sie in dem Wasser, dem heilende Kräfte zugeschrieben werden, baden können. Die Helferinnen bieten dabei Unterstützung beim Aus- und Anziehen, begleiten Leute ins Wasser, stützen oder tragen diejenigen, die nicht alleine ins Bad können. «Bei dieser Arbeit gibt es immer wieder berührende Begegnungen», beschreibt Curjel. «Es gibt beispielsweise ältere Frauen, die ihr ganzes Leben lang einmal nach Lourdes kommen wollten. Und wenn sie dann tatsächlich da sind, sind sie derart gerührt, dass ihnen die Tränen kommen.» Solche Erlebnisse seien eine Bereicherung.

Schwer in Worte zu fassen

Neben ihrem Einsatz in den Bädern geniesst die Mutter Gottesdienste, Rosenkranzgebete, Spaziergänge, den Austausch mit anderen Pilgern und «die Zeit, die ich für mich alleine habe». Welche Bedeutung die Reise in den Südwesten Frankreis für die Zugerin hat oder was diese in ihr auslöst, kann Curjel nur schwer in Worte fassen. Rührung, Zufriedenheit, Freude sind einige der Begriffe mit denen sie das Gefühl versucht zu umschreiben.

Und schliesslich findet die Zugerin dann doch noch die treffenden Worte für ihre Gefühle: «Diese Reise ist für mich spirituelle Erholung – Wellness für die Seele. Ja, ich glaube genau das ist diese Pilgerreise für mich», sagt sie mit einem zufriedenen Lächeln.